15:22 25 November 2020
SNA Radio
    Deutschland
    Zum Kurzlink
    Von
    19641
    Abonnieren

    Dass sich der „Maybrit Illner“-Talk am Donnerstagabend die neuesten Lockdown-Beschlüsse zum Thema macht, war wohl zu erwarten. Kritik an den Beschlüssen kam in der Sendung mehr von einem Arzt und nicht von einem Oppositionspolitiker. Schade nur, dass diese Kritik das eigentliche Kernproblem der Einschränkungen weitgehend verfehlte. Ein Kommentar.

    Der Grünen-Chef Robert Habeck wirkte am „Maybrit Illner“-Tisch zunächst ungewohnt zurückhaltend, stellenweise auch selbstkritisch. „Es wäre ein bisschen naseweis, jetzt zu sagen, wir hätten alles besser gewusst“, gestand der Oppositionspolitiker. Dass es zu einem zweiten Lockdown kommen würde, „hätte ich mir auch nicht träumen können“, so Habeck. Im Gegensatz zum FDP-Chef Christian Lindner, einem anderen Vertreter der Opposition, der der Kanzlerin Angela Merkel vorgeworfen hatte, sie habe „das Land ins künstliche Koma versetzt“, vermied der Grünen-Chef direkte Ausfälle gegen die Bundesregierung und schloss sein erstes Statement in der Sendung mit einer devoten Floskel ab:  „Wir müssen diese vier Wochen jetzt nutzen, um besser zu werden und differenziert vorzugehen.“

    Alternative zum „pauschalen Lockdown“

    Kritik am beschlossenen Lockdown-Konzept kam bei „Maybrit Illner“ insofern nicht aus dem politischen Lager, sondern von einem Arzt, nämlich von Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, der zusammen mit den beiden namhaften Virologen Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit ein alternatives Positionspapier herausgebracht hatte. Wie es darin hieß, wären statt einer „pauschalen Lockdown-Regelung“ zielgebundene Aktionen wie etwa ein verstärkter Schutz der besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen und regionale Einschränkungen gemäß der jeweiligen „Corona-Ampel“ sinnvoller. In der umfassenden vierwöchigen Sperrung der Gastronomie-, Kultur- und Sporteinrichtungen sah Gassen zugleich einen zu hohen „Kollateralschaden“.

    Es wäre schön, wenn die Regierungsmaßnahmen greifen würden, so der Arzt, „aber ich glaube nicht, dass sie zum Erfolg führen“.

    Prompt wurde Gassen mit seinem Alternativ-Konzept entschiedene Abfuhr erteilt. Zunächst von der Virologie-Professorin Melanie Brinkmann. „Was mir in Ihrem Papier fehlt, ist die Idee, wie wir das exponentielle Wachstum unterbrechen können", bemängelte sie. Danach war die aus Düsseldorf zugeschaltete Medizinerin Ute Teichert an der Reihe, die bei den deutschen Corona-Talkshows als Wortführerin der Gesundheitsämter agiert. Ihr Hauptargument: Die regionalen Corona-Ampeln seien nicht weiter hilfreich, weil sich die Pandemie zu einem „Flächenbrand“ entwickelt habe, bei dem die meisten regionalen Ampeln ohnehin auf „rot“ stünden. Etwaige regionale Maßnahmen seien insofern „überholt“. Den Sinn des neuesten „Wellenbrecher“-Lockdowns sehe Teichert gerade darin, dass die „Kontaktpersonen-Nachverfolgung“ wiederhergestellt wird und damit auch die Infektionsketten wieder unter Kontrolle gestellt werden könnten.

    „Die Nachbarn bespitzeln“

    „Verboten ist fast alles, was Spaß macht“, formulierte die Moderatorin den „wunden Punkt“ des „Corona-Wellenbrechers“. Die jüngsten Regierungsbeschlüsse stoßen auf stärkeren Widerstand der Bevölkerung, so Habeck, die im Vergleich zum Lockdown im Frühjahr viel weniger Verständnis dafür zeige. „Die Gereiztheit nimmt zu“, stellte er fest. Die neuen Maßnahmen seien „nicht ganz glücklich“ kommuniziert worden: „Die Kirchen bleiben offen und die Kulturveranstaltungen werden geschlossen“ – wieso eigentlich?

    „Was mich besonders beunruhigt: Politische Institutionen fordern Menschen auf, sich gegenseitig anzuzeigen“, regte sich Habeck auf. „Wenn das bayerische Kabinett auffordert, Nachbarn zu bespitzeln, dann überschreitet die Politik das, was sie eigentlich tun sollte. Sie sollte nicht Menschen auffordern, einander auszuspionieren. Wir kommen durch, nur wenn wir Vertrauen schaffen. Das Vertrauen soll das ‚Wir-Gefühl‘ erzeugen und nicht ein ‚Ich-ich-ich-Gefühl‘.“  

    Das Kernproblem ist die Akzeptanz

    Lockdown in Berchtesgaden
    © AFP 2020 / CHRISTOF STACHE
    Mit dieser Passage kam der Grünen-Chef dicht an das eigentliche Kernproblem der nun beschlossenen Maßnahmen heran, wobei aber das Schlüsselwort nicht artikuliert wurde – weder von ihm, noch von den anderen Diskussionsteilnehmern. Dieses Wort lautet „Akzeptanz“. Mit der Akzeptanz der neuen Maßnahmen gibt es nämlich – ebenfalls im Unterschied zum Frühjahr – beträchtliche Probleme. Die Gastronomen und die Hoteliers, die sich in den vergangenen Monaten mit der Umsetzung ihrer Gesundheitskonzepte wirklich extrem bemüht und verausgabt hatten, fühlen sich verraten und aufgeschmissen – und da würden die von der Regierung versprochenen Kompensationen wenig helfen. Das gleiche gilt auch für die Kultur. Als der Autor dieses Textes vernommen hat, dass nicht nur die Theater und die Kinos geschlossen werden müssen, sondern auch die Museen, war dies für ihn ein eindeutiges Zeichen, dass die neuesten Schließungen wirklich „pauschal“ gedacht waren. Denn wie kann man sich ein Museum als einen Corona-Hotspot vorstellen?

    „Es gibt nur blöde Wege aus dieser Pandemie“, meinte die Virologin Brinkmann. „Wir müssen den Weg finden, der am wenigsten wehtut.“ Wenn es aber wirklich nur „blöde Wege“ gibt, heißt es noch lange nicht, dass sich auch die Regierung blöd stellen soll.

    Die Akzeptanz der Regierungsbeschlüsse stößt bereits jetzt an ihre Grenzen. Da sich aber in der Pandemie-Politik keine greifbare Strategie verfolgen lässt, würde heute wohl niemand einen nächsten Lockdown ausschließen – und da würde das Merkel-Kabinett sicherlich noch viel größere Probleme mit der Akzeptanz haben.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    „Ihr verdammten Kinder- und alte Menschen-Mörder“: Auto fährt in Tor des Bundeskanzleramts
    Medizinprofessor kritisiert Corona-Politik: „Die Zahlen des RKI sind das Papier nicht wert“
    Auch Verteidigungsamt betroffen: Trumps Regierung bereitet umfassende Sanktionen gegen Russland vor
    Tags:
    Deutschland, Christian Lindner, FDP, Bundesregierung, Lockdown, Pandemie, Coronavirus, Robert Habeck, Angela Merkel