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    Saleh Maglam bei einem Interview mit einem Al-Qaida-Anfuehrer, Aazzan (Jemen), 01.04.2012

    Traumberuf und Trauma: Wenn Journalisten vom Krieg berichten – Exklusiv

    © Foto : Privatarchiv von Saleh Maglam
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    Weswegen entscheidet man sich für einen Beruf, der lebensgefährlich ist? Sputnik hat mit drei Journalisten in Kriegsgebieten gesprochen. Es sind Menschen aus unterschiedlichen Ländern, mit unterschiedlichen Geschichten.

    Was sie verbindet, sind die Risiken, die sie für ihre Arbeit in Kauf nehmen – und die schrecklichen Bilder, mit denen sie leben müssen.

    Journalismus ist kein ungefährlicher Beruf. Auf der Suche nach exklusiven Stories und den besten Bildern riskieren Journalisten regelmäßig ihre Freiheit, ihre Gesundheit und manchmal auch ihr Leben. Dies gilt umso mehr, wenn sie sich in Kriegs- und Krisengebiete begeben. 

    Ein Blick in die Statistik zeigt: 2007 war ein besonders gefährliches Jahr für die Presse. 88 Journalisten mussten ihre Arbeit mit dem Leben bezahlen. Mit 63 getöteten Journalisten war das Jahr 2018 für Pressevertreter zwar nicht ganz so dramatisch zu Ende gegangen, doch bedeutete die Zahl einen Anstieg im Vergleich zu den beiden vorangegangenen Jahren. Für das laufende Jahr 2019 haben die „Reporter ohne Grenzen“ (ROG) bereits den Tod von 23 Journalisten, einem Medienmitarbeiter sowie vier Bloggern und Bürgerjournalisten im direkten Zusammenhang mit ihrer journalistischen Tätigkeit eindeutig nachgewiesen.

    Die meisten Opfer entfielen dabei auf Mexiko (7) und Afghanistan (3). Laut dem Barometer der Pressefreiheit von ROG befinden sich derzeit außerdem 241 Journalisten, 17 Medienmitarbeiter sowie 141 Blogger und Bürgerjournalisten wegen ihrer Tätigkeit in Haft. Doch was treibt Menschen dazu, insbesondere in Kriegsgebieten, diesen Beruf zu ergreifen?

    Ein „Kollateralschaden“ für die syrische Armee, aber ein einschneidendes Erlebnis, das alles veränderte, war für den damals erst 11-jährigen Nour Adam der Tod seines besten Freundes Omar, als seine Heimatstadt Douma bombardiert wurde. In den Folgejahren starben auch sein Cousin und die meisten seiner Freunde. „Ich dachte, niemand weiß, was hier vorgeht, und fragte mich, wie ich möglichst viele Menschen erreichen kann. Also lernte ich, Video- und Fotoaufnahmen zu machen“.

    Nour Adam bei der Arbeit
    © Foto : Privat
    Nour Adam bei der Arbeit

    Mit dreizehn Jahren begann Adam, als Freiwilliger für das Douma Media Center aus der von syrischen Regierungstruppen belagerten Stadt zu berichten. Auch über seinen eigenen Twitter-Kanal berichtete der Jugendliche regelmäßig von den Auswirkungen von Krieg und Hunger in Douma.

    „Journalist in solch einer gefährlichen Umgebung sein zu wollen, ist tatsächlich eine Mischung aus Abenteuerlust und Selbstmord“, gibt der jemenitische Journalist Saleh Maglam zu. Diese Entscheidung würden die Menschen in seinem kriegsgebeutelten Land aus zwei Hauptgründen treffen. Der eine sei das mangelnde Interesse seitens der internationalen Presse, über die teils erschütternden Zustände im Jemen zu berichten.

    Der zweite und für viele Journalisten entscheidende Grund ist die vergleichsweise hohe Entlohnung, die für exklusive Berichte aus dem Kriegsgebiet winkt. Nach zwölf Jahren bei lokalen Medien habe er sich deswegen entschieden, als Fotograf für die französische Nachrichtenagentur Agence France Presse (AFP) zu arbeiten, so Maglam.

