05:08 15 August 2020
SNA Radio
    Deutschland
    Zum Kurzlink
    Von
    2132617
    Abonnieren

    Was machen Politik und Medien bei Corona falsch? Bei einer entsprechenden Anhörung der Linksfraktion haben die Süddeutsche-Journalistin Franziska Augstein, der Philosoph Julian Nida-Rümelin und der Linkspolitiker Gregor Gysi am Donnerstag eine inhaltsreiche Diskussion abgeliefert. Auch Angstmache durch „unbelastbare“ Zahlen wurde dabei kritisiert.

    Nicht nur in den Bundestagssitzungen ist es dieser Tage heiß. Kurz vor der Sommerpause haben die Spitzenpolitiker der Linksfraktion im Paul-Löbe-Haus des Bundestags mit Experten aus diversen Kenntnisbereichen über die deutsche Corona-Politik gesprochen* - unter dem Stichwort „System im Stresstest“. Zum Auftakt ging es um die Rolle einzelner Medien und Virologen, die den allgemeinen Shutdown, oder Lockdown, im Einklang unterstützt haben. Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin, der Entscheidungs- und Rationalitätstheoretiker von der LMU München, sieht das besonders kritisch.

    „Die Zahlen in Deutschland deuten darauf hin, dass der allgemeine Shutdown ziemlich wirkungslos war, und zwar aus zwei Gründen“, sagte er in der Anhörung. Vor allem, weil der R-Faktor oder die Reproduktionszahl R für registrierte Infizierte schon vor dem 22. März mit einigen Schwankungen unter eins gewesen sei. Das bestreitet das Robert-Koch-Institut (RKI) in einem Dokument: Der R-Faktor habe am 23. März  niemandem bekannt gewesen sein können, man habe aber von den steigenden Neuinfektionen gwusst.  Für Nida-Rümelin ist „eine mögliche Rabulistik“ nicht ausgeschlossen. Man versuche, die unternommenen Maßnahmen im Nachhinein wissenschaftlich zu erklären, aber das funktioniere nicht.

    „Die simpelste Erklärung ist, die Leute haben einen Schreck bekommen“,

    so der Philosoph, der nach eigenen Angaben aufgrund seines Studiums auch etwas mit den Zahlen anfangen kann. Das Verbot von Großveranstaltungen findet er zwar wirksam, aber all die restlichen Verbote bleiben für ihn umstritten.

    „Spätestens seit dem 17. März wusste die Welt oder die, die ein bisschen Statistiken lesen können, dass Covid-19 extrem konzentriert ist“, argumentierte Nida-Rümelin weiter unter Verweis auf eine Studie der italienischen Gesundheitsbehörde – Institutio Superiore di Sanità (ISS), wo 2003 Todesfälle mit Covid-19 analysiert wurden. „Die Studie hat zum Ergebnis, dass nur 0,8 Prozent der Verstorbenen ohne die auflistbaren Vorerkrankungen wie etwa akuter Krebs, Diabetes Mellitus, Hirnschlag, Herzschlag und chronische Lungeninsuffizienz waren. Nur 0,8 Prozent waren auch unter 50.“ Auch das RKI habe von den über 9.000 Todesfällen nur einige Dutzend Menschen unter 50 Jahre einschließlich der Vorerkrankten gemeldet. Also sei Covid-19 viel konzentrierter, als die Influenza, besonders wenn man im Blick habe, dass 50 bis 80 Prozent aller Infizierten asymptomatisch bleiben würden.

    „Der Schaden, der unserem Land zugefügt worden ist, steht in keinem Verhältnis zu den Leben, die gerettet wurden, indem alle zu Hause bleiben mussten“,

    legte die Autorin der Süddeutschen Zeitung Franziska Augstein nach. Die Rolle der Medien sei dabei „nicht besonders ersprießlich“ gewesen. So hätten die Sendungen Extra 3 auf ARD und die Heute-Show auf ZDF anfangs das Corona-Thema noch satirisch angenommen - und dann seit Mitte März sich nur noch lustig gemacht über Bürger, die die Einschränkung der Grundrechte nicht in Ordnung gefunden und anschließend protestiert hätten. Das gilt laut Augstein auch für die sich seriös verstehende Presse, die diese Bedenken der Bürger nicht ernst genommen hat.

    „Das einzige, was Ihnen dabei einfiel, war, dass diese Leute demonstrieren gehen ohne Rücksicht darauf, dass sie mit den Rechtsradikalen zusammen am Platz stehen. Das war alles. Die Einschränkung der Grundrechte ist aber nicht etwas, was man einfach so wegwischen kann.“ Auch hätten die Medien alles dazu getan, die Angst vor diesem Virus zu schüren.

