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04:17 19 September 2019
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    Alexander Dugin (Archivbild)

    Putinkunde aktuell: Wer ist Alexander Dugin, „Kremls neofaschistischer Ideologe“?

    © Sputnik / Alexander Wilf
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    Wollen die europäischen Medien „die russische Gefahr“ konstruieren und weiter propagieren, greifen sie oft zu Worten und Schriften des umstrittenen Philosophen Alexander Dugin. Zugleich bezeichnen zahlreiche Quellen seine vermeintliche Verbindung zu Wladimir Putin als Verschwörungstheorie. Dugin- und Putin-Kenner erzählten Sputnik, warum das so ist.

    Ob der „Spiegel“, die FAZ, die „Zeit“, die „Welt“ oder das Schweizer Radio und Fernsehen - die westlichen Medien machen es sich leicht, die Taten des Präsidenten Wladimir Putin mit der Ideologie des umstrittenen Philosophen Alexander Dugin zu erklären. „Der heimliche Chef-Ideologe Putins“, „Putins Einflüsterer“, „auf diesen Mann hört Putin“, „Putins Hirn“, „der als Putin-nah geltende Staatsideologe Alexander Dugin“ - schreiben sie gerne weiter und entblößen damit ihre Hilflosigkeit beim Verstehen des „Putinismus“, in dem sie sich offenbar schon lange für Spitzenexperten halten. Ein etwas tieferer Blick in die Wirklichkeit legt offen: weder Putin noch seine nähere Umgebung haben sich von dem ultrarechten Dugin beeinflussen lassen.

    NATO-Manöver in Polen (Archivbild)
    © REUTERS / Agencja Gazeta / Slawomir Kaminski
    So wird die gewünschte Russland-Wirklichkeit konstruiert

    Der Politologe, Soziologe und Ultranationalist Dugin bezeichnet sich selbst als Anführer der sogenannten Internationalen Eurasischen Bewegung, die Russland im Zentrum des sogenannten Eurasischen Imperiums sehen will. Er plädiert auch für den Aufbau einer „Welt der Russen“ auf dem postsowjetischen Raum egal ob durch Macht, Diplomatie oder Wirtschaftsdruck, um jedem westlichen Einfluss heftig zu entgegnen. Als Mitgründer der später verbotenen Nationalbolschewistischen Partei veröffentlichte er in den 90er Jahren seine Kolumnen unter dem kennzeichnenden Decknamen „Aries“ und verbreitete damit seine Vorstellungen von der „Welt der Russen“. Im März 2014 schrieb er in seinem Blog, Russland müsse Europa erobern und anschließen, es „vor den Schwulen, vor Pussy Riot, letztendlich vor sich selbst schützen“. „Europa anzuschließen ist russisch!”, war seine Botschaft. Rund um die Krim-Geschehnisse verstärkte Dugin seine ultranationalistische Rhetorik, wollte Putin den Donbass und „Noworossija“ an Russland anschließen sehen - und blieb doch draußen. Warum?

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    Im Artikel „Rasputin des Putin“ konstruiert der Franzose Vincent Jauvert 2014 eine gewünschte Russland-Wirklichkeit hauptsächlich aufgrund der Gespräche mit Dugin. Dugin glaube, Dugin behaupte, Dugin feiere den Sieg seiner Ideen 2014. Aber nicht umsonst hat sich Dugin von einem Oppositionellen Anfang der 2000er Jahre über einen Putin-Anhänger bis zu einem heftigen Kritiker entwickelt. So sagte Dugin gegenüber dem wenig bekannten Portal „Putin24“ im Jahre 2017,  die Haltung des Kremls zum Donbass sei „ekelhafte Hässlichkeit“, denn „Russland habe den Donbass verraten“.         

    „Putin ist er egal“

    Ein Bekannter Dugins und Kenner des Kremls, der anonym bleiben möchte, erinnert sich im Sputnik-Gespräch an Dugin der 90er sowie der 2000er Jahre. Als Dugin sich von der ihm offenbar zu klein gewordenen Nationalbolschewistischen Partei getrennt habe, habe seine ideologische Temperatur „deutlich bei über 35,6 Grad“ gelegen.

    „Er machte sich wichtig vor einigen mittleren Bürokraten des Innenpolitikbüros der Präsidialverwaltung, als wollte er zeigen, er wäre der wichtigste Theoretiker der Geopolitik und Vordenker einer konservativen Revolution“, sagt der Sputnik-Gesprächspartner. Doch Putin sei er egal, keiner der Abteilungsleiter der Föderalbehörden sei jemals mit ihm aufgetreten, ganz zu schweigen von den Treffen mit Putin.

