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    DDR 1990 – Erste freie Wahl zur Volkskammer und mit Eiltempo zur deutschen Einheit (24)
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    Einer der hochrangigen Techniker des einstigen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR hat seine Autobiographie veröffentlicht. Darin berichtet Günter Pelzl nicht nur über seinen Lebensweg bis heute, sondern auch über seine frühere Arbeit als „Meisterfälscher“. Sputnik hat mit ihm darüber gesprochen.

    Günter Pelzl war der „Meisterfälscher“ des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR. Zu dem Titel kam er durch Journalisten und das Berliner Spionagemuseum. Eigentlich ist er Chemiker und arbeitete als solcher seit 1976 für den „Operativ-Technischen Sektor“ (OTS) des MfS. Dort stellte er für den DDR-Auslandsgeheimdienst, die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des MfS, notwendige Dokumente her, damit dis DDR-Agenten, die „Kundschafter des Friedens“, unerkannt im Westen eingesetzt werden konnten.

    Der 1948 geborene Pelzl hat über sein Leben, was ihn bewegt und auch seine Arbeit für das MfS nun ein Buch geschrieben: „Der Fälscher – Als Forscher im Operativ-Technischen Sektor des MfS“. Im Gespräch mit Sputnik hat er Auskunft darüber gegeben. Zu seinem „Titel“ als „Meisterfälscher“, den ihm das Berliner Spionagemuseum verliehen hatte, sagte er, das sei „Tütensuppen-Romantik“: „Eine Tütensuppe verkauft sich über die Verpackung, nicht über den Inhalt. Ob der was taugt, merkt man erst, wenn man die Tüte aufgerissen hat.“

    „Allein wäre ich nicht einmal in der Lage gewesen, einen Busfahrschein zu fälschen. Es war eine kollektive Arbeit“, betonte Pelzl im Gespräch.

    „Wir waren eigentlich ein Betrieb, mit einem Betriebsleiter und etwa 100 Fachleuten und einer bestimmten Struktur. Ich war der letzte ‚Betriebsleiter‘. Das wird heute eingedampft auf den Begriff ‚Meisterfälscher‘.“

    Es sei ihm aber wichtig zu betonen, dass er diese Arbeit nicht allein gemacht hat, dass sie ohne seine Kollegen gar nicht möglich gewesen wäre.

    Tarnung für Spione

    Die Abteilung sei ein „solider Handwerksbetrieb gewesen“, mit allem, was zum Druckgewerbe gehöre, erinnerte sich Pelzl. Dazu habe auch ein analytischer Bereich gehört, der vorher untersuchte, was nachgefertigt werden sollte. Die Gebäude der „Abteilung 35“ standen in Berlin-Hohenschönhausen, wo aber inzwischen nichts mehr daran erinnert.

    „Jeder Geheimdienst versucht, das, was andere Länder geheim halten, zu erforschen. Dazu braucht man alle möglichen Mittel und Methoden, unter anderem auch Spione, die in der DDR Kundschafter hießen und schickt sie dann in andere Länder. Die Spione muss man tarnen und dazu braucht man falsche Namen, falsche Papiere, falsche Auto-Kennzeichen. Man muss diese Personen unter einer Decke von falschen Informationen verbergen.“

    Seine Abteilung sei für die notwendigen Schriftstücke, Ausweise, Pässe und andere Dokumente für die DDR-Agenten zuständig gewesen. Dabei wurde eng mit der HVA zusammengearbeitet, die die Kundschafter im Ausland führte. Begonnen habe die Arbeit der HVA bereits in den frühen 1950er Jahren. Es habe bis 1990 nur drei entsprechende Leiter in unserer Abteilung gegeben, von denen er der letzte und der „Aufräumer“ gewesen sei.

    Anders als im Film

    Vorher arbeitete er in einer Abteilung, die sich mit Markierungen von Dokumenten und Geheimschriften beschäftigte. 1984 sei er dann in die „Abteilung 35“ gekommen, die sich darauf vorbereitete, den geplanten neuen, als fälschungssicher bezeichneten Personalausweis der Bundesrepublik Deutschland (BRD) nachzubauen. Er habe als Chemiker viele dafür notwendige wissenschaftliche Vorkenntnisse mitgebracht, so Pelzl.

    Seine Arbeit sei viel weniger spannend gewesen als das, was die Menschen in Kriminalromanen oder Spionagefilmen darüber lesen bzw. sehen.

