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    Zum Tag des Diplomaten am 10. Februar hat Sputnik mit Russlands Botschafter in Österreich, Dmitrij Ljubinskij, über den Stand der bilateralen Beziehungen, das Verhältnis zwischen Bundeskanzler Sebastian Kurz und Präsident Wladimir Putin sowie über die Erinnerungskultur mit Blick auf den 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs gesprochen.

    Sehr geehrter Herr Botschafter, Sie sind seit etwa vier Jahren und fünf Monaten Botschafter der Russischen Föderation in Wien, Ihre Tätigkeit im deutschsprachigen Raum geht aber weit darüber hinaus. Haben Sie eine Liste Ihrer beruflichen Glücks- bzw. Stolzmomente?

    Ich befasste mich fast 25 Jahre lang direkt mit den deutsch-russischen Beziehungen und habe auch Posten in Bonn und Berlin bekleidet. In diesen Jahren gab es mehrere Höhepunkte, vor allem auf höchster Ebene wie zwei berühmte Reden des Präsidenten Wladimir Putin: 2001 in Berlin vor dem deutschen Bundestag und 2007 bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Es war aber auch die Zeit der letztendlich verpassten Möglichkeit, eine gesamteuropäische und gleichberechtigte partnerschaftliche Architektur aufzubauen.

    In Wien können unsere Diplomaten stolz darauf sein, dass die russisch-österreichischen Beziehungen sich trotz bekannter innenpolitischer Turbulenzen in Österreich nachhaltig entwickeln. Wir haben zuletzt den Sotschi-Dialog als eine Austauschplattform gegründet. Heuer startet bereits das vierte nacheinander thematische österreich-russische Jahr des Theaters und der Literatur.

    Auch in den wirtschaftlichen Beziehungen beobachten wir nach dem Rückgang seit 2014 eine steigende Tendenz im Warenumsatz. Im Jahre 2018 lag er bei rekordhohen 5,8 Milliarden US-Dollar. Die Investitionsvolumen steigen auch auf beiden Seiten.

    Wie sieht der durchschnittliche Tag eines Botschafters aus? Hat sich in den letzten Jahren viel an der Intensität oder den Aufgaben für Sie geändert?

    Wie jeder Diplomat muss ein Botschafter viel lesen, viel sprechen und viel schreiben. Das reale Leben sieht aber anders aus. Wien z.B. ist eine sehr aktive und attraktive diplomatische und internationale Hauptstadt, das bedeutet für uns vor allem viele Kontakte, Gespräche und Treffen, die Teilnahme an verschiedenen Veranstaltungen, Konferenzen und Podiumsdiskussionen. Wichtig ist auch, gute Kontakte zu den Bundesländern zu pflegen, in den Wirtschaftskreisen, mit Kulturträgern auch. Ich mache das sehr gerne. Die Diplomatie ist aber im Prinzip sehr konservativ. Es wird viel Wert auf Traditionen gelegt.

    Wir sitzen trotzdem keinesfalls unter einer Kristallglocke. Der technische Fortschritt hat auch einen großen Einfluss auf unseren Beruf. Heutzutage gewinnt die so genannte öffentliche Diplomatie in den sozialen Netzwerken immer mehr an Bedeutung. Dementsprechend hoch ist die Präsenz unserer Botschaft auch im digitalen Raum.

    Welche Erwartungen haben Sie an den neuen Außenminister, Herrn Alexander Schallenberg, bezüglich der russisch-österreichischen Beziehungen? Welchen Eindruck hat er bei Ihnen hinterlassen?

    Alexander Schallenberg ist ein erfahrener Karrierediplomat in zweiter Generation. Wir rechnen fest damit, dass seine Tätigkeit an der Spitze des österreichischen Außenamtes zu einer weiteren Vertiefung des politischen Dialogs zwischen unseren Ländern auf Augenhöhe beitragen wird, und, dass die fruchtbare Kooperation zwischen Russland und Österreich in allen Bereichen nachhaltig fortgesetzt und ausgebaut wird.