    Im Jahre 2014 forderte Dugin, dass die russische Armee Kiew angreift („Panzer nach Kiew!“), wollte „töten, töten, töten“. Zugleich schrieb er auf dem Portal „Odnako“ („Aber“), „Putins Weigerung, Truppen in die Ukraine zu schicken, wird den Einmarsch ukrainischer Truppen in die Krim bedeuten.“ Putin würde das Schicksal des Janukowitsch oder Gaddafi teilen, was sofort zum Bürgerkrieg führen würde, glaubte Dugin.

    In den zuständigen Ministerien und Denkfabriken seien diese Auftritte als unangemessen, unverantwortlich und kontraproduktiv betrachtet worden, kommentiert der Sputnik-Gesprächspartner weiter. Das mag dazu geführt haben, dass Dugin nie mehr in die zentralen Fernsehkanäle eingeladen werde. Im Grunde genommen werde Dugins Figur im Westen stark überschätzt, ebenso der Einfluss der nicht staatlichen Denkfabrik Isborsk-Klub, dessen Mitglied er ist, auf die Politik der Regierung.

    „Dass Putin auf Dugin hört oder Putin ein russischer Imperialist ist, ist Quatsch“, bestätigt der stellvertretende Leiter des Klubs, Alexander Nagornyj, gegenüber Sputnik. „Zu Putins Umgebung zählen nur sehr wenige Politologen wie Sergej Kirijenko, der stellvertretende Leiter der Präsidialverwaltung, oder Konstantin Remtschukow, der Gefährte des Unternehmers Anatoli Tschubais und Chefredakteur der ‚Nesawissimaja Gazeta‘, und schon gar keine Philosophen. Schon rein hierarchisch ist Dugin weit weg von Putin“, so Nagornyj.

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    Was die Ukraine und die Beziehungen zum Westen angeht, verzögert Putin „als Westlicher“ laut Nagornyj Entscheidungen, die den Interessen des Westens zuwiderlaufen, und handelt nur im letzten Moment. Nagornyj verweist auf die „Rosenrevolution“ in Georgien im November 2003, als Putin die Machtübergabe von Eduard Schewardnadse an Michail Saakaschwili angeblich bewusst nicht verhindern wollte. In Adscharien sei Abaschidse bereit gewesen, so Nagornyj, die Rebellion von Saakaschwili zu unterdrücken, doch der damalige russische Außenminister Iwanow sei nach Batumi geflogen und habe Abaschidse daran gehindert.

    Auch im Kaukasuskrieg 2008 habe Putin nichts gegen Saakaschwili an der Macht unternommen - ein Imperialist hätte anders gehandelt. Er sei somit dem damaligen EU-Ratspräsidenten Nicolas Sarkozy entgegengekommen, der Russland davon abriet, weiter in Richtung Tiflis vorzurücken. Kurz vor dem Umsturz in der Ukraine, am 20. Februar 2014, hatte Barack Obama laut Außenminister Sergej Lawrow Wladimir Putin angerufen. Putin sollte dem Gespräch zufolge den damaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch nicht an einem Einverständnis mit der Opposition hindern, das ihm die USA vorschlugen. So hatte Janukowitsch den Maidan nicht mit Gewaltmethoden gestoppt. Er habe der Bitte Obamas zugestimmt, bestätigte Putin selbst in einer Doku. Dies war am Vorabend der Ankunft der drei Außenminister aus Deutschland, Polen und Frankreich in Kiew geschehen, die einen Kompromiss unterzeichnen wollten. Doch plötzlich hatte die Opposition das Regierungsgebäude erobert und Janukowitsch war auf der Flucht. „Putin hat auf den Machtanspruch sowohl in Georgien als auch in der Ukraine verzichtet, dies hat nichts mit der patriotischen Ideologie Dugins zu tun“, resümiert Nagornyj.   

    Unerfüllte Hoffnungen der russischen Radikalen

    Ende Februar 2019 trat Dugin in einem Artikel erneut mit Putin-Kritik auf: „Der spätere Putin verliert seine historische Mission. Was er nicht getan hat, wird er schon nicht mehr tun. Die Post-Putin-Zeit hat begonnen - zumindest in unserem Kopf. Die kritische Haltung gegenüber Putin wird wachsen - von seinen wichtigsten Unterstützern, den russischen Patrioten.“

    Laut den Ansichten eines Dugin-Anhängers ist Putin daran schuld, dass er nicht zum Diktator geworden ist, schreibt der Historiker Michail Duinow.

