15:09 07 Dezember 2019
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    Präsident Wilhelm Pieck besichtigt am 5.12.1955 in der Nationalgalerie die Gemälde der Dresdner Galerie, die von der Sowjetunion an die DDR übergeben wurden. Wilhelm Pieck im Gespräch mit dem Generaldirektor der Staatlichen Museen, Prof. Justi, vor dem Gemälde Die drei Schwestern von Palma dem Älteren.

    Enteignung, Republikflucht, fingierte Straftaten: Kunstraub in der DDR

    CC BY-SA 3.0 / Bundesarchiv / Bild 183-34766-0008 / Heilig, Walter
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    Die Spurensuche bei NS-Raubkunst ist bekannt. Restitutionsdebatten haben längst auch die Zeit von 1949 bis 1989 erfasst: Denn die Herkunft von Kunst aus DDR-Sammlungen ist zuweilen fraglich. Über das noch größtenteils im Dunklen liegende Erbe des untergegangenen Staates sprach Sputnik mit Provenienzforscher Gilbert Lupfer.

    „Das Wissen um die Provenienz, die Herkunft der Werke in unseren Sammlungen, schmälert nicht ihren ästhetischen Wert und Reiz – ganz im Gegenteil!“: Als Provenienzforscher beschäftigt sich Dr. Gilbert Lupfer von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mit der Herkunftsermittlung von Kunstwerken. Und zwar sowohl von denen, die in der Zeit von 1933 bis 1945 in die Sammlungen kamen, als auch von denen, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit eintrafen. Einen besonderen Teil der Arbeit des promovierten Kunsthistorikers an Gemälden, Skulpturen, Möbeln, Schmuck, Münzen und Geschirr, also Kunstobjekten jedweder Couleur, macht aber die Erforschung der Zugänge aus der DDR-Zeit aus.

    Woher hatte der sozialistische Arbeiter- und Bauernstaat seine Kulturgüter?

    „Ziemlich schnell nach Kriegsende, also noch im Spätsommer und Herbst 1945 und den folgenden Monaten, fand in der Sowjetischen Besatzungszone die sogenannte „Bodenreform“ statt, also die Enteignung landwirtschaftlichen Großgrundbesitzes ab 100 Hektar - einschließlich der Schlösser und der Herrenhäuser, der Landsitze“, erzählt Wissenschaftler Lupfer.

    “Primär ging es zwar um die Anbauflächen, aber auch um die Immobilien sowie um den Inhalt der Immobilien, also jegliches Inventar, was sich in den Schlössern befand. Der Sinn dieser Aktion, dieser Enteignungen war, diese Sachen zu Geld zu machen, zugunsten des Bodenreformfonds, aber manche dieser Stücke kamen auch in die Museen.“

    Schlossbergung

    Der Begriff „Schlossbergung“ ist ein zeitgenössischer Name. Er sei allerdings ein wenig ambivalent: Da er positiv klinge, würde oft gemeint, da ginge es darum, die Schlösser vor Kriegszerstörung zu bewahren, was mitnichten der Fall gewesen sei, so Lupfer.
    Es sei vielmehr um die Leerräumung der Schlösser im Zuge der „Bodenreform“ gegangen. Allerdings, so der Kunsthistoriker weiter, habe es auch einen positiven Nebeneffekt gegeben: denn so Manches an Inventar habe damit vor Plünderungen, Diebstahl, Vandalismus oder einfach vor dem Verfall geschützt werden können.
    In Sachsen etwa habe es sich bei der „Schlossbergung“ um eine sehr umfangreiche konzentrierte Aktion gehandelt, wo es um „Zig-tausende“ von Stücken gegangen sei: Vom Möbelstück über den Teppich über das Geschirr bis hin zu Kunstwerken.

    Gibt es wie in der NS-Debatte NS-Raubgut eigentlich auch DDR-Raubgut ab 1949?

    „Ja, das gibt es auch. Auch, wenn man die beiden Zeiträume nicht gleichsetzen kann. Die politischen Rahmenbedingungen waren sehr unterschiedlich. Den systematischen Genozid und den rassistischen Mord unter NS-Herrschaft kann man nicht mit dem vergleichen, was in der DDR passiert ist. Und auch die Entzugsmaßnahmen hinsichtlich ihrer Absolutheit und ihrer Systematik kann man sicher nicht gleichsetzen“, erläutert Lupfer. „Vergleichen kann man sie, aber man kommt dann zu differenzierten Ergebnissen.“