    • Der russische Botschafter in Österreich, Dmitrij Ljubinskij (i.d.Mitte) beim Empfang vom Bundeskanzler Sebastian Kurz und Bundesaußenminister Alexander Schallenberg (R) am 27. Januar 2020 in Wien
      Der russische Botschafter in Österreich, Dmitrij Ljubinskij (i.d.Mitte) beim Empfang vom Bundeskanzler Sebastian Kurz und Bundesaußenminister Alexander Schallenberg (R) am 27. Januar 2020 in Wien
    • Der russische Botschafter in Österreich, Dmitrij Ljubinskij (R) beim Empfang vom Bundeskanzler Sebastian Kurz und Bundesaußenminister Alexander Schallenberg (i.d.Mitte) am 27. Januar 2020 in Wien
      Der russische Botschafter in Österreich, Dmitrij Ljubinskij (R) beim Empfang vom Bundeskanzler Sebastian Kurz und Bundesaußenminister Alexander Schallenberg (i.d.Mitte) am 27. Januar 2020 in Wien
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    Der russische Botschafter in Österreich, Dmitrij Ljubinskij (i.d.Mitte) beim Empfang vom Bundeskanzler Sebastian Kurz und Bundesaußenminister Alexander Schallenberg (R) am 27. Januar 2020 in Wien

    Welche gemeinsamen Projekte im Wirtschafts- und Kulturbereich sind für dieses Jahr geplant? Die Salzburger Festspiele haben schon eine beeindruckende russische Präsenz...

    Wir arbeiten eng an gegenseitig vorteilhaften Projekten zusammen, von denen manche von strategischer Bedeutung für ganz Europa sind. Die Nord Stream 2 ist zu mehr als 90 Prozent fertig und wird trotz willkürlichen Sanktionen, die seitens der USA eingeführt werden, abgeschlossen. Auch das Breitspurbahnprojekt Kosice-Bratislava-Wien, das eine schnellere Beförderung von Cargo nach Europa ermöglichen wird, hat großes Potential. Es freut mich feststellen zu können, dass neue Investoren aus Österreich nach Russland kommen, um eigene oder gemeinsame Produktionswerkstätten in unserem Land zu eröffnen. Die potentielle Möglichkeit, durch eine solche Lokalisierung auch Märkte in Drittstaaten zu erreichen, spielt hier sicherlich nicht die kleinste Rolle.

    Die russische Kulturpräsenz in Österreich ist sehr hoch und bedeutsam. Wie Sie richtig bemerkt haben, wird das 100-jährige Jubiläum der Salzburger Festspiele auch stark von hochkarätigen russischen Künstlern unterstützt. Das berühmte Orchester und der Chor musicAeterna unter der Leitung des Star-Dirigenten Teodor Currentzis werden in Salzburg einige Wochen zu Gast sein. Die Oper von Modest Mussorgski „Boris Godunow“ mit russischen Solisten und dem Dirigenten Tugan Sokhiev steht ebenfalls im Fokus des reichen Festivalprogramms, und wird von den Partnern im Energiesektor, Gazprom und OMV, unterstützt. In Verbindung mit den Salzburger Festspielen ist auch das zweite Forum „Sotschi Dialog“ geplant.

    Russland wird heuer übrigens das Gastland der Wiener Buchmesse sein, wir organisieren auch die Woche des russischen Buches. Und Österreich wird als Gastland der Internationalen Messe der intellektuellen Literatur „Non/fiction“ in Moskau präsentiert. Es ist auch heuer geplant, die Akademie des St. Petersburger Musikhauses bei Wien im Wiener Wald zu eröffnen. Hier werden weltweit anerkannte Künstler, darunter natürlich auch aus Österreich und anderen Partnerstaaten, Meisterklassen für hochtalentierte Studierende geben.

    Sind bereits weitere hochrangige Treffen auf Regierungsebene bzw. zwischen Wladimir Putin und Sebastian Kurz geplant? Wenn nicht, wann könnten Sie sich diese vorstellen?

