01:11 15 Juli 2020
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    Fünf Monate im Jahr müssen Säue in Käfigen leben, in denen sie sich nur schwer hinlegen und die Beine nicht austrecken können. Vor Jahren haben Gerichte entschieden, dass diese Haltung für Schweine illegal ist.

    Ministerin Klöckner reagiert nun auf das Urteil: Sie will die Kastenstände legalisieren. Am Freitag hätte der Bundesrat darüber diskutieren sollen.

    Die 1,8 Millionen Säue in Deutschland werden monatelang in Metallgestellen gehalten, die ungefähr so groß wie das Schwein sind. Es kann sich nicht umdrehen und sich nur langsam hinlegen. Dies hat den Vorteil, dass die Jungtiere nicht so leicht erdrückt werden. Zudem erleichtert der Kastenstand dem Personal den Überblick, zum Beispiel, welche Sau schon besamt ist. Das Metallgestell spart auch Platz, denn außerhalb des Käfigs ist mehr Bewegungsfreiheit vorgeschrieben.

    Seit fast 30 Jahren ist der Rechtsbruch Normalität

    Diese Art der Haltung ist in Deutschland eigentlich seit fast dreißig Jahren verboten. Die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutztV) erlaubt Kastenstände zwar für einen begrenzten Zeitraum. Aber bereits seit 1992 ist laut Verordnung vorgeschrieben, dass „jedes Schwein ungehindert aufstehen, sich hinlegen, sowie den Kopf und in Seitenlage die Gliedmaßen ausstrecken kann“. Das Oberverwaltungsgericht Sachsen-Anhalt verlangte deshalb 2015, dass der Kastenstand entweder mindestens so breit wie das stehende Schwein hoch ist oder ermöglichen muss, die Gliedmaßen ohne Behinderung in benachbarte leere Käfige zu stecken. DasBundesverwaltungsgericht bestätigte 2016 das Urteil aus Sachsen-Anhalt.

    Gerade Schweine gelten als besonders intelligente Lebewesen, erzählt Friedrich Ostendorff im Sputnik-Interview. Der grüne Bundestagsabgeordnete ist Fraktionssprecher für Agrarpolitik und selbst Biobauer. Es gebe viele Betriebe, die, so wie bei ihm Zuhause auch, Schweinen die Chance gäben, ihre Lebensräume selbst zu strukturieren. Er erklärt:

    „Das Wohnzimmer ist bei den Schweinen sehr rein und sauber gehalten. Schweine sind im Gegensatz zu dem, was man manchmal mit dem Begriff Schwein verbindet, sehr reinliche Tiere. Wenn sie die Möglichkeit haben, zu strukturieren, haben sie auch eine Ecke, wo sie abkoten, aber nur da, das ist die Schmutzecke, und alles andere wird peinlich sauber gehalten.“

    Unnatürliche Haltung für besonders intelligente Tiere

    In den engen Käfigen hätten die Tiere keine Chance, solche Räume zu strukturieren, von daher müsste die Haltung dringend geändert werden. Tatsächlich will Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) in die andere Richtung gehen und den Satz streichen, der besagt, dass auf der Seite liegende Säue im Kastenstand ihre Gliedmaßen ungehindert austrecken können müssen.

    „Man passt also das Gesetz den Zuständen an, anstatt die Ställe dem Gesetz anzupassen“, sagt Lea Schmitz. Die Pressesprecherin des Deutschen Tierschutzbund e.V. kritisiert:

    „Spätestens als das Urteil gefallen ist, 2016, hätte man reagieren müssen. Die Landwirte hätten anfangen sollen umzubauen, die Kastenstände größer zu machen, alternativ nur jeden zweiten Kastenstand mit einer Sau zu belegen, damit die Tiere mehr Platz haben, um die Beine ausstrecken zu können. Aber die ganze Branche hat sich quasi totgestellt. Die Veterinäre haben sich größtenteils auch geweigert, zu vollziehen. Haben immer von Rechtsunsicherheit gesprochen. Was angesichts der Urteile totaler Quatsch ist.“

