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20 Juli 2012, 16:24

Außer dem Hauptprogramm mit dem Thema „Unter einer Sonne aus Pailletten“, werden im Rahmen des „strategischen Projekts“ die Arbeiten junger Künstler gezeigt, die nicht in das Hauptprogramm gepasst haben.

Außer dem Hauptprogramm mit dem Thema „Unter einer Sonne aus Pailletten“, werden im Rahmen des „strategischen Projekts“ die Arbeiten junger Künstler gezeigt, die nicht in das Hauptprogramm gepasst haben. Der Titel hierbei – „Nicht endgültige Analyse“. Der Sinn der Sache ist, neue Kunstrichtungen zu entdecken, Tendenzen zu analysieren und den Kontext, in dem junge Künstler heute leben und arbeiten, zu zeigen. Einer der mitwirkenden Nachwuchskünstler ist der Moskauer Misha Most mit seinem Projekt „Verfassung (Straßendialoge)“.

Politische Kunst

Im Moskauer Museum für moderne Kunst findet man im zweiten Stockwerk Projekte, die unter dem Motto „Politik“ laufen. Die Kuratorin der „strategischen Projekte“, Elena Selina, erklärt, dass man dieses Jahr nur wenige als politisch bezeichnen könne. Die Reaktion der Künstler auf die jüngsten politischen Ereignisse in Russland sei auch noch nicht zu sehen, was allerdings wohl mit der Deadline zusammenhing. Bewerben konnte man sich bis November 2011. Ein Projekt hebt die Kuratorin Selina aber besonders gerne hervor – „Verfassung“ von Misha Most. Der 31-jährige Künstler ist schon lange in Moskau bekannt. In den Neunzigern gründete er eine der ersten Graffiticrews in Russland– „ZACHEM“ („Wozu“). Diese ist mittlerweile nicht nur landesweit bekannt und immer noch aktiv. Doch obwohl es das einzige kyrillische und sozial orientierte Graffiti ist, und Most immer noch gerne illegal malt, erzählt er momentan lieber über seine Leinwände und Objekte, die man in vielen Galerien und Privatsammlungen in Russland findet. Hat man wenigstens einige seiner Werke gesehen, weiß man, dass dieser Künstler immer eine sozial-politische Richtung einschlägt. Das diesjährige Biennaleprojekt ist ein weiterer Beweis dafür. „Ich habe mir das Thema Verfassung schon 2009 vorgeknöpft“, sagt Misha nachdenklich. Er ist überhaupt immer nachdenklich und guckt seinen Gesprächspartnern mit prüfendem Blick sehr aufmerksam in die Augen. „Damals war es der Artikel zur Meinungs- und Pressefreiheit“. Ein Thema, was in Russland schon lange aktuell ist. Misha Most schrieb ihn auf eine Leinwand, überpinselte vereinzelte Stelle und nannte dieses Bild „Dialog“. Im Januar 2011 schrieb er denselben Artikel auf eine Häuserwand, gegenüber dem Kreml. „Natürlich illegal“, lächelt Misha schüchtern. Aber seine braunen Augen blitzen dabei schelmisch auf.


Die Verfassung auf Häuserwänden

Einige Tage konnten die Moskauer also im Vorbeigehen auf der Straße an ihre Rechte erinnert werden. Der junge Künstler beobachtete, wie sie nachdenklich stehen blieben, lachten, den Kopf schüttelten, die Stirn runzelten – egal was genau sie taten, sie reagierten auf diese mit schwarzer Farbe geschriebenen, ungleichen Buchstaben. „Ich beschloss dieses Projekt zu erweitern und suchte mir die 16, meiner Meinung nach, wichtigsten Artikel über die Rechte und Freiheiten der Bürger aus der Verfassung der Russischen Föderation heraus“. Misha Most zeigt in diesem Moment auf die Wand hinter sich. Dort steht geschrieben „Artikel 44: Jedem Menschen wird das Recht auf Literatur-, Kunst,- Wissenschaft, - Technisches Schaffen und andere Arten intellektueller Tätigkeit garantiert…..“. Weiter rechts hängen in Doppelreihen Fotografien in großen, schwarzen Rahmen mit den Artikeln, die man auf Moskaus Straßen lesen konnte. „Ich bin jede Nacht in verschiedene Stadteile gefahren und habe mir zu bestimmten Artikeln passende Kulissen rausgesucht“, erzählt Misha. Beispielsweise, ein verlassener Kindergarten mitten im Zentrum, Obdachlose haben hier ihren Schlafplatz, benutzte Spritzen liegen auf dem Hof. „Jeder hat das Recht auf Bildung…“ steht an der Häuserwand gut sichtbar. Nachts schrieb der Künstler also auf Wände, morgens kam er zurück und fotografierte das Geschrieben. Auf einem kleinen Sportplatz in einem der teuersten Wohnviertel der Stadt hinterließ Misha Most auf einer seitlich gelegenen Mauer den Artikel Nr.39: „Jeder hat das Recht auf soziale Sicherheit…“. Um fünf Uhr morgens machen Gastarbeiter, bevor sie die Straßen zu Ende fegen, Gymnastikübungen vor dieser Wand. Die Besen stehen derweil fein säuberlich in der Ecke. Als der junge Künstler die genauso jungen Männer fotografiert, gucken sie ihm noch lange misstrauisch hinterher. Zwei Tage später ist das „Recht auf soziale Sicherheit“ mit dickflüssiger, weißer Farbe zugepinselt.



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