00:30 24 April 2019
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    Hannibal Gaddafi (i.d.Mitte) mit seinem Bruder al-Saadi bei einer Militärübung 2011

    Hannibal Gaddafi: „Ich wurde festgenommen, weil ich Gaddafis Sohn bin“ – EXKLUSIV

    © AP Photo / Abdel Magid al-Fergany
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    Seit dem Tod des ehemaligen libyschen Staatsoberhaupts herrscht in Libyen Ungewissheit, wobei die nächste innen- und außenpolitische Eskalation in dem Land nur eine Frage der Zeit zu sein scheint. Erstmals seit seiner Entführung und Inhaftierung im Libanon kommt der Sohn des ermordeten Revolutionsführers Muammar Gaddafis, Hannibal Gaddafi, zu Wort.

    Der Skandal um die Schändung der libyschen Flagge in Beirut und der anschließende Verzicht Libyens, sich am Wirtschaftsgipfel der Arabischen Liga im Libanon zu beteiligen, hat – wie schon vor Jahren – erneut eine Krise in den Beziehungen zwischen beiden Ländern ausgelöst. Die einflussreiche schiitische Amal-Bewegung will in Beirut keinen einzigen offiziellen Vertreter Libyens sehen, solange sie keine glaubwürdigen Informationen über das Schicksal des seit Jahrzehnten in Tripolis vermissten Anführers Imam Mussa as-Sadr und zwei seiner Begleitpersonen bekommt.

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    Der Konflikt zwischen den beiden Ländern lenkte die Aufmerksamkeit auf die Situation um den Sohn des ehemaligen libyschen Staatsoberhaupts Muammar Gaddafi, Hannibal, der seit 2015 in einem libanesischen Gefängnis sitzt. Ihm wird die Verheimlichung von Informationen über das Verschwinden von Mussa as-Sadr zur Last gelegt. Hannibal Gaddafi sagte zum ersten Mal seit seiner Inhaftierung einem Interview zu. Im Gespräch mit RIA-Novosti und Sputnik sprach er darüber, wie er in das libanesische Gefängnis kam und ob ihm tatsächlich Details zum Verschwinden des schiitischen Predigers bekannt sind.

    Die Fragen bzw. Antworten erhielt und übergab der bevollmächtigte Vertreter Hannibals, Rim ad-Debri.

    Wer hat Sie in Syrien entführt und wie geschah das?

    Ich wurde am 6. Dezember 2015 in Syrien von einer bewaffneten Bande entführt. Ich wurde aus Syrien illegal in den Libanon ins Gebiet Bekaa gebracht. Die Entführer nutzten eine für das Militär bestimmte Fahrspur, damit die Syrer das Fahrzeug nicht durchsuchten. So wurde ich eine Woche festgehalten, gefoltert und moralisch erniedrigt, um mich zur Offenlegung von Informationen über das Verschwinden von Mussa as-Sadr und zweier Begleitpersonen – Scheich Mohammed Jakub (es war sein Sohn, der die Operation zu meiner Entführung organisierte) und Abbas Badreddin – im Jahr 1978 zu zwingen.

    Sie wurden im Libanon wegen der Verheimlichung von Informationen zum Fall Mussa as-Sadr festgenommen. Läuft irgendeine offizielle Ermittlung zu diesem Fall, wurde ein Gerichtsprozess aufgenommen? Und verfügen Sie tatsächlich über Informationen über das Verschwinden des Imams Mussa as-Sadr und seiner zwei Begleitpersonen?

    Ich bin im Gefängnis des Sicherheitsdienstes Libanons. Mit mir traf sich hier der Richter, der mit dem Fall über das Verschwinden von Mussa as-Sadr und seiner Begleitpersonen befasst ist. Dieser Fall kann kurz so beschrieben werden – 1978 verschwindet Mussa as-Sadr zusammen mit seinen Begleitern Mohammed Jakub und dem Journalisten Abbas Badreddin während ihres Libyen-Besuchs. 1982 wurde der Fall über das Verschwinden an den Gerichtsrat Libanons übergeben. 2008 wurde meinem Vater Muammar Gaddafi die Entführung von Mussa as-Sadr und seiner Begleiter vorgeworfen. Doch seit 1981 habe ich keinerlei Bezug zu diesem Fall, war weder Verdächtigter noch Augenzeuge oder Angeklagter. Also hat der Grund meiner Festnahme mit diesem Fall nichts zu tun, ich wurde nur aus dem Grund festgenommen, dass ich der Sohn von Muammar Gaddafi bin.

