05:52 22 Oktober 2020
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    Neue Gesichter sind in der Bundespolitik eher selten. Wenn sie dann noch in den politischen Entscheidungsprozess – auch indirekt – einbezogen werden, kommen einem viele Fragen in den Kopf. Warum gerade der? Warum lediglich „nur“ er?

    So viele hätten sich doch in der Vergangenheit ein Gremium mit Experten unterschiedlichster Auffassung statt quasi nur Christian Drosten gewünscht, bevor die wichtigen Corona-Einschränkungen kamen. Diesmal war es nur der bisher wenig bekannte Immunologe Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, der am Mittwoch der Bundeskanzlerin und den Länderchefs den Ernst der Lage schildern durfte. Sein Auftritt war nicht öffentlich, die Teilnehmer im Kanzleramt verwiesen jedoch auf die von Meyer-Hermann modellierte Simulation, die irgendwie belege, dass Deutschland in der Pandemie an der Schwelle zu einem exponentiellen Wachstum der Infektionszahlen stehe. „Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern zwölf, um das Schiff noch zu drehen“, soll der Mann dabei gesagt haben. Kurz darauf Markus Söder zu den Maßnahmen in Bayern: Es sei „vielleicht gar nicht mehr fünf vor zwölf, sondern Schlag zwölf, um jetzt die Weichen richtig zu stellen“. Vor allem die Kanzlerin zeigte sich sehr überzeugt von Meyer-Herrmann – sowie von der Notwendigkeit noch härterer Maßnahmen. Die Länderchefs hätten am Mittwoch getrotzt und diese verhindert, heißt es aus den Teilnehmerkreisen.

    In der Tat stellte Merkel anschließend auf der Pressekonferenz in Frage, ob die Maßnahmen von Mittwoch ausreichen würden, plädierte für härtere Sperrstunden und hielt am Beherbergungsverbot fest. Der von Meyer-Hermann festgestellte exponentielle Anstieg der Infektionszahlen müsse gestoppt werden, sonst werde es zu keinem guten Ende führen. „Das kann und muss dann nachgeschärft werden.“ Enttäuscht vom Mittwoch mit den Beschlüssen zeigte sich am Donnerstagabend im ZDF auch der Berater selbst: Die Maßnahmen, die erfolgt seien, seien nicht die, die er sich erhofft habe. „Die Bevölkerung muss einfach verstehen, dass es jetzt um die Wurst geht“, so Meyer-Herrmann. Die Menschen müssten Feste viel stärker einschränken, auf Reisen verzichten und konsequent Maske tragen. Die Alternative zu dieser „kleinen Mühe“ wäre der Lockdown, also warum nicht „einfach immer eine Maske aufsetzten, wenn man aus dem Haus geht?“.

    Meyer-Hermann lehnte bereits weitergehende Lockerungen ab

    Meyer-Hermann ist kein Virologe und kein Epidemiologe. Dafür hat er laut Angaben des Helmholtz-Zentrums aber Physik, Mathematik und Philosophie studiert. Den Corona-Verlauf versucht er also mit mathematischen Modellen vorherzusagen, indem er in seinen Modellen eben das Verhalten von verschiedenen, real nicht existierenden Menschen durchspielt. Doch wenn die Medien jetzt den „Grenzgänger der Wissenschaft“ feiern, analysieren sie nur bedingt seine älteren Vorhersagen wie in den mit dem ifo Institut zusammengestellten Studien vom Frühjahr. In der Studie vom Mai lehnt der Forscher etwa samt den Kollegen zu starke Lockerungen der damaligen Einschränkungen ab, weil dies angeblich zu langfristigen wirtschaftlichen Nachteilen führen würde. Die weitergehenden Lockerungen in den Bundesländern ab Anfang Mai müssten kritisch beobachtet werden, so die Mahnung.

    Und dann folgt die Prognose der Forscher aufgrund der Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI): Bei gleichbleibender Reproduktionszahl (R-Zahl) gegenüber dem Status quo vom 20. April (damals wurde von Bund und Ländern eine stufenweise Lockerung der Lockdown-Maßnahmen beschlossen, die R-Zahl lag laut dem RKI bei 0,9 – Anm. d. Red.) werde es bis Juli 2021 circa 5000 zusätzliche Corona-Tote geben. Sollte die R-Zahl aber bei 1,0 liegen, müsste man stattdessen zwischen 19.789 und 27.559 zusätzliche Corona-Tote erwarten. Doch gerade den RKI-Zahlen zufolge sind bei der durchschnittlichen R-Zahl von 0,998 in den letzten sechs Monaten 4.248 Menschen gestorben. Die Frage ist: Sollten bis Juli 2021 nach Prognosen von Meyer-Herrmann und Co. tatsächlich etwa 15.000 Menschen zusätzlich an Corona sterben? Wer erklärt weiter, warum in der letzten Kalenderwoche (Stand Freitagabend) bei 29.176 registrierten Neuinfektionen „nur“ 130 Menschen gestorben sind? Intensiv behandelt werden dafür dem RKI-Bericht vom 15. Oktober zufolge 677 Patienten. Zum Vergleich: in der 22. Kalenderwoche, also schon nach den ersten bedeutsamen Lockerungen, wurden laut dem RKI-Bericht vom 31. Mai bundesweit 702 Menschen auf Intensivbetten behandelt. Gestorben waren damals in der Woche 150 Menschen. Der Umgang von Meyer-Herrmann mit den statistischen Zahlen könnte eben anhand seiner Äußerungen im April in Frage gestellt werden. Damals empfahl der Forscher in einem „Tagesspiegel“-Interview, das Virus „auszutrocknen“, und sprach „einfach gerechnet“ von einer Dunkelziffer von Infektionszahlen im Verhältnis von 2:1 zur RKI-Statistik – obwohl damals im Vergleich zum Oktober nur relativ wenig getestet wurde. Das RKI selbst sprach aber von einem Verhältnis von 4:1 bis 11:1. Eine entsprechende Studie zu den Dunkelziffern hat das RKI ebenfalls erst im Oktober in die Wege geleitet.

    Wer soll die Corona-Entscheidungen treffen?

    „Es braucht endlich einen unabhängigen, interdisziplinären Pandemierat, der den Kampf gegen Corona auf wissenschaftlich fundierte Füße stellt“, forderte kürzlich die Grünen-Fraktion im Bundestag.

    ​„Wir erleben so eine Art Geheimdiplomatie zwischen der Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten, die kommen zusammen, beraten stundenlang und informieren dann die Öffentlichkeit über ihre Entscheidungen“, kritisierte seinerseits der FDP-Chef Christian Lindner im ZDF. Die Corona-Entscheidungen müssten in den Bundestag zurückkommen, so die Botschaft der Opposition. Bei fehlender Transparenz der Entscheidungen ist es dann wohl nicht erstaunlich, dass die Twitter-Community auf die Finanzierung des Helmholtz-Zentrums, wo Meyer-Hermann die Abteilung System-Immunologie leitet, durch die Bill und Melinda Gates-Stiftung aufmerksam wird. 2019 unterstützte die Stiftung das Zentrum mit über drei Millionen US-Dollar, was an sich alleine keine Sünde ist. Im Bereich der globalen Gesundheit ist das Braunschweiger Zentrum jedoch irgendwie die einzige deutsche Institution, die im letzten Jahr so großzügig von der Stiftung des US-Philanthropen gesponsert wurde – was für ein Nährboden für jegliche Verschwörungstheorien!

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    Tags:
    Christian Drosten, Deutschland, Angela Merkel, Coronavirus