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22 März 2013, 13:59

80 Jahre Dachau - Vergangenheit und Zukunft des kulturellen Gedenkens

80 Jahre Dachau - Vergangenheit und Zukunft des kulturellen Gedenkens
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STIMME RUSSLANDS Vor 80 Jahren wurde in der Nähe von München eines der ersten Konzentrationslager errichtet, nach dessen Modell alle weiteren KZs gebaut wurden. Heute ist Dachau nicht nur das Symbol des nationalsozialistischen Regimes, sondern auch die meistbesuchte KZ-Gedenkstätte Deutschlands. Unsere Korrespondentin Alexandra Gurkowa hat mit einem Überlebenden des Holocaust und der Leiterin der Gedenkstätte über Erinnerungen aus der NS-Zeit und die heutige Wahrnehmung der Geschichte gesprochen.

Am 22. März 1933 wurde in Deutschland eines der bekanntesten Konzentrationslager in der Weltgeschichte errichtet. Geplant als Lager für politische Gegner des nationalsozialistischen Regimes, wurde Dachau mit der Zeit auch zum KZ für Juden und Gefangene aus den besetzten Gebieten. Die Todesopferanzahl während des 12-jährigen Bestehens des Lagers wird nach heutigen Untersuchungen mit 41.500 beziffert. Einer der Überlebenden ist Max Mannheimer, der ursprünglich aus Tschechien kommt und während des zweiten Weltkriegs als Jude die Schrecken des KZ-Systems miterlebte.

"Nach Ausschwitz und Warschau war der erste Eindruck in Dachau sehr positiv. Die innere Administration war in Händen von politischen Häftlingen, während in Auschwitz und Warschau die kriminellen Häftlinge das hatten. Ich war sehr neugierig und obwohl ich vom Quarantäneblock mich nicht entfernen dürfte, bin ich so rumgewandert im Lager. "

Auf dem Weg durch das KZ ist Max Mannheimer in einem Block, in dem Priester verschiedener Konfessionen untergebracht waren, einem Bekannten seines Vater begegnet. Der Pfarrer aus Mannheimers Heimatsort meinte zu dem damals jungen Max, er habe vor der Kriegszeit mit seinem Vater jeden Mittwoch von halb vier bis fünf Uhr Karten gespielt.

"So musste ich erst nach Dachau kommen, um zu erfahren, dass mein Vater mittwochs von dieser Tour spät nach Hause kam, weil er mit dem Pfarrer Karten gespielt hat."

Von dem neuen Bekannten bekam Max Mannheimer ein bisschen Brot. Nach drei Wochen wurde er weiter zum Außenlager Karlsfeld verlegt. Befreit wurde der Häftling am 30. April 1945. In der Kriegszeit wurden in KZs sechs von acht seiner nächsten Angehörigen vernichtet. Max Mannheimer reiste nach Kriegsende zurück in seinen Heimatort. Dort begegnete er einer Antifaschistin, die ihn letztendlich überredete, doch wieder zurück nach Deutschland zu gehen, mit dem Argument, nach der Diktatur habe Deutschland nun Chancen eine Demokratie zu werden.

"Ich wollte nicht unter Menschen leben, die anderen Menschen wegen ihrer Religion in Gaskammern stecken. So war ich am 7. November 1946 wieder im Land, dessen Boden ich nie betreten wollte."

Eine Zeit litt Max Mannheimer unter Depressionen, aus purem Zufall begann er einige Jahre später über sein Leben zu erzählen. Durch Vorträge über seine Erlebnisse im KZ und seine Erinnerungsbücher wurde der ehemalige Häftlinge zu einer Art Symbolfigur für Dachau. Seit 1988 ist er Vorsitzender der örtlichen Lagergemeinschaft. Zurückgekehrt nach Dachau ist Mannheimer aber erst wieder zwanzig Jahre nach seiner Befreiung, vorher war es ihm emotional nicht möglich.

