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11 April 2013, 16:49

"Kein Richter, sondern Zeuge der Zeit"

"Kein Richter, sondern Zeuge der Zeit"
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STIMME RUSSLANDS Am 11. April wird weltweit der Tag der Befreiung der KZ-Häftlinge begangen. Zu nationalsozialistischen Zeiten kamen in Konzentrationslagern von 1933 bis 1945 in Europa mehr als 11 Millionen Menschen zu Tode. Unsere Korrespondentin Alexandra Gurkowa hat mit einem Überlebenden gesprochen, der 4 KZs überlebt hat, den Buchautor und Maler Max Mannheimer. Er berichtet über seine Erinnerungen und seine Arbeit mit der jüngeren Generation.

Ausschwitz, Sachsenhausen, Dachau – das sind nur einige Konzentrationslager, die der aus Tschechoslowakei stammende Max Mannheimer überlebt hat. Fast alle seine Verwandten wurden Anfang der vierziger Jahre als Juden in KZs vergast oder ermordet. Max Mannheimer überlebte den Schreck und wird zu einem Schriftsteller und Maler, der über seine Vergangenheit mit jungen Menschen spricht und die Arbeit der Gedenkstätten als Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau unterstützt. Auch 68 Jahre danach erinnert er sich noch ganz genau an seine Ankunft in Dachau.

"Nach Auschwitz und Warschau war der erste Eindruck sehr positiv. Die innere Administration war in den Händen von politischen Häftlingen, während in Auschwitz und Warschau die kriminellen Häftlinge die Macht hatten. Wir kamen 3.900 Häftlinge, aus Warschau an, wurden in die Dusche geschickt, bekamen Uniformen, eine Mütze dazu. Ich war sehr neugierig und obwohl ich vom Quarantäneblock eigentlich gar nicht weg durfte, bin ich so rumgewandert im Lager. Unter anderem kam ich am Sezierraum vorbei, wo ein tschechischer Doktor die Leichen sezierte. Er hat mich gefragt, ob ich gerne Brot haben möchte. Er sah, dass ich aus Tschechoslowakei komme. Nach drei Wochen kam ich dann ins Außenlager, KZ Karlsfeld."

Die Befreiung durch die Amerikaner erlebte Max Mannheimer acht Tage vor Kriegsende. Schon früher schwor er sich, wenn er am Leben bleiben würde, werde er Deutschland sofort verlassen.

"Nach einem Monat bin ich in meine Heimat zurückgekehrt, ich wollte nicht unter Menschen leben, die andere Menschen wegen ihrer Religion in die Gaskammer stecken. Aber dann begegnete ich einer Antifaschistin, die mir versichert hat, dass Deutschland nach dem was passiert ist, ausgezeichnete Chancen hat eine Demokratie zu werden. So war ich am 7. November 1946 zurück im Land, dessen Boden ich nie wieder betreten wollte."

Diese Antifaschistin hat Max Mannheimer später geheiratet und versuchte in glücklicher Ehe mehrere Jahre lang über die Schrecken des KZ zu vergessen. Zum Schriftsteller und einem Vortragsreisenden über seine Erlebnisse in mehreren Konzentrationslager wurde er durch reinen Zufall.

"1985 hat mich die damalige Leiterin der Gedenkstätte Dachau angeschrieben und angefragt, ob man meine im Archiv liegenden Aufzeichnungen, für eine neue Publikation für die Dachauer Hefte zur Verfügung stellen könnte. Ich sagte Ja und dieses Ja veränderte mein Leben total. Seit dem 9 April 1986 bin ich in Schulen, Universitäten und anderen Einrichtungen, um als Zeuge der Zeit, nicht als ein Ankläger oder Richter zu den nachfolgenden Generationen zu sprechen. Um sie für die Demokratie zu stärken, auch wenn die Politiker nicht immer Vorbilder sind."

Inzwischen sind Werke von Max Mannheimer in mehreren Sprachen übersetzt. Der ehemalige Häftling wurde mehrmals für seine literarische und Aufklärungsarbeit mit internationalen Preisen, Ordnen und Ehrenbürgschaften ausgezeichnet. Aber die Erinnerungen über die nationalsozialistischen Zeiten nehmen immer viel mehr Platz in seinem Gedächtnis ein, als die feierlichen Auszeichnungszeremonien.

"Ich habe sechs von acht meiner Angehörigen verloren. Da hatte ich gewisse Ängste, psychische Probleme und Depressionen. Aber nachher habe ich gesagt, ich muss es schaffen, habe mich entsprechend motiviert. Denn wenn ich Emotionen zeigen würde, dürfte ich nicht in Schulen sprechen. Die Schülerinnen und Schüler sind sehr sensibel. Ich sage immer so, ihr seid nicht verantwortlich, für das was gewesen ist, aber dass was in Zukunft geschieht, dafür schon. Ich will sie eben motivieren. Ich brauche kein Mitleid mit mir, meine Erfahrungen sind eher marginal, mir geht’s hauptsächlich um Erziehung."

Auch am 11. April, dem internationalen Tag der Befreiung der KZ-Häftlinge ist Max Mannheimer wieder bereit, für die Fragen der jüngeren Generationen.

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