    „Das wahre Leben ist kein Kriminalroman und kein Kundschafterfilm. Das gilt auch für einen Geheimdienst. Selbst solche Autoren wie John le Carré bauen ihre Bücher aus gängigen Versatzstücken zusammen, weil sie wissen: Wenn sie nur das schreiben, was tatsächlich stimmt, liest niemand ihre Bücher, weil die dann viel langweiliger sein würden.“

    Prägende Erinnerungen

    Die Frage, warum er sich bereits in jungen Jahren für das MfS verpflichtete, beantwortete Pelzl nicht mit dem Hinweis auf ein kommunistisches Elternhaus. Das habe überhaupt keine kommunistische Prägung gehabt, sagte er. Sein Vater aus dem Sudetengebiet in der Tschechoslowakei habe sich 1938 freiwillig für zwölf Jahre Dienst in der deutschen Wehrmacht verpflichtet, weil er nicht Lehrer werden konnte. Nach dem Krieg habe er versucht, das abzuarbeiten, was er als persönliche Schuld empfand, so Pelzl über seinen Vater.

    „Er sprach sehr selten über den Krieg. Aber wenn er darüber gesprochen hat, war er in dieser Form unerbittlich.“ Im Buch beschreibt Pelzl eine Szene aus dem Frühjahr 1945, als sein Vater nach Küstrin an der Oder versetzt wurde, mit einer Kompanie aus lauter 16- und 17-Jährigen. Als die Rote Armee ihre massive Offensive an der Oder begann, habe er seinen jungen Soldaten gesagt, sie sollten nach Hause gehen: „Der Krieg ist zu Ende. Wenn Ihr hier bleibt, überlebt Ihr das alle nicht.“

    • Die Abteilung 35 in Berlin-Hohenschönhausen, 1990
      Die "Abteilung 35" in Berlin-Hohenschönhausen, 1990
      © Foto : Günter Pelzl
    • Die Papiermaschine der Abteilung
      Die Papiermaschine der Abteilung
      © Foto : Günter Pelzl
    • Diese Maschine bearbeitete die Folien für die Kpie des fälschungssicheren BRD-Ausweises
      Diese Maschine bearbeitete die Folien für die Kpie des fälschungssicheren BRD-Ausweises
      © Foto : Günter Pelzl
    • Ein Labor in der Abteilung 35
      Ein Labor in der "Abteilung 35"
      © Foto : Günter Pelzl
    • Cover: Eine nie aktiv genutzte Kopie
      Cover: Eine nie aktiv genutzte Kopie
      © Foto : Günter Pelzl
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    © Foto : Günter Pelzl
    Die "Abteilung 35" in Berlin-Hohenschönhausen, 1990

    Sein Vater sei mit einem alten Freund in der Stellung geblieben. Pelzl weiter: „Er wurde verwundet und sie gingen dann doch zurück, Da sah er seine jungen Soldaten an den Bäumen hängen. Die SS sie aufgehängt. Die SS hatte hinten in der 2. Linie gewartet und erschoss alle Deserteure oder hängte sie auf. Das hat ihn schwer belastet. Solche Ereignisse hätten seinen Vater geprägt, der das an seinen Sohn weitergegeben habe.

    Pelzl berichtete, dass er nicht weit entfernt vom ehemaligen KZ Buchenwald aufwuchs. „Das verknüpfte sich irgendwann“, beschrieb er seine Motive, zu dem das „Nie wieder Krieg“ gehörte. Und: „Ich hatte keine ernsthaften Probleme mit der DDR. Ich war aber auch kein gehorsamer Bückling und hatte immer eine ‚große Klappe‘. Das hat manche nicht gestört und manche sehr.“

    Gegen den Krieg

    Diese ablehnende Haltung zum Krieg habe er nie verloren, weshalb für ihn klar gewesen sei: „Wenn die DDR etwas gegen den Krieg machen will und machen kann, dann helfe ich mit.“ Den ersten Kontakt zum MfS habe er beim „Deutschland-Treffen der Jugend“ 1964 bekommen und sich als „Inoffizieller Mitarbeiter“ (IM) verpflichtet, erinnerte er sich. Er war offensichtlich Kandidat für einen späteren Agenten-Einsatz, der über Jahre vorbereitet wurde. Und so sei es für ihn kein Problem gewesen, wie er antwortet, als der sowjetische Geheimdienst KGB in den 1970er Jahren mit Hilfe des MfS in der DDR Nachwuchs suchte und dabei auch ihn ansprach.