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    Nachdem ich dem Richter, der den Fall zum Verschwinden von Mussa as-Sadr untersuchte, gesagt hatte, dass ich über keine Informationen zum Verschwinden von Mussa as-Sadr verfüge, wurde ich wegen Verheimlichung von Informationen in diesem Fall angeklagt. Als diese Ereignisse 1978 stattfanden, war ich erst zwei Jahre alt.

    Besuchen Ihre Frau und Kinder Sie? Wo sind sie jetzt?

    Nein, sie konnten mich bislang nicht besuchen. Ich mache mir Sorgen um sie. In Syrien sind sie wegen der dortigen Ereignisse nicht in Sicherheit, zudem kann sich niemand um sie kümmern. Sie brauchen den Vater.

    Wie ist Ihr physischer Zustand, Ihre Gesundheit?

    Mein physischer Zustand ist nicht gut. Ich leide an Brustschmerzen, Ateminsuffizienz, Rückenschmerzen und Hauptproblemen wegen mangelnden Sonnenlichts. Zudem ist bei mir die Nase gebrochen, es gibt ein Hämatom auf dem Kopf wegen der Prügel während der Entführung.

    Ich möchte eine wichtige Sache hervorheben: Ich bitte die Vereinten Nationen, dass eine Gruppe von Ärzten in den Libanon geschickt wird, um mich im Gefängnis zu besuchen, damit sie einen ärztlichen Befund über meinen Zustand erstellen.

    Wie sind die Bedingungen im Gefängnis?

    Die Aufenthaltsbedingungen im Gefängnis sind unbefriedigend. Zudem kann ich nicht mit Medienvertretern kontaktieren, und jenen, die mich besuchen, wird beim nächsten Mal verboten, in den Libanon einzureisen.

    Haben Sie Pläne, am politischen Leben teilzunehmen, wenn Sie wieder auf freiem Fuße sind?

    Bislang ist es zu früh, darüber zu sprechen. Ich kann jetzt nicht über dieses Thema sprechen bzw. irgendeinen Beschluss fassen.

    Ich möchte hervorheben: Als ich in Libyen arbeitete, hatte ich nie Posten in den Sicherheitsdiensten inne. Ich war nur Berater im Bereich Hochsee-Güterverkehr.

    Wir rechnen mit einer wichtigen Rolle Russlands als einem großen Staat bei solchen Fällen der Willkür. Ich bedanke mich bei Russland für seine Anstrengungen um meine Freilassung.

    Hintergrund

    Nach dem Sturz Gaddafis 2011 in Libyen begann eine Jagd nach ihm, seinen Verwandten und engsten Mitstreitern. Die Aufständischen eroberten seine Heimatstadt Sirte und töteten nicht nur den libyschen Anführer selbst, sondern auch seinen Sohn Mutassim. Sein jüngster Sohn Saif al-Arab kam während eines Bombenangriffs auf Tripolis ums Leben. Auch sein weiterer Sohn Chamis kam nach Medienangaben bei Kämpfen um die Stadt Tarhuna ums Leben. Saif al-Islam, einer der engsten Mitstreiter seines Vaters, wurde gefasst. 2016 erklärten Extremisten, er sei freigelassen worden. Bisweilen werden in seinem Namen lautstarke politische Erklärungen der Anhänger der früheren Regierenden abgegeben. Ein weiterer Sohn Gaddafis, Al-Saadi, befindet sich zusammen mit dem ehemaligen Premier des Landes in einem Gefängnis in Tripolis. Er wird wegen gewaltsamer Unterdrückung der Proteste gegen seinen Vater von 2011 angeklagt. Seine Tochter Aischa sowie seine Witwe Safia Farkasch und der älteste Sohn Mohammed retteten sich und flohen zunächst nach Algerien und danach in den Oman.

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    Tags:
    Machtumsturz, Extremisten, Terroristen, Luftangriffe, Invasion, Terrormiliz Daesh, NATO, Saif al-Islam, Muammar al-Gaddafi, Nahost, Tripolis, Nordafrika, Libanon, Libyen, Syrien, USA