    Entzugsmaßnahmen der DDR unter dem Motto „Kunst gegen Devisen“

    In der DDR wurden sowohl Museen als auch private Eigentümer dazu gezwungen, Kunstwerke an den Staat abzugeben. So wurden fingierte Straftaten als Druckmittel gegen Private benutzt. Aber auch Museen wurden zum Beispiel staatliche Mittel gekürzt, so dass diese gezwungen waren, Kunstwerke aus ihrem Bestand oft unter Wert zu verkaufen. Denn der Staat wollte die Werke verkaufen, um finanzielle Lücken zu schließen: Ein politisch zentral gesteuerter Entzug. Orchestriert im Bereich „Kommerzielle Koordinierung“ beim Ministerium für Außenhandel der DDR oder durch die Anfang 1973 gegründete „Kunst & Antiquitäten GmbH“. Der systematische Ausverkauf des hochwertigen staatlichen Kunstbesitzes gegen Devisen ins nicht-sozialistische Ausland durch diese GmbH ist ein weiteres Kapitel des DDR-Erbes.

    „Grundsätzlich waren Entzugsmaßnahmen, die in der DDR stattfanden, nicht darauf gerichtet, Werke für die Museen zu beschaffen. Wenn Maßnahmen sich auf Kunstwerke richteten, ging es einfach darum, Kunstwerke zu beschaffen, die dann gegen Devisen ins Ausland verkauft werden konnten. Das Ziel war nie die Füllung von Museumsschauräumen oder Museumsdepots. Das war eher ein Nebeneffekt oder ein ´Beifang`“, erläutert Provenienzforscher Lupfer.

    „Es kamen aus unterschiedlichen Kontexten Werke in Museen, wo man heute sagt: ´Das ist nach heutigen Gesichtspunkten nicht rechtmäßig zustande gekommen`“.

    So würde es vorkommen, dass sich in Inventarbüchern der Hinweis finde „Zuweisung des Rates des Bezirkes“, „Zuweisung der Finanzbehörde“ oder „Zuweisung der Polizeibehörde“, erläutert der Kunsthistoriker. Das sei gewissermaßen ein Fingerzeig dafür, der Herkunft genauer nachzugehen. Es könnte sich dabei zwar einerseits um eine „ganz normale Sache“  handeln, aber auch sein, dass es sich dabei um Stücke handelte, die bei sogenannten „Republikflüchtlingen“ beschlagnahmt worden seien oder um Stücke, die einfach in einer Wohnung zurückgelassen worden seien, deren Bewohner ausgereist seien.

    Steuerschulden und Deals

    Und es habe Fälle gegeben, in denen DDR-Bürger in den „Westen“ ausreisen gewollt und auch einen Antrag gestellt hätten, ihr Hab und Gut, zu dem vielleicht auch Kunstwerke oder eine ganze Kunstsammlung gehörten, mitnehmen zu dürfen. Dann sei geprüft worden, ob sie dafür eine Ausfuhrgenehmigung bekämen. Die Gutachter, die dafür eingesetzt gewesen seien, seien in der Regel Museumsleute, also Direktoren oder Konservatoren gewesen. Und manchmal habe es „Deals“ gegeben, die man nach heutigem Verständnis nicht mehr so akzeptieren würde, wenn etwa der Museumsdirektor „XY“ angeboten habe: ‚Du hast eine Sammlung zwölf wertvollen Ölgemälden. Ich bescheinige dir bei zehn, dass die nicht national wertvoll sind und dass du die ohne Weiteres mitnehmen, also ausführen kannst. Und bei zweien bescheinige ich dir das nicht und die kommen dann in mein Museum.‘“ Das habe seinerzeit manche Kunstwerke vielleicht davor „gerettet“, irgendwo auf dem Kunstmarkt zu verschwinden, doch sei dies laut Lupfer ein Vorgehen, was man heute so nicht mehr akzeptieren könne.

     So auch in Fällen einer tatsächlichen oder einer konstruierten Steuerschuld, wo privaten Sammlern eine Rechnung aufgemacht wurde:  „Du hast eine Kunstsammlung in dem und dem Wert, du hast nie Steuern dafür bezahlt, die hat einen Wert von 300.000 Mark und du hast eine Steuerschuld von 290.000 Mark´:  Übergib einfach die Sammlung den Behörden, dann ist diese Sache damit erledigt.“ Seien aus derartigen Aktionen Stücke in Museen gelandet, müsse man heute recherchieren, ob diese wirklich rechtmäßig gewesen sei. Oft sei dies nicht nur eine Frage der Provenienz, sondern auch der rechtlichen Bewertung: „Es muss nicht jede Steuerschuld in der DDR gleich mit Unrecht zu tun haben. Das muss man sich einfach genau angucken“, so Lupfer.