    „Keiner hat gewusst, was eigentlich los ist. Es hieß erst, Obduktion von Toten geht unter gar keinen Umständen - unverständlich. Das Gleiche mit Mundschutz.“ In einem entsetzlichen Ausmaß gehe die Angstmache auch darauf zurück, dass mit Zahlen operiert worden sei, die vollkommen unbelastbar seien, so die Journalistin. Die Bundesregierung sei dabei „nicht ganz gut“ beraten worden. Die 55-Jährige ging weiter und griff den Charite-Virologen Christian Drosten verbal an:

    „Wenn man einen Chefvirologen namens Drosten hat, auf den man hört und der einem vorgibt, welche Art von Politik man machen darf, dann darf solch ein Mann nicht einen eigenen Podcast haben. Der soll dann bitteschön als Berater der Bundesregierung fungieren und nicht sich persönlich in Szene setzen. Und dann <...> bekommt dieser Mann noch den Grimme Preis mit der Begründung, dass Wissenschaftsjournalismus fesselnd sein könne. Wenn man den Menschen in diesem Land Angst gemacht hat, dass sie sich Drostens Podcast anschauen, einfach weil sie Angst haben um ihre Gesundheit - und das dann einen fesselnden Journalismus nennt? Das ist geschmacklos ohne Ende.“ 

    Auch Gregor Gysi schloss sich der Diskussion an. So sagte er, der erste Fehler der Bundesregierung liege darin, dass man sich die DDR-Erfahrung mit dem Institut für Virologie und Impfstoffe  - 1972 nach der Hongkong-Grippe geöffnet - nicht angeschaut habe. Das Institut habe gerade ein vollständiges Konzept für den Pandemiefall entwickelt. Gysi bemängelt es, dass nach der Einheit alles aufgelöst worden sei. Dazu habe die Bundesregierung 2012 Experten ein entsprechendes Gutachten für den Pandemiefall in Auftrag gegeben, sich dann aber im neoliberalen Stil nicht danach gerichtet.

    „Nie Wieder“?

    Auch bezweifelte der 72-Jährige, dass es eine ausreichende Gefahren- und Schädensanalyse vor den Maßnahmen gegeben habe, bevor man die Grundrechte so schadhaft eingeschränkt habe. Auch habe die Bundesregierung für sehr wenig Transparenz gesorgt. Er hätte an der Stelle von Bundeskanzlerin Angela Merkel erst ein Expertengremium aus zehn Virologen mit unterschiedlichster Auffassung einberufen. Wären sie sich nicht einig geworden, hätte er dann jeden einzelnen separat befragt und nicht nur Herrn Drosten, bevor man etwa feststellt, die Verantwortung für womöglich eine Million Infizierte und Hunderttausend Tote kann ich nicht übernehmen.

    „Und plötzlich hätten die Menschen begriffen, wie es zu einer Entscheidung gekommen ist, dass ich in einer Zwickmühle stecke. Das hat die Regierung leider nicht gemacht.“

    Mehrere Hunderte Schausteller demonstrierten am Donnerstag vor dem Brandenburger Tor in Berlin für die Aufhebung der sie betreffenden Corona-Beschränkungen. Bei den Lockerungen sei es noch ungerechter und unlogischer geworden, sagte Gysi, wenn die einen schon früher öffnen dürften und die anderen nicht. Warum nimmt die Zahl derjenigen zu, die der Regierung oder sogar der Opposition nicht mehr trauen? Wie kann man wieder mehr Vertrauen herstellen? Sein Fazit: Das hänge mit der Transparenz der Entscheidungen und der Ehrlichkeit der Motive zusammen. Das Wichtigste für seine Fraktion sei es, nicht zulassen, dass die Pandemie missbraucht werde, um die Grundrechte dauerhaft einzuschränken.

    Auch Nida-Rümelin beharrt auf einer „Nie wieder“-Strategie für die Politik. Anders als in Europa habe man etwa in Südkorea, Taiwan, Singapur und China auf die Containment-Strategie gesetzt, also auf die Eindämmung und nicht auf den Shutdown – ziemlich erfolgreich. „Warum ist es nicht gelungen, Menschen in den Altenheimen, Krebsstationen und in der Pflege zu schützten? Nur ein Prozent der Deutschen sind in der Pflege, aber 60 Prozent der Gestorbenen waren nach einer Studie der Uni Bremen in dieser Gruppe“, sagte Nida-Rümelin abschließend in die Runde. Was würde dazu die Bundesregierung sagen?

    *Die gesamte Anhörung kann man sich auch auf Youtube anschauen

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Spahn kauft sich mit Ehemann für 4 Mio Euro Villa in Berlin
    Nach Russland-Kritik: Spahn will deutschen Corona-Impfstoff „so schnell wie noch nie in Geschichte“
    „Den USA klare Kante zeigen“: Energieminister Pegel zu Sanktionen um Nord Stream 2 - Exklusiv
    Tags:
    Shutdown, Christian Drosten, Diether Dehm, Medien, Gregor Gysi, Coronavirus