    „Kürzere Zeit im Kastenstand bringt das Plus an Tierschutz“

    Klöckner und ihr Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) betonen, dass die geplante Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung eine deutliche Verbesserung des Tierschutzes in der Sauenhaltung bringe. Eine Sprecherin des Ministeriums erklärt gegenüber Sputnik:

    „Wir regeln, dass die Säue in Zukunft deutlich kürzer im Kastenstand gehalten werden dürfen. Das heißt: statt bisher 70 Tage im Wurfzyklus zukünftig nur noch 13 Tage – maximal acht Tage im Deckzentrum, nicht wie bisher 33 bis 35 Tage, und fünf im Abferkelbereich, bisher circa 35 Tage. Die deutlich kürzere Zeit im Kastenstand bringt das Plus an Tierschutz.“

    Andererseits wolle man größere Kastenstände einführen. Bei zu großen Käfigen bestehe aber das Risiko, dass die Tiere sich umdrehen und dadurch sich oder die Ferkel verletzen können. Die Anforderungen an die Mindestbreite der Kastenstände, die in Abhängigkeit von der Widerristhöhe der Säue festgelegt werden, berücksichtige deshalb zwei Aspekte: Einerseits sollten die Kastenstände nicht so breit sein, dass sich die Tiere umdrehen und dabei verletzen können. Andererseits müssten die Kastenstände ausreichend breit sein, damit die Tiere normal aufstehen und sich hinlegen sowie in Seitenlage liegen können.

    „Raus aus dem Kastenstand“

    Der Grünenpolitiker Ostendorff konstatiert allerdings:

    „Die Zukunft kann nur heißen: raus aus dem Kastenstand. Die Akzeptanz für diese Art der Haltung tendiert gegen null. Das ist eine widernatürliche Haltung. Man muss den Säuen, hier geht es ja um Mutterschweine, perspektivisch ermöglichen, sich frei im Stall bewegen zu können. Das ist die Zukunft, andere Länder praktizieren das auch: Schweden und die Schweiz sind hier leuchtende Beispiele, die ihre Muttersauen ohne Kastenstand halten. Es gibt aber auch viele deutsche Bauern, die sich inzwischen auf den Weg machen, Kastenstandhaltung zu beenden und ihre Sauen freizulassen.“

    Nach dem Magdeburger Urteil, dass 2015 festgestellt hat, dass die üblichen Kastenstände in Deutschland nicht den Vorgaben der Haltungsverordnung entsprechen und deshalb illegal sind, hat das Land Sachsen-Anhalt sehr schnell auf Umsetzung gedrängt. Ein Drittel der sauenhaltenden Betriebe hätten sich daraufhin entschieden, die Käfighaltung zu beenden und ihre Säue anders zu halten.

    Mehrheit ist für ein Verbot von körperengen Metallkäfigen

    Laut einer repräsentativen Umfrage, die ein Marktforschungsinstitut für die internationale Tierschutzstiftung „Vier Pfoten“ durchgeführt hat, halten 88 Prozent der Deutschen den Kastenstand für Tierquälerei. 87 Prozent sprechen sich für ein Verbot der körperengen Metallkäfige aus. Die Verantwortung für mehr Tierschutz bei sogenannten Nutztieren sehen zudem 80 Prozent der Befragten bei der Politik.

    Beim Export von Schweinefleisch lag Spanien (15,8 Prozent Weltmarktanteil) im Jahr 2019 knapp vor den USA (15,8 Prozent) und Deutschland (15,3 Prozent) erstmals in den vergangenen Jahre vorne. Das Deutschland unter den Top-drei-Ländern mitmischt, läge daran, so Ostendorff, dass es katastrophale Haltebedingungen habe.

