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7 Juni 2013, 10:22

Mauer weg, Park auch weg?

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STIMME RUSSLANDS Der Mauerpark ist einer der beliebtesten Erholungsorte in Berlin. Seit langem besteht die Gefahr, dass die Grünfläche bebaut werden kann. Nun ist der Konflikt in die nächste Stufe geraten: Der Immobilienanwalt droht den Aktivisten, die sich für den Erhalt des Parks einsetzen. Darüber, wie die Situation rund um den Mauerpark heute aussieht und warum das Gelände so einzigartig ist, hat unsere Korrespondentin Alexandra Gurkowa die Berliner vor Ort gefragt.

Grillen auf der Volkswiese beim Gitarrenklang und Sonnenuntergang mag kitschig sein, aber nur wenn es nicht um Mauerpark geht. Die Grünfläche an der Grenze zwischen Ost- und Westberlin zieht jedes Wochenende fast 50.000 Besucher an. An Wochentagen ist es ruhiger. Dann können Ben und seine Freunde mitten auf dem Gelände auf den bemalten Steinbänken Jazz üben.

"Hier kann man ungestört Musik machen tagsüber sogar bis nach der Dunkelheit. Wenn man draußen auf den Straßen keine Musik mehr machen kann, kann man sich auch treffen. Ich habe hier die Leute gefunden, die mich fordern und fördern. Stell dir vor, dass ist so wie ein Schwamm hier und die Musikszene saugt das alles auf so… "

Der Saxofonist Ben hat einige Jahre um die Ecke gewohnt. Jetzt kommt er immer wieder abends hierher. Für ihn sei der Mauerpark nicht vergleichbar mit anderen Berliner Flächen. Nicht nur wegen der Atmosphäre, sondern auch wegen der Geschichte. Die eine ist die Geschichte der Berliner Mauer, die andere eine persönliche.

"Das tolle ist, früher war es ein Todesstreifen, absolute Tabuzone und jetzt ist es ein Ort, wo die Leute sich treffen und finden und Freundschaften entstehen und auch Liebesgeschichten ausgetragen werden in Form von Kindern, die dann im Prenzlauer Berg zum Kindergarten gehen. Sonntags ist hier mal auch das Amphitheater besetzt, manchmal mit Straßenkünstlern oder Karaoke, Und das ist eine tolle Stimmung."

Das einzige, was Ben bei den entspannten Abenden stört, ist die mögliche Bebauung des Mauerparks. Der Investor Groth Gruppe plant hier mehr als 500 Wohnungen zu bauen, hat aber noch nicht das Baurecht. Der Vorsitzende der Initiative „Freunde des Mauerparks“ Alexandr Puell engagiert sich seit Jahren für den Erhalt der Fläche und Fertigstellung des Parks und gegen die Bebauung des potenziellen Parkgrundstückes.

"Es macht städtebaulich keinen Sinn, es gibt große Probleme nachher für den Park und auch für die Bewohner rechts und links, denn es fehlen Schulplätze, es fehlen Kitaplätze, es fehlt an der vernünftigen Verkehrsanbindung. Diese Probleme könnte man einfach lösen, wenn man sagt, wir machen eine Grünflache daraus. Dann hat natürlich das Land Berlin ein Problem, weil es den Vertrag mit den Investoren unterschrieben hat. Und dann muss das Land Berlin sehr viel Geld bezahlen. "

Anfang April hat die Bürgerwerkstatt Mauerpark zwei Briefe an den SPD-Bausenator Michael Müller und den Chef der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Degewo, Frank Bielka geschickt. In der Stellungnahme war die Vollbebauung des Geländes nördlich des Gleimtunnels nach den Plänen der Groth-Gruppe abgelehnt worden. Bis zu vor einigen Tagen gab es auf persönliche Schreiben keine Reaktion…