    Der Publizist Alexander Chaldej meint, Dugins These basiere auf den unerfüllten Hoffnungen der russischen Radikalen, die von Putin immer Unmögliches gefordert hätten. „Er hat sich niemals entschieden und wird sich nie entscheiden für die Mission, die sie sich vorstellen und die sie Putin aufdrängen wollen“, so Chaldej.

    Fragt man Nagornyj nach der wahren Ideologie Putins, dann sei der russische Präsident ein „überzeugter Befürworter des freien Marktes und ein Ultraliberaler, der von der US-Lebensweise mal inspiriert gewesen sein soll“. Man müsse ihn nicht nach den Aussagen messen, sondern schauen, wie die Finanzströme oder die Verteilung des Eigentums gelenkt werden. Die Leitlinie der Innenpolitik Putins beruht laut Nagornyj ebenso auf einem ultraliberalen Wirtschaftsmodell, und seine gesamte politische Umgebung bestehe aus Befürwortern der so genannten „Chicagoer Wirtschaftsschule“ wie Finanzminister Anton Siluanow oder die Leiterin der Zentralbank, Elwira Nabiullina.  

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    Die Generaldirektorin des Instituts für außenpolitische Studien und Initiativen, Veronika Krasheninnikova, kontert darauf ihrerseits gegenüber Sputnik, die russischen Ultrarechten seien über Putin enttäuscht, weshalb sie alle anderen politischen Ansichten als „Ultraliberalismus“ abstempeln würden. Sie besteht darauf, dass sowohl Dugin als auch andere Mitglieder des Isborsk-Klubs ihre Ideologie aufgrund des europäischen Faschismus der Nachkriegszeit aufgebaut hätten: Im Internet sind mehrere verlinkte Werke und Kontakte mit den Vertretern der Neuen Rechten wie Alain de Benoist oder Robert Steuckers dokumentiert.

    Putin habe sich jedoch als Persönlichkeit seit 2000 sicher verändert, betont die Politologin, sei heutzutage aber eher ein Leiter im Stil der klassischen „Realpolitik“.   

    Patriotismus vs. Nationalismus

    Was die russische Politik kennzeichne, sei das eine patriotische Linie in deren ursprünglichem Sinne, die „unsere Opponenten aus dem ultraliberalen Lager als Nationalismus betiteln“, fährt Krasheninnikova fort. Es seien auch die Opponenten aus dem ultrarechten Lager, die sich den Begriff Patriotismus geschnappt hätten, um den eigenen Nationalismus oder Neofaschismus zu verschleiern und sich salonfähig zu machen, meint die Expertin.

    In dieser Hinsicht sei Putin kein „Westlicher“ und kein „Mensch der russischen Welt“, sondern ein „Mensch seines Landes“. Putin beschütze und setze die nationalen Interessen des Landes um - und nicht die nationalistischen, so Krasheninnikova.

    Ob der „Mensch seines Landes“ für den Westen gefährlich ist? Sowohl bei den Auftritten im Bundestag im Jahre 2001 als auch auf der Münchner Konferenz im Jahre 2007 soll er angestrebt haben, dem Westen nutzbringend zu sein. Im Jahre 2001 hatte Moskau sich sogar überlegt, der Nato beizutreten. „Hätte er wirklich mehr Macht und Einfluss gewollt, hätte er nicht so leicht auf die Ukraine sowie auf Georgien verzichtet“, beharrt Nagornyj. Das Problematische im Ukraine-Fall sei, dass die Ukraine bisher keine historisch bedingte nationale Idee habe außer der der Nationalisten und NS-Kollaborateure Stepan Bandera und Roman Schuchewytsch, glaubt er. Und das dortige Regime habe die nicht von ihm kontrollierten Bezirke in den Regionen Donezk und Lugansk beschossen. „Putin ist mit ganzem Herzen im Westen, aber der Westen zieht die Schlinge um seinen Hals zusammen. Die Struktur definiert die Aktionen, nicht die Person“, sagt Nagornyj. Ein weiteres Beispiel ist die erleichterte Einbürgerungsprozedur für einzelne Donbass-Einwohner. Sofort schrieb die Springerpresse darauf, die ganze Welt verurteile die neue Putin-Eskalation, für die Ukraine sei es „der neuerliche Beweis für die russische Aggression“. „Wenn manche diese Aktion als Aggression bewerten, lassen sie deren menschlichen Bestandteil völlig weg“, merkt Krasheninnikova abschließend an. „Sie sollten lieber in den Donbass fahren und die Leute fragen, warum sie russische Pässe wollen.“

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    Tags:
    Veronika Krasheninnikova, Ideologie, Nationalismus, Patriotismus, Putin, Kreml, Alexander Dugin