    Er habe selber eine Liste mit weiteren möglichen Kandidaten geschrieben, auf der auch einer seiner Freunde stand. Der kam später als KGB-Agent in die USA und lebt dort heute als Jack Barsky. Allerdings ging Pelzl selbst doch nicht diesen Weg, wie er berichtete. Das habe ein „dummer Zufall“ verhindert: Dem Werber, der wissen wollte, ob er eine derartige illegale Tätigkeit ausüben würde, antwortete er, dass er da erst einmal seine Frau fragen müsse. Das ging nicht. Damit strich man den Kandidaten Pelzl wieder vor der Liste.

    Als IM habe er anfangs gar nicht so viel gemacht, meinte er rückblickend. Er habe nicht die Absicht etwas zu verschweigen, aber er musste nicht ständig Spitzelberichte abliefern, wie sich das heute manche so vorstellen. „Die Leine war ziemlich lang und manchmal bekam ich interessante Aufgaben“, erinnerte sich Pelzl. So, als er westdeutsche Studenten beim „Deutschland-Treffen“ 1964 betreuen musste oder als er eine Senioren-Reisegruppe in die Mongolei begleiten sollte. Solche Erlebnisse beschreibt er ausführlich in seinem Buch.

    Probleme in der DDR

    „Später wollte ich ein großer Wissenschaftler werden und etwas ganz Tolles erfinden, erinnerte sich Pelzl an sein Chemie-Studium. „Doch das funktionierte plötzlich nicht, weil man die Wirtschaftspolitik der DDR inzwischen geändert hatte. Die Großforschungszentren wurden nicht gebaut und plötzlich waren Chemiker übrig. Ich bekam keine Stelle, ich war zu hoch qualifiziert. Da fragte ich damals meinen Führungsoffizier: „Könnt Ihr mich nicht gebrauchen? Ich kriege hier keine Stelle.“ In der Folge habe ihn das MfS 1976 übernommen.

    Kürzlich habe er mit großem Interesse das Buch des Rechtsanwaltes Rolf Henrich gelesen, der vom überzeugten Sozialisten zum grundlegenden Kritiker der DDR wurde. Manche der beiden Lebensläufe seien erstaunlich deckungsgleich, stellte Pelzl fest. Aber an manch entscheidenden Punkten habe Henrich eine ganz andere Richtung eingeschlagen. Auch aus solchen Erfahrungen und Beobachtungen heraus sei er nicht mehr bereit, die Welt nach einem Schwarz-Weiß-Schema zu bewerten.

    Der Weg vom Chemiker zum „Fälscher“ von Dokumenten sei gar nicht so schwer, erklärte Pelzl. Zur Chemie gehöre immer auch die Analyse, die zeige, woraus etwas besteht. Das helfe dann beim Nachbauen, dem „Fälschen“. Es sei nicht in erster Linie darum gegangen, so etwas wie falsche Stempel oder gefälschte Fotos zu machen. „Das ist Krimi-Schnulze. So ist das im realen Leben nicht. Das andere ist viel schwieriger.“

    Hilfe für andere

    Für die falsche Identität eines Agenten sei es wichtig, dass die entsprechenden Dokumente selbst vom Material her den Originalen entsprechen. „Wir haben Totalfälschungen gemacht“, erklärte Pelzl.

    „Wir haben vergleichsweise so gearbeitet, wie ein paar hundert Meter weiter die Mitarbeiter der Bundesdruckerei. Wir fingen mit dem Papier an, bedruckten es, und nähten und klebten zum Schluss alles zusammen.“

    Die HVA-Mitarbeiter hätten sich dann um die Inhalte gekümmert, vom Pass-Foto bis zu den passenden Unterschriften der ausstellenden BRD-Behörden. Das habe alles stimmen müssen, bis hin zur Pass-Nummer, um nicht bei den Kontrollen an der Grenze aufzufliegen. Die „Fälscher“ vom MfS halfen auch mit, dass die vietnamesischen Befreiungskämpfer 1975 den USA eine endgültige Niederlage bereiten konnten, weil diese mit gefälschten südvietnamesischen ID-Karten nach Saigon einsickern konnten. Ähnliches geschah auch für andere nationalen Befreiungsbewegungen im Kalten Krieg, bis hin zur palästinensischen PLO, wie im Buch von Pelzl nachzulesen ist.

