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13 Mai 2013, 13:00

Der Siegestag in Berlin

© Flickr.com/Mourner/cc-by-nc

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STIMME RUSSLANDS Die offiziellen Veranstaltungen zur Befreiung Deutschlands vom Naziregime finden in Berlin am 8. Mai statt. Doch am neunten Mai kommen alljährlich tausende Menschen zum Treptower Park, um den Opfern des Zweiten Weltkrieges zu gedenken und zusammen das Ende des Krieges zu feiern. Unsere Korrespondentin Alexandra Gurkowa hat von früh bis spät die Feierlichkeiten am sowjetischen Ehrenmal beobachtet und mit den Einheimischen über den Stellenwert des Siegestages in Deutschland gesprochen.

Am Bahnhof Treptower Park sind die roten Nelken bereits um 11 Uhr ausverkauft. Trotz Regens strömen tausende Menschen mit Blumen an das sowjetische Ehrenmal. Hier, im Osten Berlins, wird am 9. Mai an den Zweiten Weltkrieg erinnert. Zu improvisierten Chören kommen immer wieder neue Sänger dazu.

Einer der Mitsingenden hat einen Festanzug an und einen riesigen Regenbogenregenschirm dabei. Er braucht keine ausgedruckten Texte, scheint alle Lieder auswendig zu kennen und pfeift laut die Refrains mit. Nur ab und zu hört man einen kleinen Akzent und stellt fest: das ist ein Deutscher. Wolfgang Kelle ist seit Jahren am Siegestag im Treptower Park. Früher hat er viele Veteranen gesehen und mit ihnen gesprochen. Jetzt geht es hauptsächlich ums Mitfeiern und Singen, dies sei dem Reiseleiter besonders lieb.

"Ich habe viele Jahre in einem Ensemble mitgesungen, und wir haben sehr viele Programme zusammengestellt, überall im Berliner Raum. Ich war nicht nur heute, sondern auch gestern hier. Auch zum Tag der Befreiung, weil es sehr wichtig ist, sich daran zu erinnern, welche heldenhafte Tat die Sowjetarmee geleistet hat, indem sie Deutschland vom Faschismus befreite."

Den ganzen Tag bummelt Wolfgang Kelle von einem Chor zum nächsten, ab und zu hält er an und schaut nachdenklich die Menschenmenge mit den bunten Blumen unter bunten Regenschirmen am Ehrenmal an. Da trifft er zufällig Bekannte und gratuliert immer wieder allen zum Siegestag.

"Mit gefällt es unglaublich gut, ich fühle mich wie unter Freunden, wie zu Hause. Vorhin habe ich einem gesagt: S Prazdnikom! Und da guckt er auf den Anstecker und fragt: In welcher Garde haben Sie gedient? Und dann habe ich ihm gesagt: Ich habe in der DDR gedient. Und er sagte: Ich auch."

An der Gedenkstätte für die 80.000 bei der Eroberung Berlins gefallenen Soldaten der Roten Armee teilen auch weitere Deutsche ihre Eindrücke mit. Nicht nur untereinander, sondern auch mit den russischen Touristen. Eugen Neuber ist vom Geschehen berührt.

"Es ist für uns eine große Ehre und eine große Freude, heute an den großen Feierlichkeiten der russischen Bevölkerung in Berlin teilzunehmen. Es ist für uns alle eine große Aufgabe, daran zu erinnern, dass dieser Sieg 1945 und die Befreiung vom Faschismus große Opfer gekostet hat, und wir müssen an diejenigen denken, die ihr Leben gegeben haben, um uns vom Faschismus zu befreien, ihnen treu sein."

Besonders freut sich das Vorstandsmitglied des Vereins „Berliner Freunde Russlands“ darüber, dass Leute verschiedener Nationalitäten im Park sich gemeinsam an die Kriegsgeschichte erinnern:

"Zusammen mit allen Völkern ist dieser Sieg errungen worden. Und das ist dasjenige, was man nie vergessen sollte. Ich freue mich von Herzen, wenn Menschen aus Russland und der ganzen ehemaligen Sowjetunion hierher kommen und zusammen mit uns diesen großen Feiertag begehen. S prazdnikom!"

An der Gedenkstätte, die eine Fläche von rund 100.000 Quadratmetern einnimmt, hat man ab und zu das Gefühl, man sei in Moskau, auf dem Roten Platz. So viel russisch hört man kaum an einem anderem Ort, auch in so einer multinationalen Stadt wie Berlin. Viele Russischstämmigen sind heute aus ganz Deutschland zum Treptower Park gekommen, so wie Gennadi Filimonow. Er ist der Sohn eines Kochs von Stalin. Als Beweis holt er einen verfärbten Zeitungsauschnitt mit einem Foto aus der Tasche, auf dem er mit dem sowjetischen Führer abgebildet ist. Der 74-jährige hat sich auch passend angezogen. Er trägt  Generalissimus-Schulterklappen und einen goldenen sowjetischen Orden. in gemächlichem Tempo geht er durch die Menschenmenge und wird ständig als Stalin angesprochen.

"Ich bin aus Bielefeld mit dem Auto für einen Tag nach Berlin gekommen, um zu sehen, ob die Leute sich an den Krieg erinnern. Und tatsächlich – es sind Tausende hier! Russlands Schicksal schneidet mir ins Herz, noch in der Kindheit hat mir Stalin den Hintern versohlt. Jetzt spiele ich ihn selber. Die Leute fotografieren sich mit mir, nennen mich Josif Wissarionitsch."

Nach einigen Stunden steigt FIlimonow-Stalin in seinen feierlich geschmückten Wagen und fährt nach Hause, am Fest „Wer nicht feiert, hat verloren“ vorbei. Das Abendprogramm im Treptower Park wird von der Organisation 8. Mai und mehreren antifaschistischen Gruppen organisiert. Die Führungen zum Ehrenmal, die Gespräche mit Kriegszeugen und Kinderaktivitäten sind schon vorbei. Jetzt wird an langen Bänken neben Bücherständen gefeiert und getrunken. Karsten Dirkens ist seit einigen Jahren zusammen mit Freunden dabei:

"Der 9. Mai hat einen gewissen Stellenwert. Ich bin seit 25 Jahren politisch aktiv und genieße den Abend hier. Es ist eine schöne Stimmung, die Leute feiern, das ist ein ungezwungenes Zusammenkommen von russischen und deutschen Menschen, um den 9. Mai zu ehren und entsprechend mit Musik, Getränken und guter Laune zu feiern."

Gefeiert wird bis zum späten Abend. Auch unter dem Regen. Auch wenn russische Piroggen und das Bier Baltika komplett ausverkauft sind. Dann stößt man mit Flaschen Berliner Pilsner mit unbekannten Menschen vor der Bühne an und trinkt auf Völkerfreundschaft und Solidarität.

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