02:18 27 November 2020
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    Der Tod von Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann hat politische Freunde wie Kontrahenten gleichermaßen schockiert. Oppermann galt als Vertreter des konservativen Flügels der SPD, aber nicht als Hardliner. Ganz im Gegenteil, er hatte den Ruf eines unaufgeregten Vermittlers. Das galt auch für das deutsch-russische Verhältnis. Ein Nachruf.

    Obwohl Thomas Oppermann Mitglied in konservativen Lobbygruppen wie dem sogenannten Seeheimer Kreis innerhalb der SPD gewesen ist, obwohl er Absolvent des Programms für junge Führungskräfte der transatlantisch ausgerichteten „Atlantik-Brücke“ war und entsprechende Kontakte pflegte, obwohl er im Dunstkreis von Gerhard Schröder dessen Hartz-Agenda innerparteilich verteidigte und durchsetzen half, was seine Mitgliedschaft im SPD-internen „Netzwerk Berlin“ erklärt, indem sich vor allem Vertreter der Schröderschen Agenda-Politik zusammengeschlossen hatten, obwohl Thomas Oppermann also eigentlich genügend Voraussetzungen mitbrachte, vom linken Flügel seiner Partei genauso wie von der Partei die Linke als konservativer und transatlantischer Hardliner abgestempelt und verdammt zu werden, war Oppermann doch das Gegenteil eines Betonkopfs und genoss Respekt selbst bei Linken in seiner und anderen Parteien für eine Geradlinigkeit, die keine Sturköpfigkeit war, sondern Charakter zeigte.

    Die von aufrichtigem Schock geprägten Trauerbekundungen aus allen im Bundestag vertretenen Parteien sind deshalb kein eingeübtes Ritual, sondern erweisen einem Politiker Ehre und Respekt, der parteiübergreifend als glaubwürdiger Vertreter konservativer Positionen angesehen wurde, die er ohne die bei anderen Konservativen mitunter unangenehme Lautstärke vertrat, sondern mit einer feinen Ader für Humor, was vielleicht der Grund dafür war, dass er ebenso glaubwürdig als ehrlicher und fairer Mittler und Ansprechpartner in alle Richtungen betrachtet wurde.

    Thomas Oppermann war uneitel und dennoch ehrgeizig

    Das dafür nötige Maß an menschlichem Anstand und Uneitelkeit, das ihn nur selten die Bodenhaftung verlieren ließ, hatte möglicherweise auch mit seiner Herkunft aus einfachen Verhältnissen zu tun, mit der Erfahrung, sich und den eigenen Weg durch das Bildungssystem mit Geduld und aus eigener Kraft hart erarbeiten zu müssen, immerhin blieb er zweimal in der Schule sitzen, biss sich dann aber bis zum Abitur durch, als einziges der vier Geschwister Oppermann und er brach ein Studium der Germanistik und Anglistik zugunsten der Rechtswissenschaften ab, das er dann mit dem Zweiten Staatsexamen abschloss.

    Ganz sicher trug zu der Aura einer natürlichen Autorität Oppermanns, die kein Tamtam nötig hatte, aber auch seine jungenhafte Begeisterung für bodenständige Hobbys wie Fußball und Wandern bei, die er sich immer bewahren konnte, statt wie andere Golfen oder Segeln zu gehen. Oppermanns Aktivitäten im Fußball-Club des Bundestages führten zu ungezwungenen Begegnungen mit Abgeordneten-Kollegen anderer im Parlament vertretenen Parteien, die so im Plenum kaum möglich sind. Gleiches gilt für Kontakte zu Parlamentsfußballmannschaften aus aller Welt.

    Oppermanns Talent zum Ausgleich von Positionen und Kompromissfähigkeit, bei gleichzeitiger Unmissverständlichkeit in Grundpositionen rührte vielleicht auch von seiner Zeit als Richter an den Verwaltungsgerichten in Hannover und Braunschweig her.