    Kopie des BRD-Personalausweises

    Die größte Leistung seiner Abteilung war es, dass es 1986 gelang, den neuen, angeblich fälschungssicheren Personalausweis der Bundesrepublik nachzubauen. Nur vier Wochen nach dessen Einführung habe das MfS einsatzfähige Kopien vorgelegt, berichtete er. Das wäre ihnen auch später beim neuen bundesdeutschen Reisepass gelungen, doch den stellten sie bis zu seiner Einführung 1988 nicht mehr fertig.

    „Die ganze Technologie war prinzipiell neu. Vieles, was man aus der Geschichte der Dokumentenherstellung kannte, passte nicht mehr.“ Damals sei in der BRD lange darüber gestritten worden, was erlaubt sei und was nicht, was den MfS-„Fälschern“ half, Informationen zu gewinnen. Sie hätten sich bemüht, die entsprechende Technik zu bekommen, um die Verfahren nachzumachen.

    Doch an vielen Stellen sei die Technik für sie nicht erreichbar gewesen, „nirgendwo in der Welt“. Pelzl fügte hinzu: „Wir haben sie trotzdem eingekauft. Der Preis war natürlich entsprechend hoch.“ Er widersprach aber der Legende, dass es der DDR gelungen sei, eine komplette Druckmaschine für den neuen bundesdeutschen Personalausweis ins eigene Land zu holen. Ein solches Dokument werde nicht in mit einer einzigen Maschine hergestellt, erklärte er. „Komplizierte Zusammenhänge für den einfachen Bürger deutlich zu machen führt manchmal zu grotesken Erklärungen.“

    Mehr als eine Maschine

    So sei die Maschine für das Foto-Papier der Ausweise mit Hilfe der eigenen Industrie gebaut worden, aber statt mit mehreren hundert Metern Länge doppelstöckig in einem eigenen Gebäude der „Abteilung 35“. Die HVA-Kundschafter hätten herausgefunden, welche Firma in der BRD die notwendigen Folien für die Ausweise herstellte. Diese Folie wurde dann besorgt und für die Kopien eingesetzt, sagte Pelzl.

    Es seien viele unterschiedliche Maschinen und Geräte gewesen, die beschafft werden mussten, um den bundesdeutschen Ausweis herzustellen. Der einstige MfS-Chemiker sagte, dass es von Vorteil gewesen sei, dass oft die Beschaffer der notwendigen Materialien und Technologien Mitarbeiter der HVA waren, für die sie die geforderten Dokumente herstellen sollten. Durch die enge Verflechtung des MfS mit der DDR-Wirtschaft sei er auch in Kontakt mit dem Bereich Kommerzielle Koordinierung (KoKo) des MfS gekommen, den Alexander Schalck-Golodkowski führte. Auch das beschreibt Pelzl im Buch ausführlicher.

    „Es gab eine neue Sichtweise in der BRD: Sicherung der Dokumente durch exklusive Technologien. Das war Sinn und Zweck des neuen Ausweises der Bundesrepublik. Unsere Gegner wussten ganz genau, welches Gewicht die deutsch-deutsche Spionage hatte und sie der DDR in vielen Fragen dabei unterlegen waren. Um dagegen anzugehen sagten sie sich: Wir müssen die durch unsere überlegene Technik besiegen, nicht durch Zeitungsartikel. Das war schon klug.“

    Die Bundesdruckerei und die „Abteilung 35“ des MfS arbeiteten zeitlich ziemlich gleichauf, schilderte Pelzl. Das Original sei dann in der BRD nur vier Wochen vor der Kopie aus der DDR eingeführt worden. Zur Frage der Qualitätskontrolle sagte er, dass diese vor allem in der eigenen Abteilung erfolgt sei. Es war klar, dass die Agenten und Kuriere mit den nachgemachten Dokumenten im Einsatz nicht auffliegen durften. „Das war auch für uns eine moralische Frage“, hob er hervor.

    „Vorzügliche Totalfälschung“

    Er habe seinen Mitarbeitern als entscheidendes Kriterium die Frage gestellt: „Würdest Du damit selber durch West-Berlin fahren?“ Seine Abteilung habe aber die Einsatztests nicht selber vorgenommen, sondern diese seien durch die Auftraggeber von der HVA erfolgt. Zu den ungeschriebenen Gesetzen habe gehört: „Diejenigen, die die Ausweise machen, füllen sie nicht selber aus. Das ist eine Frage der Geheimhaltung.“

    Das Bundeskriminalamt (BKA) habe in einem Lehrfilm Dokumente von aufgeflogenen Ost-Agenten und -Kurieren gezeigt, die als „vorzügliche Totalfälschungen“ bezeichnet worden seien, erinnerte sich Pelzl. Sie seien nur im Labor als Fälschungen zu erkennen gewesen – „und an welchem Grenzübergang steht schon ein Labor?“, fügte der einstige MfS-Chemiker hinzu.