    „Ich berichtete über den Krieg zwischen Al-Qaida und der jemenitischen Armee in der Provinz Shabwa im Süd-Jemen. Dort portraitierte ich Al-Qaida-Kämpfer in ihren Barracken. Die 600 US-Dollar, die ich dafür bekam, waren der erste große Lohn meines Lebens.“

    Diese Erfahrung habe ihn angespornt, weiterzumachen. Dass das schnell schiefgehen kann, bekam der jemenitische Journalist am 16. Juli 2012 zu spüren, als er auf dem Rückweg von Dreharbeiten von einer Gruppe maskierter Al-Qaida-Kämpfer angegriffen und entführt wurde.

    „Einer der Anführer, ein großer, starker Mann mit dickem Bart, schaute sich die Foto- und Videoaufnahmen auf meiner Kamera an, schaute böse und sagte: ‚Du hast die rote Linie überschritten. Du bist kein Journalist, sondern ein ausländischer Spion.‘ Ich versuchte vergeblich, mich zu verteidigen. Er packte mich am Arm und führte mich ab. Als wir die Treppe runtergingen, nahm ich nichts mehr von meiner Umgebung wahr. Stattdessen zogen vor meinem inneren Auge Bilder meines Vaters, meiner Mutter, meiner Frau und all meiner Verwandten vorbei. Ich sah sie, wie sie die Nachricht über meinen Tod entgegennehmen. Ich sah sie weinen und leiden. Es war, als sei ich bereits tot.“

    Nach den längsten zwei Stunden seines Lebens, wie Maglam sagt, sei das Al-Qaida-Lager durch den Überflug eines US-Flugzeugs in Aufruhr geraten. Die Kämpfer hätten ihn gehen lassen und selbst die Flucht ergriffen, weil sie fürchteten, bombardiert zu werden.

    „Eigentlich kannst du gar nichts tun, denn niemand ist sicher“

    Es sei in Kriegsgebieten eine große Herausforderung, sich selbst und seine Quellen zu schützen, bestätigt die deutsche Journalistin Karin Leukefeld. Sie berichtete von 2001 bis 2003 aus dem Irak und folgte dann den 1,5 Millionen irakischer Flüchtlinge nach Syrien. Von dort berichtet sie als eine der wenigen westlichen Journalisten bis heute.

    Karin Leukefeld im Palästinenserlager Jarmuk (Damaskus) September 2015
    © Foto : Privat
    Karin Leukefeld im Palästinenserlager Jarmuk (Damaskus) September 2015

    „Normalerweise suche ich nicht nach Berichten von der Front, aber manchmal kommt die Front zu einem selbst.  Plötzlich gibt es eine Explosion direkt vor der Tür, eine Granate schlägt vor dir auf der Straße ein, eine Kugel zerschmettert das Fenster. Es gibt nicht viel, was man zum eigenen Schutz tun kann. Ich versuche, keine Risiken einzugehen, und höre auf die Ratschläge der Menschen, die ich kenne.“

    Es sei für ihn und seine Kollegen äußerst schwierig, Sicherheit herzustellen, bestätigt Saleh Maglam.

    „Es ist schwierig, präventiv zu agieren, also alle notwendigen Vorkehrungen zu treffen, um Verfolgung, Festnahme und Mord zu verhindern. Aber man kann sich beispielsweise mit persönlichen Beziehungen zu Kontaktpersonen in den Gebieten absichern, die im Falle einer Festnahme den Kontakt zu Offiziellen oder Stammesführern herstellen können. Man kann auch Arbeitsunterlagen maskieren und verbergen.“

     „Eigentlich kannst du gar nichts tun, denn niemand ist sicher“, sagt der junge Syrer Nour Adam. Seine eigene Sicherheit sei ihm egal, er wolle einfach die Wahrheit berichten. Um seine Familie zu schützen, habe er aber seinen Nachnamen geändert.   

    „Nur, wenn dir die Menschen vertrauen, bekommst du ein gutes Interview“

    Zum Handwerk des Journalisten gehört es, Informationen zu sammeln und mit Menschen zu sprechen. Aber das stellt in Kriegsgebieten eine besondere Herausforderung dar. „Im Jemen kann die Suche nach Informationen lebensgefährlich sein, insbesondere, wenn es um sensible Themen geht, etwa um religiöse Gruppierungen oder Korruption“, berichtet der erfahrene jemenitische Journalist Maglam.

