20:04 23 November 2020
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    Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) warnt vor einer weiteren Ausbreitung von SARS-CoV-2 in seiner Heimat. Medien berichten von „Freiwilligen aus Ämtern“, die bei Corona-Kontaktverfolgungen mithelfen wollen. Sputnik befragt dazu die Dresdner Staatskanzlei – und vergleicht die Situation im Freistaat mit der Lage in Berlin-Neukölln.

    Die Kontaktverfolgung bei Corona-Fällen und positiv auf SARS-CoV-2 getesteten Menschen sieht in Sachsen, laut Aussage der Sächsischen Staatskanzlei in Dresden, in der Praxis wie folgt aus:

    „Die Zuständigkeit für die Durchführung der Kontaktnachverfolgung liegt bei den Gesundheitsämtern, die im Freistaat Sachsen bei den Landkreisen und den kreisfreien Städten angesiedelt sind“, sagte Ralph Schreiber, Regierungssprecher der Sächsischen Staatskanzlei, gegenüber Sputnik Deutschland am Dienstag.

     Dies bedeute in der alltäglichen Arbeit:

    „Einzelheiten der Art und Weise der Aufgabenerledigung sind der Gestaltung durch die Gesundheitsämter vorbehalten. Die Behörden vor Ort kennen die Gegebenheiten am besten. (...) Das mit der Kontaktnachverfolgung verfolgte Ziel ist, Infektionsketten zu unterbrechen. Hierzu wird beispielsweise mit einer Person, die positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurde, telefonisch Kontakt aufgenommen und nach Kontaktdaten von Personen gefragt, die mit der infizierten Person in den vergangenen Tagen Kontakt hatten.“

    Das ostdeutsche Bundesland Sachsen hatte in den letzten sieben Tagen nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) fast 4700 neue Corona-Fälle bzw. positiv Getestete zu verzeichnen. Insgesamt zählt der Freistaat fast 20.000 Corona-Infizierte, Erkrankte bzw. positive Corona-Tests. Bisher sind demnach 342 Menschen an oder mit dem neuartigen Coronavirus in Sachsen gestorben.

    Unterdessen steigen die bundesweiten Zahlen weiter. Die Coronafälle in Deutschland sind dem RKI zufolge über die 560.000-Marke geklettert

    „Lage sehr ernst“ – Ministerpräsident Kretschmer (CDU)

    „Jetzt ist die Lage wieder ernst“, sagt Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) der Staatskanzlei zufolge zur aktuellen Lage in seinem Bundesland.

    „Ernster, als viele immer noch glauben. Deswegen müssen wir entschlossen handeln. Die zweite Welle erfasst gerade ganz Deutschland und ganz Europa und sie hat mehr Wucht, als wir uns das vorstellen konnten. Fast jeden Tag erreichen wir auch in Sachsen neue Höchstzahlen an Personen, die sich neu mit dem Virus infiziert haben. (...) Die Mitarbeiter in den sächsischen Gesundheitsämtern stoßen an ihre Grenzen. Mittlerweile ist es sehr schwer, Infektionsketten vollständig nachzuverfolgen. Wenn die Zahlen weiter so rapide ansteigen, wird das die Möglichkeiten überfordern. Das müssen wir auf jeden Fall verhindern. Wir können nicht warten, bis die Kapazitäten erschöpft sind. Deshalb handeln wir jetzt.“

    Kretschmer appelliere demnach erneut an die Bevölkerung, sich an die neuen Corona-Beschränkungen zu halten und Reisen, Feiern sowie anderweitige Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren. Kontaktbeschränkung laute das Gebot der Stunde.

    In Mitteldeutschland verschärfe „sich die Corona-Infektionslage“. Das berichtete der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) vor wenigen Tagen. Dabei nahm er Bezug auf einen Brief des sächsischen Ministerpräsidenten, den dieser „deshalb vergangene Woche (...) an seine Landesbediensteten geschrieben (hat). Sie sollen sich freiwillig melden und den Ämtern zusätzlich helfen bei der Kontaktnachverfolgung, so seine Bitte. Die ersten Rückmeldungen deuten darauf hin, dass die Mitarbeiterinnnen und Mitarbeiter seinen Hilferuf erhören.“

    Dresdner Staatskanzlei: „Insgesamt bereits über 300 gemeldete Freiwillige“

    Sputnik wollte daraufhin wissen, ob der Freistaat Sachsen aktuell einschätzen könne, wie viele Freiwillige aus sächsischen Behörden und Ämtern sich denn für diese Tätigkeit voraussichtlich melden werden. Und ob es vermehrt Freiwillige aus den gesundheitlichen und medizinischen Behörden geben werde.

    „Bislang liegen aus der Sächsischen Staatskanzlei, aus allen neun Ressorts und aus vielen staatlichen Behörden 194 Freiwilligenmeldungen vor (Stand Dienstag, 12.00 Uhr)“, erklärte dazu der Sprecher der Staatskanzlei in Dresden gegenüber der Redaktion.

    „Angesichts der steigenden Infektionszahlen besteht kurzfristig ein hoher Bedarf an weiterer Unterstützung. Die Gesundheitsämter melden den Bedarf an Unterstützung durch Landesbedienstete an die Sächsische Staatskanzlei. Derzeit liegen Bedarfsmeldungen im Umfang von insgesamt 250 Landesbediensteten vor. Die Staatskanzlei bittet sodann die Ressorts, die Bedarfe (nach einem vereinbarten Schlüssel) zu decken. Hierbei greifen die Ressorts auf die Freiwilligenmeldungen zurück.“

    Demnach unterstützen beispielsweise bereits 62 Studenten der Hochschule Meißen die freiwillig helfenden Landesbediensteten in Sachsen bei der Corona-Kontaktverfolgung.

