18:41 27 November 2020
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    Der neueste „Lockdown Light“ ist ein Armutszeugnis der Bundesregierung – zu dem Schluss mussten sicherlich viele Zuschauer des „Anne Will“-Talks kommen, in dem Markus Söder und Helge Braun die neuesten Einschränkungen zu begründen versuchten. So manchen fiel dabei sicherlich ein alter Witz ein.

    Zweifellos musste irgendwann ein neuer Lockdown kommen – in welcher Form auch immer –, da niemand in der Welt ein anderes Mittel gegen steigende Corona-Infektionszahlen kennt. Die meisten europäischen Länder um Deutschland herum haben zum Teil auch wesentlich härtere Einschränkungen beschlossen. Insofern kamen die jüngsten Anti-Corona-Beschlüsse für die meisten Bundesbürgerinnen und -bürger wohl kaum überraschend. Eine bittere Überraschung für viele war jedoch die Art und Weise, vor allem aber – die Begründung dieser Beschlüsse.

    Ganze Branchen unter „Generalverdacht“

    Stefan Willich, Berliner Sozialmediziner und Epidemiologe an der Charité, der in der „Anne Will“-Runde am Sonntagabend zunächst als der einzige „Gegenspieler“ von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Kanzleramtschef Helge Braun agierte, bestritt nicht die Notwendigkeit von Einschränkungen. „Kritikwürdig“ fand er allerdings die Tatsache, dass die Maßnahmen nicht „regional adjustiert“ und in den Bereichen Massensport, Gastronomie und Kultur eben wenig begründet, ja quasi unfair wirken. Gastronomie und Kultur seien nämlich die Bereiche gewesen, in denen in den zurückliegenden Monaten effiziente und auch kostspielige Hygienekonzepte umgesetzt wurden. Allein schon deshalb wäre es falsch, gerade diese Branchen durch die neuen Einschränkungen zu „bestrafen“ – ganz zu schweigen davon, dass in diesen Bereichen keine Infektionsketten entstanden seien, behauptete Willich.

    Söders Erwiderung darauf klang abrupt und resolut: „Man weiß es schlichtweg nicht.“ Eine „Unschuldsvermutung“ wäre aber wohl fehl am Platz.

    Die Tatsache, dass ganze Branchen mit etlichen Millionen Beschäftigten ohne triftigen Grund „unter Generalverdacht“ gestellt werden, Corona-Superspreader gewesen zu sein, ließ der bayerische Regierungschef völlig außer Acht. Hauptsache, damit würden die Kontakte reduziert, was für die Dämpfung der Pandemie das Ausschlaggebende sei. Dafür würden die Industriebetriebe, der Handel, die Büros sowie die Schulen und Kitas – die Bereiche also, in denen es mit Sicherheit wesentlich mehr potentiell gefährliche Kontakte gibt – im Unterschied zum Lockdown im Frühjahr nicht angetastet. Weil deren Schließung in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht viel schmerzhafter gewesen wäre.

    Wie in dem alten Witz

    Bei allem Verständnis für diese Argumentation – irgendwie erinnert sie an den alten Witz über einen Betrunkenen, der auf dem Heimweg den Hausschlüssel verloren hat. „Wo hast du ihn denn verloren?“, fragt man ihn. „Irgendwo dort“, erwidert er und zeigt ratlos in die Ferne. „Warum suchst du aber unter der Laterne nach ihm?“ Seine Antwort: „Hier ist halt mehr Licht.“

    Den Menschen ins Gewissen zu reden, sie möchten sich bitte vier Wochen lang ein bisschen kasteien und „auf alles verzichten, was Spaß macht“ – für die Politik ist dies zweifellos eine ziemlich vorteilhafte Position. Dass dies nicht unbedingt der effektivste Weg ist, die Fallzahlen zu drosseln, steht wohl auf einem anderen Blatt.

    Bei einem präziseren Hinschauen fällt auf, dass selbst diese „sanften“ Lockdown-Entscheidungen nicht gerade sorgfältig durchdacht wurden. Wieso müssen etwa neben den Kinos und Theatern auch die Museen schließen? Ist der Regierung zumindest ein Fall bekannt, wo ein Museum zu einem Corona-Hotspot wurde? Zugleich sind einige Fälle einer Massenansteckung bei Gottesdiensten sehr wohl bekannt – die Gotteshäuser dürfen aber im November geöffnet bleiben.

    „Sie sind am Ende, sie sind Hartz IV gerade“

    Der aus Nürnberg zugeschaltete bayerische Ministerpräsident verabschiedete sich bereits nach einer knappen halben Stunde von der „Anne Will“-Runde, dafür gesellte sich der Star-Jazztrompeter Till Brönner dazu. Seine Videobotschaft, in der der Musiker auf die katastrophalen Folgen der Pandemie-Maßnahmen für die Beschäftigten in seiner Branche aufmerksam machte, war in den letzten Tagen im Netz viral gegangen. „Meine Branche hat ja das Problem seit Februar“, betonte er. „Wir haben den absoluten Voll-Lockdown. Und jeder in dieser Branche wusste am Tag eins, als das passierte, dass wir damit wahrscheinlich ein Jahr und viel länger noch zu tun haben werden.“ Viele seiner Kollegen seien „am Ende, die sind Hartz IV gerade.“

    Brönner saß im „Anne Will“-Studio rechts von Braun, links von ihm saß die FDP-Politikerin und frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die dem Musiker energisch beipflichtete – womit der Chef des Bundeskanzleramtes quasi ins Kreuzfeuer geriet. „Kultur wird anscheinend nicht als systemrelevant angesehen“, warf sie dem Kabinettsmitglied vor. „Sie glauben ja selbst nicht, dass ab 1. Dezember man einen Schalter umlegt – und dann machen alle Theater auf.“

    Der Kanzleramtschef gab offenherzig zu:

    „Ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass wir in zwei Wochen schon Maßnahmen lockern können.“ Und fügte mit leidendem Blick hinzu: „Wir müssen jetzt einfach etwas tun. Irgendwie müssen wir das tun.“
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    Tags:
    Anne Will, Helge Braun, Pandemie, Deutschland, Lockdown, Coronavirus, Angela Merkel, Markus Söder