    Die neue österreichische Bundesregierung mit Sebastian Kurz an der Spitze wurde erst vor einigen Wochen angelobt. Wir haben auch eine neue Regierung in Moskau. Es wäre verfrüht, über konkrete Termine zu sprechen. Aber ich kann schon jetzt versichern, dass die Zusammenarbeit planmäßig weiterentwickelt wird, und auch an politischen Terminen, auch auf Ministerebene, gearbeitet wird. Wir begrüßen zudem die Initiative der Wiener Hauptstadtregierung zu einer Veranstaltung einer neuen Wirtschaftspräsentation Wiens in Moskau, die vorläufig für Ende Mai angesetzt ist.

    Dieses Jahr steht vor allem unter dem Zeichen des 75. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung der Welt vom Nationalsozialismus. Es werden viele Veranstaltungen vorbereitet, auch in Verbindung mit dem 75. Jahrestag der Befreiung Wiens am 13. April. Der Bundespräsident Österreichs Dr. Alexander Van der Bellen hat eine Einladung zu den Feierlichkeiten in Moskau am 9. Mai bekommen. Am Tag danach wird es sehr bewegende jährliche Veranstaltungen hier in Österreich im ehemaligen KZ Mauthausen geben.

    Wie würden Sie das persönliche Verhältnis zwischen Wladimir Putin und Sebastian Kurz beschreiben? Haben die beiden aus Ihrer Sicht wirklich so viele Berührungspunkte?

    Sie haben sich bereits vier Mal getroffen. Sebastian Kurz ist zwar der jüngste Regierungschef in Europa, aber bereits ein sehr erfahrener Politiker, auch in den außenpolitischen Themen als früherer Außenminister. Wir haben insgesamt ein gutes Gesprächsklima auf der höchsten Ebene und eine breite Tagesordnung. Der Dialog entwickelt sich fortan.

    Sie haben in Ihrem Beitrag für die OÖ-Nachrichten Probleme mit der Erinnerungskultur in diversen EU-Ländern erwähnt. Sehen Sie ähnliche Probleme in Österreich? Das Heldendenkmal der Roten Armee am Wiener Schwarzenbergplatz wird ja ziemlich oft von Rechtsextremisten beschmiert. Wird aus Ihrer Sicht genug dagegen getan?

    Österreich gehört nach meinen Einschätzungen eben zu den Ländern, in denen die Erinnerungskultur hochlebt. Hierzulande weiß man behutsam mit der eigenen Geschichte umzugehen auch mit ihren dunklen Seiten, ohne sie in den Dienst der gegenwärtigen Politik zu stellen. Österreich befolgt seine im Staatsvertrag verankerten Verpflichtungen zur Achtung, zum Schutz und zur Pflege der auf seinem Territorium befindlichen sowjetischen Kriegsgräber und Denkmäler.

    Leider kommt es auch in Österreich immer noch zu Beschmierungen der Kriegsgräber. In solchen Fällen reagiert die Öffentlichkeit empört. Die österreichischen Behörden versuchen immer schnell den entstandenen Schaden zu beheben und die Schuldigen ausfindig zu machen. So bekam man dank der auf nachdrückliche Bitte der Botschaft am Schwarzenbergplatz angebrachten Kameras, was die entsprechenden Gesetzesänderungen sogar verlangten, Aufnahmen von jener Person, die das Denkmal im vorigen April geschändet hat. In den österreichischen Hauptzeitungen wurde dann die Bitte, bei der Identifikation behilflich zu sein, verbreitet. Leider gelang es nicht, die Person ausfindig zu machen, aber die Geschichte hat auf jeden Fall eine bedeutende Wirkung hinterlassen.

    Was würden Sie sich von den russisch-österreichischen Beziehungen wünschen?

    Unsere Länder unterhalten traditionell freundschaftliche und konstruktive Beziehungen. Russland begrüßt die verantwortungsvolle Position Österreichs zu vielen Fragen, die auf der internationalen Tagesordnung stehen. Wir betrachten Wien als wichtigen und verlässlichen Partner. Ich würde mir wünschen, dass wir auch weiterhin diese engen Beziehungen in verschiedenen Bereichen ausbauen könnten. Wir haben nicht nur viele weitgehende gemeinsame Pläne und Projekte, sondern auch gute Voraussetzungen für ihre konsequente Umsetzung.

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    Tags:
    Der Zweite Weltkrieg, Wladimir Putin, Sebastian Kurz, Diplomatie, Botschaft