07:33 21 Oktober 2020
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    In Frankreich ist die StopCovid-App mit nur 1,5 Millionen Downloads nach gut zwei Wochen wohl zum Scheitern verurteilt. In der Bundesrepublik aber erntet die eigene Corona-App bereits Lorbeeren. Wo gibt es aber einen Haken? Sputnik hat die unterschiedlichsten Meinungen zusammengefasst.

    Rund sechs Millionen Mal nach einem Tag heruntergeladen, so das Bundesgesundheitsministerium. Der Chef des beteiligten Softwarekonzerns SAP, Christian Klein, meldete eine halbe Million dazu, in den anderen Entwicklerkreisen heißt es rund vier Millionen Downloads.

    Vorgestellt von der Bundesregierung mit Chefs von Telekom und SAP, dem mit Sitz in Baden-Württemberg größten europäischen Softwareunternehmen, ist die App nun auch von den Experten der Nichtregierungsorganisation für die Computersicherheit, Chaos Computer Clubs (CCC) als unbedenklich erklärt worden. So könne der Hacker und Netzaktivist von CCC, Linus Neumann, bei der App „keine nennenswerten Mängel beklagen“, sagte er im ARD.

    Es sei für Neumann auch nicht die tägliche Erfahrung, dass die CCC-Leute vor Risiken warnen würden und auf sie gehört werde. Auch der „Hacker, Pirat und Datalover“ Markus Barenhoff aka. Alios sparte nicht mit Lob an der Bundesregierung: Er habe die App installiert, um der Bundesregierung zu zeigen, dass sie hier alles richtig gemacht habe: Steuergelder in datensparsame, freie und offene Software gesteckt.

    20 „deutsche“ vs. zwei „österreichische“ Millionen Euro

    Mittlerweile wird klar, dass die App des Robert-Koch-Instituts insgesamt nicht einmal rund 20 Millionen Euro kostet, denn nach der Entwicklung fallen noch die Kosten für die Wartung, Pflege und Betrieb der App und anderer Komponenten an: Dafür veranschlagt der Bund in diesem und im kommenden Jahr zusätzliche 48 Millionen Euro inklusive Umsatzsteuer. Ob es viel oder wenig ist, lässt sich schwer bewerten. In Österreich hatte die private UNIQA Stiftung ihrerzeit lediglich zwei Millionen Euro Entwicklungskosten eingesetzt. Dass jedoch 20 Millionen Euro Entwicklungskosten zu viel sein könnten, unterstellte unter anderem der Publizist und Filmemacher Mario Sixtus auf Twitter direkt dem Gesundheitsminister Jens Spahn.

    Der Nutzer „Ma Nu“ konterte, dass bei solch einem Digitalprojekt nicht nur die Programmierung, sondern auch Design, Text, Projektmanagement, IT-Hardware, Reisekosten bezahlt werden müssten.

    Warum unabhängig von anderen EU-Ländern?

    Bei den Kosten interessiert manche Nutzer auch die Zweckmäßigkeit. So schreibt der prominente österreichische Journalist Armin Wolf, jemand müsste ihm erst nachvollziehbar erklären, warum man die in der EU alle unabhängig voneinander jeweils mit Millionenaufwand entwickelt hat.

    Darauf verweist der Nutzer „cSchmon“, dass eine europäische Lösung seit Monaten „ermutigt“ werde und die Mitgliedstaaten sich am Dienstag erst über die Spezifikationen für die Interoperabilität, also für die Zusammenarbeit“ geeinigt hätten. 

    „Diese App ist halt sinnlos, wenn der Großteil der Hochrisikogruppe nicht einmal ein Smartphone hat“, argumentierte der Nutzer Christian Maier. Der Nutzer „Thomas“ erwiderte darauf, dass die Zielgruppe der App wohl die hochmobilen Leute seien, bei denen es darum gehe, dass sie viel früher in Quarantäne könnten und sich von Risikogruppen in der Familie fernhalten würden.

    Datenkrake für „etablierenden Überwachungsstaat“?

    Es sind allerdings die AfD-Politiker, die gegen die App eine massive Kampagne gestartet haben. So behauptet der Rechtsanwalt und AfD-Bundessprecher Stephan Brandner, die „Datenkrake Corona-App soll gläsernen Bürger erschaffen“ und bereite einen „etablierenden Überwachungsstaat“ vor. Die Nutzer wie „Redwyne“ nehmen die App in Schutz und sagen, „die üblichen Dünnbrettbohrer“ seien ja grundsätzlich dagegen und würden irgendwas von „Überwachung“ sabbeln, einfach weil sie von der Bundesregierung komme. In dieser Hinsicht setzen sich die Linke und die Grünen für ein Corona-App-Gesetz ein, um sensible Gesundheitsdaten zusätzlich zu schützen. Zuvor hatte die Bundesjustizministerin Christine Lambrecht solch ein Gesetz für unnötig erklärt.

    Hat die App praktischen Nutzen?

    Bei einem bisher eher positiven Feedback heißt die Millionenfrage aber: Bringt die App was? Das will selbst die populäre Piratenpolitikerin Marina Weisband nicht vorhersagen, wenn sie äußert, die False-positives, also die vermeintlich positiven gesellschaftlichen Auswirkungen müssten sich erst zeigen. Die Chance einer Nachverfolgbarkeit von Ausbrüchen sei aber schon da. In Österreich ist die „Stopp Corona“-App des Roten Kreuzes in den letzten anderthalb Monaten nur etwa 630.000 Mal heruntergeladen worden, zur Effizienz gibt es noch keine Daten außer den Vermutungen der Forscher der britischen Oxford-Universität in einer April-Studie, die Anzahl der Coronavirus-Krankheitsfälle und -Todesfälle würde auch bei wenigen App-Benutzern sinken.

    Auch der Sputnik-Radiomoderator Benjamin Gollme hat sich die App schon einige Stunden nach Erscheinen heruntergeladen - wie er sagt, „nur für unsere Hörer“. Er mache freiwilliges Social Distancing und fährt überwiegend Rad, darum habe die App für ihn kaum einen praktischen Nutzen. Auch an der Funktionalität zweifelt Gollme aus unterschiedlichen Gründen. „Die einzige wirksame Werbekampagne für die App kann, so zynisch es klingt, nur eine zweite Welle sein.“

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    Tags:
    Pandemie, Robert Koch-Institut (RKI), Coronavirus