    „Diese Zahl wird in den nächsten Tagen auf knapp 150 Studierende anwachsen.“

    Freiwillige aus den „gesundheitlichen und medizinischen Behörden sind nicht vermehrt zu verzeichnen. Diese werden in der aktuellen Situation erfahrungsgemäß verstärkt auch in den staatlichen Dienststellen benötigt“, erläuterte Regierungssprecher Schreiber weiter.

    Die Unterstützung der Gesundheitsämter sei überaus notwendig und „wird derzeit als eine der prioritären Aufgaben des Staates angesehen. (...) Die Freiwilligenmeldungen sind insofern auch als Akt der Solidarität unter den Verwaltungsangehörigen zu verstehen. Dennoch ist es erforderlich, vor der Meldung als Freiwilliger, Rücksprache mit dem Vorgesetzten bzw. in der Dienststelle zu halten.“

    Medien sprechen bereits davon, dass letztlich „über 900 Freiwillige“ bei den Corona-Kontaktverfolgungen in Sachsen mithelfen könnten.

    Linke und Beamtenbund in Sachsen üben Kritik

    Unter Sachsens Landesbediensteten gebe es eine große Bereitschaft, bei der Bekämpfung der Corona-Krise mitzuhelfen. Das versicherte, dem MDR zufolge, Oliver Schenk (CDU), Chef der Staatskanzlei in Sachsen, bereits am vergangenen Freitag. Die freiwilligen Helfer „könnten etwa aus den Finanzämtern oder Straßenbauverwaltungen kommen. Nach Rücksprache mit ihren Vorgesetzten sollen sich die Freiwilligen in einem Onlineportal melden.“

    Auch sächsische Politiker der Linken und der AfD begrüßten diesen Schritt laut Medienberichten.

    Linke-Fraktionschef Rico Gebhardt bezweifle allerdings, dass ausreichend Beschäftigte „abkömmlich sind“. Die Regierung habe in den Sommermonaten nicht genug vorgesorgt. Ohnehin gebe es Personalprobleme in den Gesundheitsämtern, kritisierte er. Ähnlich äußerte sich auch Karen Siwonia, die Vize-Vorsitzende des Sächsischen Beamtenbundes. Sie arbeitet in einem Finanzamt in Chemnitz.

    Sachsen steht mit dem Problem, dass zu wenig Personal für zu viele Kontaktverfolgungen zur Verfügung stehen könnte, bundesweit nicht allein. Auch der Berliner Bezirk Neukölln hat laut einem aktuellen Bericht von „Zeit Online“ mit ähnlich gelagerten Problemen zu kämpfen.

    Berlin-Neukölln: „Schaffen es kaum, Kontakte zu verfolgen“

    Leitende Angestellte des Gesundheitsamts Berlin-Neukölln – seit Wochen ist der Bezirk in der Bundeshauptstadt ein sogenannter Virus-„Hotspot“ – schätzen die dortige Pandemie-Lage momentan so ein:

    „Für viele von uns (...) waren die vergangenen Wochen herausfordernd. Wir kamen an unsere Grenzen, weil es nicht mehr gelang, alle Covid-19-Fälle zügig abzuarbeiten – also alle Menschen mit einem positiven Corona-Test und ihre Kontaktpersonen unverzüglich zu informieren. Oft haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bis in den Feierabend hinein weitergemacht, um die Personen noch am selben Tag zu erreichen. Aber jeden Abend blieben Fälle liegen, in denen wir nicht alle Kontaktpersonen erreicht oder überhaupt angerufen hatten. Wir wussten, das heißt, da draußen laufen Menschen herum, die sich womöglich mit dem Coronavirus infiziert haben und das noch nicht wissen.“

    Derzeit würden dort „27 Mitarbeitende der Bundeswehr und sechs Containment-Scouts vom RKI bei der Fallermittlung“ helfen und unterstützen. Doch auch mit ihrer Hilfe sei es nicht zu schaffen.

    Oft gebe es keinen klaren Bezug mehr, „keinen Anhaltspunkt für den Infektionsort“. War es eine Hochzeitsfeier? Oder ein Familientreffen im kleinen Kreis? „In so einer Situation gerät die lückenlose Kontaktnachverfolgung an ihr Ende. Und wenn der Grenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche überschritten ist, können Gesundheitsämter die Nachverfolgung ohnehin nicht mehr schnell genug schaffen.“

    Das Gesundheitsamt Neukölln habe sich vor diesem Hintergrund „für eine Strategieanpassung entschieden, die nun auch für alle anderen Berliner Bezirke gelten soll. Im Fokus der Strategie stehen mündige Bürgerinnen und Bürger. Auf ihre Kooperation sind wir jetzt angewiesen.“

    Beispielsweise habe man in Neukölln „vor wenigen Tagen damit aufgehört, die Kontaktpersonen von Infizierten anzurufen. Wir legen den Fokus jetzt auf die positiv Getesteten, auf deren Information sowie auf den Schutz der vulnerablen Gruppen. Ihre Kontakte können und müssen die Positiven nun selbst anrufen.“

    Wer in Berlin ehrenamtliche Hilfe und Unterstützung in der Corona-Pandemie leisten möchte, kann sich auf der Internet-Seite des Senats informieren und anmelden. Telefonisch ist die Berliner Engagement-Nummer unter (030) 577 00 22 00 zu erreichen. Anruferinnen und Anrufer werden dann an zuständige Ansprechpersonen im jeweiligen Bezirk weitergeleitet.

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    Kontakte, CDU, Michael Kretschmer, Sachsen, Neukölln, Berlin, Pandemie, Coronavirus, Deutschland