19:46 05 August 2020
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    Immer wieder taucht in der Expertendiskussion über den Ausstieg aus den Corona-Maßnahmen die „kontrollierte Durchseuchung“ auf. In einem Interview mit Sputnik lehnt der Vorsitzende des Vorstands des Weltärztebundes, Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, diese Strategie entschlossen ab und benennt nebenbei ein „Armutszeugnis“ für die deutsche Politik.

    So ist es vor allem Dr. Alexander Kekulé, Professor für Medizinische Mikrobiologie und Virologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle, der die „kontrollierte Durchseuchung“ der Bevölkerung vorschlägt.

    „Wir brauchen endlich eine Taskforce, die das umsetzt“, schrieb Kekulé kürzlich dazu - nicht ohne Kritik der Leser, denn man versteht unter dieser Maßnahme, dass man junge Leute bewusst sich  infizieren lässt, um Herdenimmunität zu erzeugen, während für ältere Menschen die Restriktionen aufrechterhalten werden. Auch der Top-Virologe von der Berliner Charite, Christian Drosten, hält diese Methode für möglich. Das Virus werde sich erst dann nicht weiter verbreiten, wenn zwei von drei Menschen zumindest vorübergehend immun seien, weil sie die Infektion schon hinter sich hätten. 

    Der Präsident des Ständigen Ausschusses der Ärzte der EU, Vorsitzender des Vorstands des Weltärztebundes sowie der Ehrenpräsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, ist da anderer Meinung. „Ich halte gar nichts von 'kontrollierter Durchseuchung’, weil die Gefahr besteht, dass nichts davon ‘kontrolliert’ abläuft“, sagt Montgomery gegenüber Sputnik. „Und wenn das Virus einmal aus der Kontrolle geraten ist, stehen wir vor denselben Problemen wie am Anfang.“

    Eigentlich gilt der 67-jährige deutsche Radiologe als Kritiker des Lockdowns - dieser sei „eine politische Verzweiflungsmaßnahme“, so Montgomery in einem früheren Interview, wer so etwas verhänge, müsse auch sagen, wann und wie er es wieder aufhebe. Ist denn eine „kontrollierte Durchseuchung“ nicht selbstverständlich, wenn man den Lockdown aufhebt? 

    „Eine Durchseuchung ja, aber ob die kontrolliert bleibt?“, 

    fragt Montgomery zurück. Er ist sich sicher: Man wird nicht einfach den Lockdown sofort aufheben, sondern sich Stück für Stück strategisch überlegen, wo man Lockerungen machen kann, etwa wie erst bei den Kindergärten oder Unternehmen mit wenig Kunden in Kontakt und einem hohen Sicherheitskonzept, wie das Innenministerium es vorschlägt. „Und wenn es das geringste Anzeichen gibt, dass es nicht funktioniert, dann muss man sie wieder schließen, rückwärts gehen“, so Montgomery.

    Es wäre ein neuer Generationenvertrag, bei dem die Jüngeren die Infektion auf sich nehmen würden, während die Älteren und Kranken auf soziale Kontakte verzichten würden“, schlug Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) in einem „taz“-Interview vom Montag vor - für Grünen-Veteran Hans-Christian Ströbele ein Fall für das Verfassungsgericht.

    „Wenn man wieder mehr Freiheit macht, den Lockdown teilweise lockert und von der Selbstisolierung der risikotragenden Menschen spricht, da hat Ströbele Recht“, kommentiert Montgomery weiter. Man dürfe so etwas auf keinen Fall per Gesetz machen, es könne nur ein Hinweis oder ein Ratschlag sein und ist ethisch „ein sehr hohes Problem“.

    Es wäre eine Umkehrung des Prinzips Quarantäne, denn man würde nicht diejenigen in der Quarantäne schließen, die krank oder potenziell ansteckend seien, sondern die Gefährdeten, die „nichts dafür können, sich anzustecken“. Man müsse nach den anderen Möglichkeiten suchen, wie man die alten, kranken, die gefährdeten Menschen schützen könne, so der Experte, da käme auch eine bessere medizinische Versorgung der Altenheime z.B. in Frage. Das müsse man aber unabhängig von den Exit-Strategien machen. Die fehlende Versorgung findet Montgomery „einer der wenigen Fehler“ der Corona-Strategie der Bundesregierung, auch wenn es nicht gelungen sei, hier ausreichend die Freiheit der Menschen zu behalten. 

    Was wäre dann der größte Fehler? - Den habe die Bundesregierung im Vergleich zu den anderen bisher „nur sehr wenig“ gemacht, antwortet der Sputnik-Gesprächspartner.

    „Wenn sie einen Fehler gemacht hat, dann lange zurück in dem nicht vernünftigen Aufbau der Melde- und Statistik-Strukturen. Wir wissen einfach nicht genau, was in den Erkrankungen passiert, das ist unser Dilemma. Und in der Tatsache, dass z.B. wir uns heute in der Politik und eher auf die Zahlen einer US-Universität (John Hopkins University - Anm. d. Red.) verlassen, als auf die der deutschen Gesundheitsämter und anderer Gesundheitsbehörden vom Robert-Koch-Institut - das ist ein Armutszeugnis für die deutsche Politik.“       

    „Ein Irrtum, zu glauben, dass …"

    Montgomery meint weiter: „Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass dieses Virus nur alte, kranke und vorgeschädigte Menschen befällt. Der Verlauf beim britischen Premier Boris Johnson ist ein klares Beispiel, dass es auch kraftstrotzende in der Blüte ihrer Kraft treffen kann, und zwar sehr hart. Außerdem wird es auch bei kontrollierter Durchseuchung schwerkranke Patienten geben, deswegen muss man sehr aufpassen bei solchen Strategien einer ‘kontrollierten Durchseuchung’“.

    Auch die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie e.V. (DGI) spricht sich entschieden gegen solche Strategien - selbst wenn manche sie mit einer relativ niedrige Sterblichkeit von jüngeren Menschen von Covid-19 begründen und die rasche Erzeugung einer Herdenimmunität als notwendige Voraussetzung für die Kontrolle der Epidemie betrachten. Es gebe keinen Präzedenzfall für das Funktionieren einer „kontrollierten Durchseuchung“, so der Präsident der DGI Prof. Dr. Bernd Salzberger in einer Stellungnahme. Sollte das Virus breit in der jüngeren  Bevölkerung zirkulieren, müsse man auch mit einem „spillover-Effekt“, also einer Übertragung auf andere Altersgruppen rechnen - mit dramatischen Konsequenzen. „Aber nicht nur für die bekannten Risikogruppen wäre diese Strategie fatal. Auch wenn die Sterblichkeit von Covid-19 bei älteren Menschen deutlich höher ist, wäre die Zahl der Todesfälle bei ungebremster Ausbreitung unter jüngeren Menschen gewaltig. Wir müssten mit deutlich über 100.000 Toten allein bei den unter 60-Jährigen rechnen – das lässt sich aus den Daten, die uns zu dieser Infektion vorliegen, ableiten“, schließt Salzberger.

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    Coronavirus, Bundesregierung