"Und auf einmal kam von einem Anwaltsbüro in Berlin ein fünfseitiger Brief, wo uns vorgehalten wurde, wir würde die sachliche Ebene verlassen, und uns geraten wurde aus anwaltlicher Sicht, in Zukunft zu diesen Themen – ich sage es mal berlinisch – die Schnauze zu halten. Da haben wir aber mit sehr viel Öffentlichkeitsarbeit reagiert. Wenn Herr Groth die Presse aufschlägt, er wird schon gelesen haben, was die Öffentlichkeit zu solchen Geschichten hält. Und wir hoffen, dass wir auch weiterhin die Unterstützung in der Politik bekommen, dass es in Bezirksverordnetenversammlungen in der Hinsicht ein Votum gibt, dass man mit Bürgern nicht umgehen kann. "

Der Musiker Ben ist nicht empört, sondern eher nostalgisch. Er kneift die Augen zusammen, wenn er in die Richtung der Sonne schaut und erinnert sich an frühere Zeiten.

"Da konnte man früher zwischen dem Kletterfelsen und dem S-Bahnhof Gesundbrunnen umgehend einen Schleich entlang laufen. Aber jetzt ist es ein Privatgelände, total umzäunt. Ich würde da lieber den Park haben, oder einen kleinen Weg vom Kletterfelsen bis zu Kinderhof, der dahinter ist. "

Die 16-jährige Sophia sitzt nebenan auf dem Gras und plaudert mit einer Freundin. Sie verfolgt die Geschichte mit der möglichen Bebauung und ist in der Wahl ihrer Ausdrücke nicht sehr ängstlich.

"Ja, finde ich scheiße. Habe schon ein paar Petitionen unterschrieben. Ich hoffe, dass es nicht passiert und umgesetzt wird, weil es sehr schade wäre. Ich komme eigentlich zweimal die Woche hierher, weil es mir die Atmosphäre gefällt und die Stimmung. Sie ist so typisch Berlin, so gechillt und entspannt. Besonders aber der Flohmarkt, weil es schön ist, wenn es voll ist und mit dem Karaoke und der Musik und Essen ist auch total lecker."

Nebenan spielt man Fußball, trinkt Bier, übt Swing-tanzen, macht ein Sprachtandem und liest Dostojewski´s Bücher. Der 1994 eingeweihte Park auf ehemaligem Grenzgebiet der DDR ist in seiner jetzigen Form erst zur Hälfte fertiggestellt. Die Bürgerwerkstatt „Freunde des Mauerparks“ engagiert sich für Integration der Freiräume, zum Beispiel Schaffung von Lerngärten, Obstwiesen und einen Kindermitmachzirkus.

"Ich denke die Nutzungsformen werden noch bunter. Und zwar konstruktiv. Nicht nur Trinken und Kiffen, wie es vielleicht auf dem alten Mauerpark sehr modern und schick ist, sondern dass auch kreative Tätigkeiten und sportliche Tätigkeiten möglich sind. "

1999 wurde auf senatspolitischer Ebene entschieden, das notwendige Areal für die weiteren Bauabschnitte nicht zu erwerben. Jetzt ist die Lage aber durch Baupläne von der Groth-Gruppe bedroht. Die Bürgerwerkstatt meint, eine moderate Randbbebauung wäre denkbar, aber es gibt immer eine positive und negative Prognose.

"Es gibt zwei Wege, wie die Geschichte enden kann, entweder in Einlenkung des Inverstors auf eine Vorstellung der Bebauung, die den Bürgern vermittelbar ist. Oder es kommt im Prinzip zu einer Konfrontation und dann gibt es entweder keine Bebauung oder eine Vollbebauung. "

Diesen Sonntag kommt Ben mit seinem Saxofon wieder, um für die Touristen auf der überfüllten Wiese zu spielen, was man geübt hat. Dann gibt es ein paar Münzen in den Hut und dann kann man sich abends eine Pizza leisten. Wie lange kann der langhaarige Musiker sich noch leisten im Mauerpark Jazz zu spielen, hängt von der Groth-Gruppe und der Entscheidung des Senats ab, der sich eher distanziert zeigt zu den aktuellen Ereignissen.

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