    Thomas Oppermann – immer im Bundesminister im Wartestand

    Thomas Oppermann war zielstrebig und ehrgeizig, das bestätigten Schulkameraden und Parteifreunde. Zugleich zeichnete ihn aber auch eine gewisse Demut aus, zu erkennen, wann die eigenen Karrierevorstellungen sich nicht erzwingen lassen bzw. besser nicht erzwungen werden sollten. Mehr oder weniger klaglos ertrug er es, die höheren Weihen eines Ministeramtes auf Bundesebene nicht erreichen zu können, weil immer andere vorgezogen wurden. Dabei hatte er als Minister für Wissenschaft und Kultur in Niedersachsen zwischen 1998 und 2003 unter Beweis gestellt, dass er effizient einen Apparat führen konnte, weshalb auch die Nachfolger von Gerhard Schröder in der Staatskanzlei von Hannover sich der Dienste von Thomas Oppermann versicherten.

    Seine Fähigkeit zur Organisation, Disziplin und Effizienz brachte er auch zur Geltung als Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion und später als deren Vorsitzender. Seine Erfahrungen im Richteramt kamen ihm und seinem Amt auch zugute, als er Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums des Bundestages wurde, das die Geheimdienste überwachen soll.

    Thomas Oppermann und die Edathy-Affäre

    Ernsthaft in Schwierigkeiten geriet Thomas Oppermann eigentlich nur einmal. Im Zusammenhang mit der sogenannten Edathy-Affäre. Gegen den früheren Vorsitzenden des Bundestagsuntersuchungsausschusses zur NSU-Terror-Affäre, den aus Niedersachsen stammenden SPD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy, waren 2014 Vorwürfe des illegalen Besitzes und der Verbreitung von Missbrauchsabbildungen, sogenannte Kinderpornografie öffentlich worden. Edathy warf Oppermann Intrige vor. Überdies wurde Oppermann verdächtigt, die Ermittlungen gegen Sebastian Edathy behindert und verhindert zu haben. Während Edathys politische Karriere und bürgerliche Existenz ruiniert ist, obwohl er nicht verurteil wurde und daher auch nicht als vorbestraft gilt, überstand Thomas Oppermann diesen Skandal weitgehend schadlos.

    Oppermann wurde 2017 einer der Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages, in den er seit 2005 immer mit einem Direktmandat für die SPD eingezogen war. Im August hatte er überraschend angekündigt, nicht wieder für den Bundestag kandidieren zu wollen. Ob er zu diesem Zeitpunkt gesundheitliche Probleme hatte, die ihn zum Rückzug aus der Politik bewogen, ist unbekannt. Am Sonntag war Oppermann während Dreharbeiten mit dem ZDF zusammengebrochen und ist trotz sofort eingeleiteter notärztlicher Versorgung mit 66 Jahren verstorben.

    Thomas Oppermann plädierte für Zusammenarbeit mit Russland auf Augenhöhe

    Russland verliert mit Thomas Oppermann einen kompetenten und aufrichtigen Gesprächs- und Verhandlungspartner in der politischen Landschaft Deutschlands und der EU. Oppermann bezog seit 2018 dezidiert in der Öffentlichkeit Positionen für eine vernünftige, sachorientierte Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit Russland, bei Anerkennung grundsätzlich unterschiedlicher Standpunkte. Als Teilnehmer des „Petersburger Dialog“ im Mai 2018, in Gastbeiträgen unter anderem für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ oder während der Teilnahme einer Podiumsveranstaltung des Deutsch-Russischen Forums, im Februar 2020, mit Vertretern der Russischen Duma, deren Fußballmannschaft Oppermann 2019 im Bundestag willkommen hieß, bei all diesen Anlässen plädierte der überzeugte Transatlantiker Oppermann dennoch beharrlich für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Russland, die für die Sicherheit Deutschlands und Europas unerlässlich sei.

    Thomas Oppermann hinterlässt eine Familie mit vier Kindern, die aus einer früheren Ehe und einer Beziehung mit seiner Lebensgefährtin stammen.

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    Tod, Staatsduma, Russland, Fußball, Bundestagsabgeordnete, FC Bundestag, Thomas Oppermann, SPD, Deutschland