    Jemenitische Binnenfluechtlinge (Mutter und Tochter) in einem Camp in Sanaa
    © Foto : Saleh Maglam
    Jemenitische Binnenfluechtlinge (Mutter und Tochter) in einem Camp in Sanaa

    „Das Internet hilft da nicht viel, denn die meisten Organisationen im Jemen haben entweder überhaupt keine Webseite, veröffentlichen nichts online oder aktualisieren die Informationen auf ihrer Seite nicht regelmäßig.“ Die Menschen seien wegen der anhaltenden Bedrohungslage oft nicht bereit, Interviews zu geben. Manche würden die Journalisten für Spione halten.

    Karin Leukefeld kennt solche Situationen aus ihrem Arbeitsalltag:

    „Man braucht Einfühlungsvermögen. Manchmal treffe ich Menschen immer und immer wieder zu Gesprächen, aber sie wollen mir kein Interview geben. Man muss Geduld haben. Und eines Tages sind sie dann bereit, vor das Mikrophon zu treten und ein Interview zu geben. Wenn man will, dass die Menschen einem vertrauen, muss man sie respektieren. Nur, wenn sie dir vertrauen, bekommst du ein gutes Interview.“

    Ganz anders der syrische Bürgerjournalist Nour Adam. Er habe die Erfahrung gemacht, dass die notleidende Zivilbevölkerung gehört werden will und ihm deswegen bereitwillig von den eigenen bitteren Erfahrungen erzählt. „Denn die Welt tut nichts, um ihnen zu helfen.“

    Luxusgüter Strom, Treibstoff und Internet

    Praktische Hindernisse für die journalistische Arbeit stellen in Kriegsgebieten häufig die mangelnde Versorgung mit Strom, Treibstoff oder Internet dar. Das wissen sowohl Nour Adam als auch Karin Leukefeld zu berichten.

    © Foto : Karin Leukefeld

    „Als ich im März und April dieses Jahres in Syrien war, gab es wegen der Sanktionen eine Versorgungslücke mit Treibstoff“, so Leukefeld. „Ich hatte geplant, nach Homs, Hama und Aleppo zu reisen, aber zwei Wochen lang versuchte mein Fahrer vergeblich, genügend Treibstoff für die Reise aufzutreiben.“ Auch in der Zeit im Irak habe sie ihren Arbeitsrhythmus an die Gegebenheiten anpassen müssen.

    „Es gab eine Zeit in Bagdad, da musste ich um 2 Uhr morgens aufstehen, um die Energiezufuhr abzupassen. Wenn man Glück hat, gibt es da, wo man sich befindet, einen Generator. Aber in Kriegsgebieten fallen sie oft aus und es mangelt häufig an Benzin, um sie zu betreiben.“

    Unterschiedliche politische Interessen in Regionen, wo mehrere Konfliktparteien aufeinandertreffen, bedeuten ebenso Hindernisse und Gefahren für Journalisten. Saleh Maglam bringt es auf eine knappe Formel: „Im Jemen gilt bei allen Konfliktparteien im Hinblick auf Journalisten: Bist du nicht für mich, bist du gegen mich.“

    Soldaten auf einem zerstörten IS*-Panzer
    © Foto : Karin Leukefeld
    Soldaten auf einem zerstörten IS*-Panzer

    Auch die deutsche Auslandskorrespondentin Karin Leukefeld kennt das:

    „Mehrfach wurde ich an der Berichterstattung im Irak und Syrien gehindert. Außerdem bin ich von mehreren Medien, für die ich arbeite oder gearbeitet habe, blockiert worden. Sie wollen, dass ich ein bestimmtes Narrativ benutze, um den Konflikt zu erklären. Dass ich beispielsweise vom ‚Diktator‘ spreche und nicht von dem ‚Präsidenten‘. Es war nicht einfach, im Irak zu arbeiten, und hier in Syrien ist es noch schwieriger. Es gibt von bestimmten Seiten viel Hass, Denunziation und Anfeindungen wegen meiner Berichterstattung  – man kann das im Internet finden. Weil ich seit 2010 eine offizielle Akkreditierung habe, nennen sie mich ‚Stimme des Regimes‘. Einige Medien ziehen es vor, sogenannten ‚Bürgerjournalisten‘ statt ihren eigenen Korrespondenten vor Ort das Wort zu geben. Medien sind Teil des Krieges geworden, besonders in Syrien.“

