05:24 18 November 2019
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    Michail Gorbatschow und Leo Ensel

    Meeting Gorbatschow – Besuche beim ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion

    © Foto : Leo Ensel
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    Eine lebende Legende wie Michail Gorbatschow persönlich zu treffen, ist ein Wunsch, den viele träumen. Wie ist es, wenn er sich tatsächlich erfüllt? – Unser Gastautor Leo Ensel konnte ihn gleich zweimal besuchen. Hier sein Erfahrungsbericht, den wir in zwei Teilen präsentieren.

    Was bedeutet es, wenn über jemanden gesagt wird, es sei still um ihn geworden? Weilt er nicht mehr unter den Lebenden? Hat er sich zur Ruhe gesetzt? Hat er nichts mehr zu sagen? Ist von ihm nichts mehr zu erwarten?

    Nichts von all dem trifft auf Michail Gorbatschow zu. Und wenn es „still um ihn“ geworden ist, dann bedeutet das in diesem Falle nichts Anderes, als dass er in den (deutschen) Medien in den letzten Jahren nur noch selten präsent war! Und dafür gibt es gute schlechte Gründe.

    Der ehemalige Präsident der Sowjetunion, dem die Menschheit unter anderem verdankt, dass sie über 30 Jahre lang von Atomkriegsängsten unbehelligt gut schlafen konnte, unser Gorbi, einst ‚Everybodys Darling‘ in Deutschland, hatte es nämlich gewagt, abweichende Meinungen zum Neuen Ost-West-Konflikt zu äußern. Die Sezession der Krim rechtfertigte er mit dem – auch von ihm stets respektierten – Selbstbestimmungsrecht der Völker, den USA warf er ungerechtfertigten Triumphalismus nach dem Ende des Kalten Krieges, das Scheitern der Abrüstungs- und Rüstungskontrollverträge und das Streben nach Weltherrschaft vor und die deutschen Medien kritisierte er für deren einseitige, oft anklägerische russlandfeindliche Berichterstattung. Starker Tobak und der Liebesentzug durch den Mainstream ließ nicht lange auf sich warten.

    Kein Wunder, dass es ‚still um ihn‘ in den deutschen Medien wurde!

    Rückblick: Angst vor ‚den Russen‘ – Angst vor dem Atomkrieg

    Ich bin kein Kriegskind, aber ein Kind des Kalten Krieges. Geboren Mitte der Fünfziger Jahre, aufgewachsen in einem katholisch-konservativen Milieu im Rheinland, bin ich groß geworden mit der Angst vor ‚den Russen‘. Irgendwann würden sie kommen, uns überfallen und ihren Kommunismus hier einführen – jedenfalls dann, wenn die Amerikaner uns nicht beschützen würden! Später, in den Achtziger Jahren, löste die Angst vor einem alles vernichtenden Atomkrieg die Angst vor ‚den Russen‘ ab.

    Wie Hundertausende andere Westdeutsche ging ich auf die Straße, um gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen zu protestieren, die, das war unsere Überzeugung, die Gefahr eines Atomkrieges in Europa dramatisch verschärften. Die Lage schien aussichtslos: Beide Supermächte bis an die Zähne bewaffnet, in einer verhängnisvollen Aufrüstungsspirale verstrickt. Auf jede ‚Nachrüstung‘ folgte prompt eine ‚Nach-Nachrüstung‘, die Vorwarnzeiten betrugen zum Schluss nur noch vier Minuten – und beide deutsche Staaten mittendrin! Das potenzielle Schlachtfeld der Supermächte. Im Ernstfall wäre hier kein Stein auf dem anderen geblieben. Und das wussten wir alle.

    „Einer muss anfangen, aufzuhören!“, so lautete eine etwas hilflose Parole.

    Und dann geschah ein Wunder.

    Eine Seite fing wirklich an, aufzuhören. Und meinte es auch noch ernst. Und es waren ausgerechnet unsere ‚Feinde‘! Das sklerotische kommunistische System begann – sämtlichen Erwartungen zum Trotz – tatsächlich, sich zu verändern. Ex oriente lux again! Es war, als hätte ein siebzigjähriger Tattergreis mit letzter Kraft noch einen Helden gezeugt. Auf einmal wurde es interessant, die Reden des Vorsitzenden der kommunistischen Partei zu verfolgen. Kein Phrasengedresche, keine Verkündigung letztgültiger Weisheiten mehr aus Moskau! Nun dominierten die Zauberworte Perestroika und Glasnost. Und die neuen Machthaber hatten Humor. Statt von Breschnew-Doktrin war jetzt von der ‚Sinatra-Doktrin‘ die Rede: „I did it my way!“ Der neue Held auf der weltpolitischen Bühne: jung, energisch, womöglich sogar ehrlich, gut aussehend, offenes Gesicht, mit einer attraktiven klugen Frau an seiner Seite. Und lachen konnte er auch! Ein weiterer Zaubersatz machte die Runde: „Wir werden Euch etwas Schreckliches antun: Wir werden Euch des Feindes berauben!“

