14:16 09 Juli 2020
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    Derzeit diskutieren Politik und Medien über das Gutachten der Leopoldina für eine schrittweise Abschaffung der Corona-Maßnahmen. Die Experten empfehlen der Regierung darin die Öffnung von Schulen und Einzelhandel. Doch wie aussagekräftig ist das 18-seitige Schreiben? Und wofür steht die „Nationale Akademie der Wissenschaften“ aus Sachsen-Anhalt?

    Spätestens seit dieser Woche ist sie in aller Munde: Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte bei der Leopoldina ein Gutachten zur aktuellen Corona-Krise in Auftrag gegeben, nun liegt das Ergebnis vor. Im Zentrum der wissenschaftlichen Untersuchung lag die Fragestellung, wie die Rückkehr zur Normalität nach der Corona-Pandemie gestaltet werden soll. Insgesamt 24 Experten und zwei Expertinnen der „Nationalen Akademie der Wissenschaften“ mit Hauptsitz in Halle an der Saale haben sich daran beteiligt.

    Alles auf Abstand

    In dem Schreiben spricht sich die Leopoldina für eine schrittweise Öffnung der Schulen „so bald wie möglich“ aus und nach Jahrgangsstufen differenziert. Zuerst sollen die Grundschulen und die Sekundarstufe I schrittweise wieder geöffnet werden, heißt es. Um das Abstandsgebot zu wahren, solle der Unterricht sich auf Schwerpunktfächer wie Mathe und Deutsch konzentrieren und in deutlich reduzierten Gruppengrößen von 15 Schülerinnen und Schülern begonnen werden.

    ​Außerdem sprachen sich die Leopoldina-Wissenschaftler für eine Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr aus – und nicht nur dort:

    „Jeder Bürger sollte solch einen Mund-Nase-Schutz künftig bei sich tragen und wo immer der Mindestabstand nicht eingehalten wird, auch anziehen",

    sagte der Präsident der Leopoldina, Gerald Haug, dem „Spiegel"-Magazin. Das gelte im Supermarkt, auf dem Amt und auch bei der Arbeit. Darüber hinaus rufen die Forscher dazu auf, an der bisherigen „marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung festzuhalten“. So solle die Schuldenbremse im Rahmen ihrer derzeit geltenden Regeln beibehalten werden. Erlaubt seien in so besonderen Zeiten wie der Corona-Krise zwar eine deutlich höhere Verschuldung, danach aber wieder eine schnelle Kehrtwende. Auch Steuererleichterungen gehören zu den aktuellen Empfehlungen der Leopoldina.

    Leopol… Wer?

    Viele Bürger mussten zu Beginn der Woche vermutlich erst einmal nachschlagen, wer oder was die Leopoldina genau ist und warum sie von der Politik als überaus wichtig wahrgenommen wird. Immerhin existiert die Akademie bereits seit 1652, was die Einrichtung zur ältesten naturwissenschaftlich-medizinischen Gelehrtengesellschaft im deutschsprachigen Raum macht. Sie ist als gemeinnütziger Verein eingetragen und wird größtenteils aus öffentlicher Hand finanziert. In Zahlen bedeutet das: Zuletzt erhielt die Leopoldina im Jahr 2018 Gelder von über zwölf Millionen Euro – finanziert zu 80 Prozent vom Bund und zu 20 Prozent vom Bundesland Sachsen-Anhalt. Hinzu kamen Drittmittel aus Ministerien und der Wirtschaft von rund 3,2 Millionen Euro. Zuletzt machte die Leopoldina vor einigen Jahren auf sich aufmerksam, als sie die Schließung von rund 1300 Kliniken in Deutschland forderte, da diese finanziell nicht rentabel seien.

    ​Auf der offiziellen Homepage der Leopoldina bezeichnet sich die Akademie auch als Mittler: Sie sei in unterschiedlicher Form in der „Wissenschaftsdiplomatie“ aktiv und setze dabei auch Reputation, Vernetzung und das gesamte Repertoire der Wissenschaft zur Verbesserung internationaler Beziehungen. So koordiniert die Leopoldina beispielsweise seit 2014 die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz des Westbalkan-Prozesses, eine Initiative zur Heranführung der Balkanländer an die EU.

    National und international…

    Gemeinsam mit den Nationalakademien der G7- und G20-Staaten berät die Leopoldina auch die jährlichen Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs. Die Akademie aus Halle ist außerdem Mitglied in multinationalen Akademienetzwerken, wie dem „InterAcademy Partnership“ (IAP). Dies ist ein weltweiter Zusammenschluss von mehr als 100 Wissenschaftsakademien, dessen Hauptaufgabe laut eigener Aussage darin bestehe,

    „analog zur Deutschen Forschungsgemeinschaft weltweit unabhängige Politik- und Gesellschaftsberatung von hoher Qualität zu wissenschaftlichen Aspekten von wichtigen globalen Fragen der Menschheit zu leisten […].“

    Die IAP wird von einem sechsköpfigen Komitee und zwei gleichberechtigten Co-Präsidenten geleitet: Volker ter Meulen aus Deutschland und Depei Liu aus China. Die übrigen Komitee-Mitglieder stammen aus den USA, Großbritannien, China, Indien, Deutschland und Äthiopien.

    ​Regierungspolitiker werten es als positiv, dass in der Corona-Krise nun auch die Leopoldina um Rat gefragt wurde. Häufig waren in der Debatte um Maßnahmen und Exit-Strategie zumeist nur Virologen und Epidemiologen zu Wort gekommen. Die Leopoldina ist jedoch weitaus breiter aufgestellt: Ihr Präsident Prof. Dr. Gerald Haug beispielsweise ist Paläoklimatologe, im Präsidium finden sich außerdem auch Theologen, Psychologen oder Wirtschaftswissenschaftler. Da die Corona-Maßnahmen sehr viele gesellschaftliche Bereiche betreffen, kann eine breite Analyse also von Vorteil sein.

    Folgt die Politik?

    Ob sich Kanzlerin und Ministerpräsidenten schließlich an die Ratschläge der Leopoldina halten werden, ist noch ungewiss. Mitte dieser Woche wollen Merkel und die Länderchefs über das weitere Vorgehen beraten. Da das aktuelle Gutachten in weiten Teilen mit Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts übereinstimmt, könnte es durchaus als Handlungsgrundlage dienen. Aus einigen Bundesländern – darunter Berlin – war allerdings schon vor dem angekündigten Treffen am Mittwoch zu vernehmen, dass die meisten Corona-Maßnahmen wohl noch über die kommende Woche hinaus bestehen bleiben werden.

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    Tags:
    Grundrecht, Gutachten, Wissenschaft, Angela Merkel, Bundesregierung, Coronavirus