"Und als ich die Führung machte, das war 1965, da hatte ich immer Probleme gehabt in die Nähe des Krematoriums zu kommen. Aber nachher habe ich mir gesgat, ich muss es schaffen. Ich habe mich richtig motivieren müssen. Heute berührt mich das nicht mehr. Ich bin seit 27 Jahren unterwegs, wenn ich die Emotionen zeigen würde, dürfte ich nicht mehr in den Schulen sprechen, denn die Schülerinnen und Schüler sind sehr sensibel."

Jugendliche kommen auch immer wieder als Besucher in die Dachau-Gedenkstätte, die als meistbesuchte KZ-Gedenkstätte Deutschlands gilt. Jährlich wird das ehemalige Konzentrationslager von 800 Tausend Menschen besucht. Die Leiterin der Gedenkstätte Gabriela Hammermann meint, die Hälfte der Besucher machen die Schulkassen aus.

"Die Besucher, die jetzt in die Gedenkstätte kommen, haben keinen direkten familiären biografischen Bezug zur Geschichte. Die Aufgabe unserer Referenten ist die Gruppen dort abzuholen wo sie gerade stehen mit ihrem Wissen."

Wie ist die Reaktion der Besucher auf das Gelände, das beim NS-Regime als Modell bei der Errichtung weiterer Konzentrationslager gedient hat?

"Manchmal enttäuscht, manchmal verwirrend, denn sie sehen nur, wie sich die Gedenkstätte heute darstellt. Es gibt jetzt Denkmäler, die ehemaligen Baracken stehen nicht mehr, es stehen zwei rekonstruierte Baracken, es gibt verschiedene historische Gebäude, die sich erhalten haben, aber natürlich ist die Anmutung ganz andere."

Die Gedenkstätte entwickelt sich immer weiter, es sind viele interaktive Ausstellungen geplant. Man will versuchen, mit modernen Medien, den Jugendlichen an die tragische Geschichte Deutschlands, einen Anknüpfungspunkt zu geben. Laut Gabriela Hammermann ist es zur Zeit nicht möglich, alle geplanten Projekte durchzuführen, denn die Finanzierung des Mahnmals nimmt ab. Aber der Bund und das Land Bayern, die das Budget der Dachau-Gedenkstätte verantworten, können immer noch die Kosten für interaktive Learning-zentren und Medienstationen decken. Diese sollen es auch ermöglichen Ergebnisse der Recherche digital mit nach Hause nehmen. Die Nachbereitung des Erlebten ist außerordentlich wichtig.

"Unsere Ausstellung wird konzipiert gerade auf Hinblick auf die Jugendlichen Besucher. Da geht es darum mit biografischen Skizzen, den Besuchern deutlich zu machen wer alles in diesem Lager inhaftiert war und zu zeigen, dass viele Gefangene in dem gleichen Alter wie die Jugendliche heute."

Den Beitrag der KZ-Überlebenden wie Max Mannheimer darf man auf keinen Fall laut Gabriela Hammermann unterschätzen.

"Wir werden nie diese Funktion ausfüllen können, die die früheren Häftlinge dieses KZs hatten bei Bildungs- und Vermittlungsarbeit. Insofern wird dieser Abschied von den Überlebenden einen Bruch in unserer Arbeit darstellen."

Gestern bei einer Lesung in München, heute in einer Schule in einem kleinen bayerischen Dorf, morgen an der Universität, übermorgen in Dachau. Max Mannheimer ist ständig unterwegs, um der jüngeren Generation von seinen Erlebnissen zu berichten und ihnen zu sagen:

"Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschehen ist, aber was in Zukunft passiert, dafür schon. Ich will sie motivieren. Als Zeuge der Zeit, nicht als Ankläger oder Richter."

Auch nach einem anstrengenden Diskussionstag mit Jugendlichen, kommt der 94-jährige KZ-Überlebende nach Hause, bekommt unerwartet einen Anruf der STIMME RUSSLANDS und meint, er bräuche 15 Minuten Schlaf - sei dann aber bereit weiter zu sprechen. Sein Engagement für die Sache ist unermüdlich.

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