19:56 24 November 2020
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    Rund 70 Prozent der Deutschen würden sich laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) freiwillig gegen Covid-19 impfen lassen. Rund die Hälfte dürfte noch für die Einführung einer Impfpflicht sein. Um diese zu sichern, wird anschließend quasi empfohlen, die Gefährlichkeit des Virus höher einzuschätzen - wie geht das?

    „Mein Eindruck ist, dass sich die allermeisten Bürgerinnen und Bürger sofort freiwillig impfen lassen würden, sobald es eine Impfung gegen das Coronavirus gibt. Wo Freiwilligkeit zum Ziel führt, braucht es keine gesetzliche Pflicht“, versicherte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) noch im Mai. Auch Spahn Mitte September: „Mit einer freiwilligen Impfung von etwa 60 Prozent der Bürger sei die Herdenimmunität erreicht.“ Diese Bereitschaft hat Spahn öffentlich niemals angezweifelt, all die Spekulationen um eine mögliche Impfpflicht dazu sofort angelehnt.

    Nun legt auch das größte deutsche Wirtschaftsforschungsinstitut DIW nach: Sogar 70 Prozent der Deutschen würden sich freiwillig gegen das neuartige Coronavirus impfen lassen, sofern ein Impfstoff ohne nennenswerte Nebenwirkungen verfügbar wäre. Die sogenannte Befragung des Sozio-ökonomischen Panels zu Covid-19 unter 850 Erwachsenen fand zwar zwischen Juni und Juli statt, wird jedoch erst jetzt ans Licht gebracht. Die Fragestellung ist in dem am Montag veröffentlichten DIW-Bericht aber etwas anders: Ob die Herdenimmunität freiwillig erreicht werden könnte oder eine Impfpflicht gegen Covid-19 doch erforderlich wäre. Ein Zwang, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen, wird als eine Alternative zu anderen Zwangsmaßnahmen wie Kontaktbeschränkungen, Beherbergungsverboten und Sperrstunden wahrgenommen. Entweder oder.    

    Die Gesamtbevölkerung teilen die Autoren der Studie in dieser Hinsicht in die „ImpfgegnerInnen“ ein, die gegen eine Impfpflicht sind und sich auch nicht freiwillig impfen lassen würden (22 Prozent), in die „PflichtgegnerInnen“, die zwar ebenfalls gegen eine Impfpflicht sind, sich jedoch freiwillig impfen lassen würden (29 Prozent), die „TrittbrettfahrerInnen“, die für eine Impfpflicht sind, sich aber nicht selbst freiwillig impfen lassen würden (acht Prozent), und in die „ImpfbefürworterInnen“, die ebenfalls für eine Impfpflicht sind und sich selbst freiwillig impfen lassen würden (41 Prozent). Es wird geschlussfolgert: Rund die Hälfte wäre also für die Einführung einer Impfpflicht. 

    Dabei sollen etwa die „Impf-“ oder die „PflichtgegnerInnen“ ihre Ablehnung der Impflicht damit erklären, dass sich ihre Mitmenschen schon ohnehin hinreichend häufig impfen lassen würden. Die Hälfte bzw. ein Drittel von diesen Gruppen soll dabei glauben, dass die Gefährlichkeit des Virus von den meisten überschätzt werde - mehrheitlich die Frauen. Der Rest soll finden, dass nur eine Pflicht die Mitmenschen zum Impfen bringen würde. Entsprechend glauben offenbar fast 90 Prozent der „TrittbrettfahrerInnen“ und 80 Prozent der „ImpfbefürworterInnen“, dass die meisten diese unterschätzen. 

    Im Anschluss vermuten die Autoren der Studie, eine Impfpflicht zur Erreichung von Herdenimmunität wäre bei vorteilhaften Rahmenbedingungen „vielleicht unnötig“ - sofern eventuelle Nebenwirkungen oder eine Unwirksamkeit der Impfung ausgeschlossen sind. 

    „Beides kann tatsächlich nicht garantiert werden“, bemängeln aber die Autoren und bringen eine Impfpflicht, mit der eine Herdenimmunität „fast mit Sicherheit“ erreicht würde, doch ins Spiel. Auffallend sei, argumentieren die Autoren unter Verweis auf die eigenen Recherchen, dass je höher die Gefährlichkeit des Virus eingeschätzt werde, auch die Bereitschaft, sich impfen zu lassen oder einer Impfpflicht zuzustimmen, desto höher sei. Vor diesem Hintergrund fordern die Forscher die Wissenschaft und die Medien auf, den Menschen „bessere Informationen“ über die Gefährlichkeit des Virus zugänglich zu machen bzw. die tatsächlichen Risiken des Virus möglichst präzise zu beschreiben. Es bleibt unklar, was die Autoren mit den „besseren Informationen“ meinen, statt von den objektiven zu sprechen.

    Was frühere Umfragen zum Thema besagten

    Das DIW gilt ist das größte deutsche Wirtschaftsforschungsinstitut und wird gleichermaßen von Bund und Ländern finanziert. Wie liegt seine Einschätzung im Vergleich zu den früheren bekannten Umfragen? Laut einer Befragung des privaten Civey-Instituts für t-online.de vom April unter circa 5.000 Menschen in Deutschland wünschten sich 45 Prozent der Befragten damals eine Corona-Impfpflicht, sobald es einen Impfstoff gibt. Weitere 16 Prozent beantworteten die Frage mit „eher ja“- wobei nur ein Drittel der Befragten die Impfpflicht offenbar entschlossen ablehnte. Einer Umfrage des Weltwirtschaftsforums (WEF) zwischen dem 24. Juli und dem 7. August unter 20.000 Menschen in 27 Ländern zufolge glauben offenbar ernüchternderweise viele, dass ein wirksamer und verträglicher Impfstoff noch lange auf sich warten lassen wird. In Deutschland wollten sich demnach 67 Prozent gegen das Covid-19 impfen lassen. Nur jeder dritte Deutsche würde demnach eine Impfung verweigern. 

    Im Moment befinden sich etwa 45 eventuelle Corona-Impfstoffe in klinischen Studien. Die beiden deutschen Spieler in diesem Wettbewerb, Curevac aus Tübingen und Biontech aus Mainz, haben bereits Aufträge von der EU-Kommission. Als erstes deutsches Unternehmen startete Biontech, das eng mit dem US-Unternehmen Pfizer zusammenarbeitet, Anfang Oktober in den Zulassungsprozess. Am vergangenen Freitag erklärte Spahn in einer Videoschalte mit den Gesundheitsministern der Länder laut der „Bild“-Zeitung, die ersten Impfungen könnten schon vor Ende des Jahres passieren. Auch das Robert Koch-Institut (RKI) erwartet den ersten Corona-Impfstoff bis Anfang 2021.

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    Tags:
    Impfung, CureVac, Deutschland, Impfpflicht, Coronavirus