    Wegen Drohungen von offiziellen Stellen in Sanaa musste Saleh Maglam TV-Auftritte absagen und seine Tätigkeit in den Hintergrund verlegen, wo er Reportagen ohne Nennung seines Namens produzieren konnte. Schlimmer erging es dem jungen syrischen Bürgerjournalisten Nour Adam, der angibt, wegen seiner regierungskritischen Haltung als Minderjähriger fast ein Jahr in Haft verbracht zu haben und Folter ausgesetzt gewesen zu sein.

    Wenn das Trauma Teil des Jobs ist

    Wer Bilder aus dem Arbeitsalltag von Journalisten in Kriegsgebieten sieht und hört, was sie täglich erleben, fragt sich unwillkürlich: Wie halten sie das aus? Dass sie enormen psychologischen Belastungen ausgesetzt sind und diese auch spüren, streiten Karin Leukefeld, Saleh Maglam und Nour Adam nicht ab. Die betroffenen Journalisten gehen damit aber ganz unterschiedlich um.

    „Manche sagen, dass sie problemlos mit der Belastung klarkommen, andere fangen an zu trinken“, erzählt Karin Leukefeld. „Die einen fangen an, Geschichten zu erfinden, andere wiederum gehen sehr hohe Risiken ein. Für manche ist Kriegsberichterstattung wie eine Droge, es gibt viele Geschichten darüber.“

    Für sie sei das Schreiben ein Weg, mit den schrecklichen Erlebnissen klarzukommen.  Sich auf gute Berichterstattung zu konzentrieren helfe dabei, einen klaren Kopf zu behalten.

    © Foto : Karin Leukefeld
    Mutter (R) und Sohn (1L) kämpfen in einer Spezialtruppe

    Als Journalist gehöre es zum Beruf dazu, psychologischen Druck auszuhalten, meint Saleh Maglam:. „Früher verstand ich den Ausspruch nicht, dass man als Journalist nicht die Story sei, sich also nicht zum Opfer der Geschichte machen dürfe.“ Er räumt ein: „Meine Ambitionen trieben mich an, aber nach meiner Entführung durch Al-Qaida habe ich einen Schock behalten.“

    Mit dem Erlebten kommt Nour Adam selbst nach seiner Flucht aus Syrien nach Frankreich nicht ganz so gut zurecht:

    „Wenn du massenweise Menschen sterben siehst, dann willst du weinen. Du kannst nichts tun. Wenn du überhaupt schlafen kannst, dann träumst du davon. Es ist wirklich schwer und ich habe nichts davon vergessen.“

    ​Er erinnere sich an jede Sekunde seiner Haft und an alle unaussprechlichen Dinge, die während dieser Zeit passiert seien, so Adam.

    „Ich habe meinen Verstand verloren.  Ich bin im Krieg aufgewachsen, deswegen hatte ich nie ein normales Leben. Selbst jetzt in Frankreich lässt es mich nicht los. Aber man muss irgendwie weitermachen, sonst nimmt man sich das Leben wegen dem, was man gesehen hat.“

    Andrej Stenin, Fotograf von Rossiya Segodnya, war Anfang August 2014 im Gebiet Donezk in der Ostukraine verschwunden. Später wurde bekannt, dass er am 6. August beim Beschuss einer Fahrzeugkolonne durch ukrainische Militärs ums Leben gekommen war.

    Anlässlich des fünften Jahrestages seines Todes publiziert Sputnik Erlebnisberichte von Journalisten aus Kriegs- und Krisengebieten. Zu Ehren des in Donezk getöteten Fotografen gibt es zudem den alljährlichen Andrej-Stenin-Fotowettbewerb, an dem junge Fotojournalisten aus der ganzen Welt teilnehmen.

    * - Terrororganisation, in Russland verboten

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    Tags:
    Journalisten, Journalismus, Berichterstattung, Krieg, Syrien, Jemen, Afghanistan