    Herkunftsermittlung

    Bei der Provenienzbestimmung werden die Werke übrigens zunächst selbst unter die Lupe genommen. Da werden etwa bei Bildern deren Rückseiten angesehen, denn in vielen Fällen finden sich hier Aufkleber von Sammler oder Händler, aber auch von Ausstellungen. Auch Markierungen, wie Nummern, können Auskunft darüber geben, dass die Werke zum Beispiel in der NS-Zeit als „Entartete Kunst“ beschlagnahmt wurden. Zuweilen gibt es in den Sammlungen auch hausinterne, museumseigene, Informationen, auf die bei Recherchen zugegriffen wird. Auch die Möglichkeit, in Bibliotheken in historischen Ausstellungs- und Auktionskatalogen zu blättern wird genutzt, denn hier finden sich oft Hinweise auf vorherige Leihgeber oder Einlieferer. Und nicht zuletzt die Recherche in Archiven sowie die Suche in Datenbanken zu verschollener Kunst hilft bei der Herkunftsbestimmung.

    Das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste

    Um die Förderung der Provenienzermittlung bemüht sich auch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg. Gilbert Lupfer ist im 2015 gegründeten Zentrum im wissenschaftlichen Vorstand.
    Dort würde allerdings keine Provenienzforschung betrieben, so Lupfer, sondern diese finanziell ermöglicht, Wissenschaftler mit Partnerinstitutionen vernetzt und Recherchen angeregt, neue Förderprogramme aufgelegt. Gerade für den historischen Abschnitt der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sei man noch mit Grundlagenforschung befasst, unterstreicht der Kunsthistoriker. So etwa über die „Aktion Licht“ in der 1962 in der ganzen DDR Bankschließfächer und -tresore geleert wurden, die seit 1945 als herrenlos galten, um dort Verwertbares, Verkaufbares zu finden.

    Der Umfang des unrechtmäßigen Entzugs

    Zahlen zu nennen ist aus der Sicht des Forschers nicht möglich: Durch das föderale System in der Bundesrepublik seien die Museen in unterschiedlichster Trägerschaft, vom Bund über die Länder, die meisten kommunal betrieben. Ein zentrales Register für die Fälle gebe es nicht. Aber aus „Dresdener Sicht“ seien von den Fall- wie Stückzahlen die der „Schlossbergungen“ zahlenmäßig am Umfangreichsten, wohingegen es beim sogenannten „NS-Entzug“ zahlenmäßig deutlich weniger seien und auch der Entzug in der DDR weitaus geringer ausgefallen sei. Bei den „Schlossbergungen“ seien es „Tausende von Stücken“, die in die Museen gekommen und jetzt auch schon restituiert worden seien. Bei den anderen Konstellationen handele es sich bei den Stücken um dreistellige Größenordnungen und bei den Fallzahlen um zweistellige.

    Die Grundlage für Restitutionen

    „Es gibt für die Nachkriegszeit gesetzliche Grundlagen. Die eine bezieht sich auf die Besatzungszeit, die andere dann auf die DDR. Diese gesetzlichen Grundlagen waren mit Anmeldefristen verbunden bis Mitte der 1990er Jahre. Das heißt, die Geschädigten mussten ihren Anspruch bei den zuständigen „Ämtern zur Regelung offener Vermögensfragen“, die es auf Stadt- und auf Länderebene gab und noch gibt, vorbringen, rechtzeitig anmelden und auch substantiieren“, erläutert der Wissenschaftler. „Nur wenn solche Ansprüche vorliegen, kann eine Restitution stattfinden.“

    Aber wenn heute ein Kunstwerk im Bestand entdeckt würde, welches nach heutigem Verständnis nicht rechtmäßig ins Museum gekommen sei, jedoch niemand einen Anspruch darauf erhoben habe, dann gäbe es auch jetzt für das Museum oder den Träger des Museums keine Möglichkeit, zurückzugeben, so Lupfer.

    Zwar sei man in der Recherche nach der Herkunft proaktiv tätig, die Rückgabe allerdings sei dann eine Entscheidung des Museumsträgers, also des Landes oder einer Kommune. Und die seien an gesetzliche Vorgaben gebunden - mit einem relativ engen Rahmen.

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    Tags:
    30 Jahre Mauerfall, Mauerfall-Jahrestag, Herkunft, Erbe, Kultur, Ermittlungen, Raub, Kunst, DDR