    Und dann ging es Schlag auf Schlag: Ein sowjetischer Abrüstungsvorschlag jagte den nächsten. Bis der zunächst misstrauisch widerstrebende Westen sich ‚geschlagen‘ geben musste. Alle landgestützten Mittelstreckenraketen in Ost und West wurden abgezogen und restlos verschrottet. Erstmals war eine gesamte Waffenkategorie eliminiert! Es folgten die friedlichen Revolutionen in den Ländern Mittel-/Osteuropas, der Fall der Mauer, die deutsche Wiedervereinigung, die Beseitigung von 80 Prozent aller Atomsprengköpfe weltweit und die Charta von Paris[1], in der NATO und Warschauer Pakt das Ende des Kalten Krieges besiegelten. Die Vision vom „Gemeinsamen europäischen Haus“ schien greifbar nahe. Für einen Wimpernschlag der Weltgeschichte schien selbst Kants Utopie vom „Ewigen Frieden“ in den Bereich des Möglichen gerückt.

    Der Weg zu Gorbatschow

    Dass ich jemals im Leben – und auch noch gleich zweimal – die Gelegenheit haben würde, Michail Gorbatschow persönlich zu treffen und mit ihm zu sprechen, das wäre mir in den Jahren der ‚Gorbi-Manie‘ nicht im Traum eingefallen! Und dafür mussten sich, paradoxerweise!, die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen erst einmal wieder drastisch verschlechtern. Anfang März 2014, die Krim war noch Teil der Ukraine, setzte ich mich an den Schreibtisch und machte mir Gedanken über Wege aus der neuen Eskalationsspirale. Als ich ein erstes Konzept fertiggestellt hatte, nahm ich Kontakt mit dem Deutsch-Russischen Forum auf und wurde prompt nach Berlin zu dem Kongress „Europe: Lost in Translation?“ eingeladen, den das DRF zusammen mit dem „World Public Forum – Dialogue of Civilizations“ des Putin-Vertrauten und ehemaligen Präsidenten der russischen Eisenbahn, Wladimir Jakunin veranstaltete. Ich hatte ein Thesenpapier dabei, trug in einer Arbeitsgruppe meine Gedanken vor – und staunte nicht schlecht, als in der Abschlußsitzung einen Tag später vom Arbeitsgruppenleiter, Prof. Ruslan Grinberg [2] (Chef der Sektion „Ökonomie“ der Russischen Akademie der Wissenschaften), gleich zwei Absätze meines Papiers vollständig vorgelesen wurden! Ich sprach Ruslan Grinberg nach dem Kongress an und er fragte mich, ob ich Lust hätte, einen ausführlichen Essay für seine Zeitschrift „Мир Перемен“ (Welt in Veränderung) zu verfassen. Ich fragte ihn, was das für eine Zeitschrift sei und erhielt die Antwort: „Die bringe ich zusammen mit Michail Gorbatschow heraus.“

    Das ließ ich mir nicht zweimal sagen! Ich schrieb den Essay, er erschien[3] im Herbst 2014 – und es wurde der Beginn einer wunderbaren russisch-deutschen Freundschaft, in der sich alles um die Frage dreht, welchen Beitrag wir beide[4] – er als Russe[5], ich als Deutscher[6] – zur Deeskalation im Neuen Ost-West-Konflikt leisten können. Gemeinsam entwickelten wir das Konzept für eine internationale „Breite Koalition der Vernunft“[7], die alle Menschen aus den direkt und mittelbar betroffenen Ländern, denen Deeskalation wichtiger ist als ihre jeweiligen nationalen Narrative einlädt, sich zusammenzuschließen[8]. Unser „STOP!!!-Appell“[9], dessen Ziel die Rettung der Politik des Neuen Denkens von Michail Gorbatschow ist, und das ihm zugrundeliegende Konzept[10] wurden sowohl in Deutschland als auch in Russland[11] veröffentlicht.

    Dass bei Grinbergs, wie sich herausstellte, exzellenten Beziehungen zu Gorbatschow immer auch mal wieder von meiner Seite der Wunsch aufkam, den ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion persönlich kennenzulernen, versteht sich von selbst.

    Am 18. April 2017 war es endlich soweit.

    Im zweiten Teil lesen Sie, wie Leo Ensel den letzten sowjetischen Staats- und Parteichef in Moskau traf und mit ihm unter anderem über eine Initiative zur Verhinderung eines neuen Kalten Krieges und über Gorbatschows Treffen mit Ronald Reagan sprach. Und wie er beim zweiten Treffen noch einen besonderen Gast mitbrachte.

     

    Dr. Leo Ensel ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt „Postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa“. Veröffentlichungen zu den Themen „Angst und atomare Aufrüstung“, zur Sozialpsychologie der Wiedervereinigung sowie Studien über die wechselseitige Wahrnehmung von Russen und Deutschen. Im Neuen Ost-West-Konflikt gilt sein Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative, der Deeskalation und der Rekonstruktion des Vertrauens. 

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    Tags:
    Kalter Krieg, Deutschland, Michail Gorbatschow, INF-Vertrag, Abrüstung, Perestroika, ZK der KPdSU, Präsident, Sowjetunion, Leo Ensel