    Einseitige Züchtung auf Ferkelanzahl

    In Deutschland würde in der Regel einseitig auf Ferkelanzahl gezüchtet. Je mehr lebende Ferkel geboren würden, desto besser sei die Sau in den Betrieben akzeptiert. Das führe dazu, dass die Sauen sehr groß seien und „vom athletischen Gesichtspunkt etwas plump“. Wenn diese sich mit einem Ruck auf die Seite legen und das Ferkel wenige Tage alt sei, könne es erdrückt werden. In Ländern, die sich aus dem Kasten hinausbewegt haben, wie Schweden und die Schweiz, würde die Zucht aber sehr viel Wert auf Athletik legen. Da könne eine Sau selber ermessen, ob ihre Nachkommen weit genug entfernt sind, um sich in Ruhe hinlegen zu können. Das bedeutet zwar, dass dort zwei, drei Ferkel weniger geboren würden. Ostendorff ist aber der Meinung, dass dies sowieso sinnvoll sei, da man hierzulande jedes Maß verloren habe. Er sagt:

    „Diese hohen Ferkelzahlen haben auch andere große Nachteile. Die Sau hat Zitzen, und jedes Ferkel beansprucht eine Zitze mit Muttermilch für sich. Jetzt kommt es oft vor, dass mehr Ferkel geboren werden, als Zitzen an der Sau sind. Das heißt, es sind sowieso schon bei jedem Wurf zwei, drei Ferkel, die Schwierigkeiten haben zu überleben, die keine Zitze mehr an der Sau finden, weil schon ein Bruder oder eine Schwester daran liegt. Die müssen dann entweder künstlich großgezogen werden, oder aber es gibt schlimme Bilder, wo die Ferkel – wie es heißt – ausgemerzt werden.“

    Diskussion im Bundesrat ein zweites Mal vertagt

    Am Freitag, dem 5. Juni, hätte die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung und damit die Frage um die Sauenhaltung im Kastenstand erneut auf der Tagesordnung des Bundesrates stehen sollen. Sie wurde aber auch ein zweites Mal vertagt. Obwohl sich Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein zuvor auf einen Kompromissvorschlag verständigt hatten. Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, begrüßt die Verschiebung:

    „Wir hätten uns gewünscht, dass heute im Sinne der Sauen, im Sinne des Staatsziels Tierschutz entschieden worden wäre und die gültige Rechtsprechung nicht länger ignoriert wird. Nun geht das politische Gefeilsche um die Sau weiter.

    Nichtsdestotrotz ist es schon eine Leistung, dass das Verfahren um den Kastenstand und die angestrebte Änderung der Verordnung so lange offengehalten werden konnten – wo doch sonst schnellstmöglich im Sinne der Agrarlobby entschieden wird. Die schlimmsten Pläne von Bundesministerin Klöckner konnten verhindert werden. Somit bedeutet die Vertagung auch einen Hoffnungsschimmer: Hoffnung darauf, dass die Qual der Sau doch noch beendet wird.“

    Auch Benjamin Raschke hält es für ein Unding, dass noch über den Kastenstand diskutiert würde. Er ist Fraktionsvorsitzender der Grünen im Brandenburger Landtag und Sprecher für Tierschutz und erklärt im Sputnik-Interview:

    „Es ist überhaupt nicht in Sicht, dass es für das, was momentan auf dem Tisch liegt, eine Zustimmung aus Brandenburg geben kann.“

    Aus seiner Sicht ist das Thema noch harter Verhandlungsgegenstand. Gleichzeitig würden die Beteiligten sehen, dass die nächste Bundestagswahl näher rücke, was die Verhandlungspositionen verschärfen würde. Seine Prognose ist, dass es vor der Wahl im Jahr 2021 kein Ergebnis beim Thema Kastenstandhaltung für Sauen gibt.

    Das komplette Interview mit Friedrich Ostendorff zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Lea Schmitz zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Benjamin Raschke zum Nachhören:

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    Tags:
    Schweine, Tierschutz, Agrarpolitik, Julia Klöckner