    „Die Grenze zwischen der DDR und der BRD war neuralgisch. Da hat man sich ja belauert. Wir haben die von drüben belauert und die haben uns belauert. Es war nicht allgemein bekannt, dass die gesamte Grenzabfertigung der DDR Teil der Staatssicherheit war. Das waren alles Mitarbeiter der Hauptabteilung VI. Die waren sehr gut geschult. Ein hoher Prozentsatz der bundesdeutschen Reisepässe, die sie in die Hände bekamen, wurde fotografiert und dann stand uns dieses Material für unsere Untersuchungen zur Verfügung, ohne dass den Passinhabern etwas passiert ist.“

    Das sei aber „keine Erfindung der DDR“ gewesen, betonte Pelzl, – „das hat die andere Seite genauso gemacht. Man redet heute bloß nicht darüber. Die Gegenseite hat immer so getan, als würden sie das nicht machen.“ Er verwies dabei auf die bekannt gewordenen Fakten zur Telefon- und Postüberwachung durch die Bundesrepublik im Kalten Krieg, die unter anderem der Historiker Josef Foschepoth öffentlich machte.

    Keine Geldfälscher

    „Bei unserer Arbeit hat es keine großen Fehler oder Misserfolge gegeben, die verhindert hätten, eine Aufgabe zu erfüllen“, antwortete er auf die entsprechende Frage. Bei manchen Projekten seien die Zeitvorgaben nicht eingehalten worden, wenn auch aus objektiven Gründen. Seine Abteilung sei manchmal an bürokratische Grenzen gestoßen, wenn sie Abläufe umorganisieren wollte.

    Pelzl lachte auf die Frage, ob seine Abteilung auch Geld gefälscht habe, wo doch die DDR immer Devisen brauchte, auch für ihre Agenten im Westen. Für den MfS-Chemiker handelt es sich dabei um „kabarettreife Einlagen“, die logisch zu beantworten seien.

    „Das Thema Geldfälschen war, als die DDR noch existierte, nie Gesprächsthema. Zur Wende kam das plötzlich wie aus heiterem Himmel auf und jeder zweite Bürgerrechtler hat uns alles Mögliche angedichtet. Zuoberst war es das Geldfälschen. Ich dachte: Können die nicht Eins und Eins zusammenzählen?“

    Er habe später auf eine entsprechende Frage von Geheimdienstlern aus den USA gesagt: „Wenn ich Geld gefälscht hätte, dann würde ich jetzt nicht hier sitzen. Und wenn wir viel Geld gefälscht hätten, würden sie jetzt nicht hier sitzen – dann gäbe es die DDR noch. Dann hätten wir uns alles gekauft, was wir sonst von euch nicht gekriegt haben.“ Diese Logik sei schnell verstanden worden.

    © Sputnik / Tilo Gräser
    Dr. Günter Pelzl heute

    Das habe aber zur Wendezeit 1989/90 DDR-Staatsanwälte nicht daran gehindert, in der „Abteilung 35“ alles zu versiegeln und uns zu unterstellen, wir hätten Geld gefälscht, erinnerte sich ihr letzter Chef. „Das war der Drang mancher Staatsanwälte – die ja mindestens so staatsnah waren wie MfS- Mitarbeiter – zu versuchen, noch rechtzeitig auf die andere Seite des Grabens zu gelangen.“

    Günter Pelzl: „Der Fälscher – Als Forscher im Operativ-Technischen Sektor des MfS. AutobiografieVerlag Edition Berolina, 2020. 526 Seiten; ISBN 978-3-9584-1114-2

    Teil 2 erscheint am Sonntag. Darin geht es unter anderem um das Verhältnis zur Sowjetunion und zum KGB, die Frage, ob sich die MfS-Mitarbeiter entschuldigen müssen, sowie um einen kurzen Blick auf die gegenwärtige Gesellschaft und die Frage von Krieg und Frieden heute.

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    Tags:
    Staatssicherheit, Zweiter Weltkrieg, Kundschafter des Friedens, Geschichte, Agent, Spione, BRD, Kalter Krieg, Fälschungen, Spionage, MfS, Geheimdienst, DDR