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15 Juli 2013, 13:46

Sturm der performativen Künste

Sturm der performativen Künste
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STIMME RUSSLANDS Vom 27. Juni bis zum 14. Juli wird in Berlin zeitgenössische Kunst an mehreren Orten vorgestellt. Das Festival „Foreign Affairs“ bringt Theater, Tanz, Performance, Bildende Kunst, Film und Musik unter einen Hut. Unsere Korrespondentin Alexandra Gurkova war dabei und hat mit dem Leiter des Festivals und Zuschauern über internationale performative Kunst unterhalten.

Die zweite Ausgabe von Foreign Affairs ist wie die erste – und doch ganz anders. In drei Wochen werden 17 Tanz und Theaterstücke und mehr als 10 Performance-Projekte gezeigt. Hinter dem Titel des Kulturereignisses steckt die Internationalität der eingeladenen Künstler. Aber was noch?“– fragte die Stimme Russlands den künstlerischen Leiter Matthias von Hartz:

"Aber natürlich meinen wir mit „Foreign“ nicht nur Sprache, sondern auch Kultur und Ästhetik. Und um Anderen ist uns auch die Affäre wichtig, dass wir mit Künstlern wirklich Affären eingehen, dass es nicht nur eine Arbeit ist, die hier vorbei rauscht, sondern auch dass wir von Forsythe zum Beispiel fünf gezeigt haben oder dass wir nächstes Jahr zusammenarbeiten."

Vorgestellt werden dem Berliner Publikum über 60 Aufführungen aus Afrika, Asien, Südamerika und Europa. Ein Schwerpunkt widmet das Festival dem amerikanischen Choreografen William Forsythe. Seit mehreren Jahren leitet er Forsythe Company in Deutschland. Berlin blieb aber in den letzten sechs Jahren außerhalb der Reiserouten seine Tänzer. Gezeigt werden nun bei den Berliner Festspielen seine großen Tanzstücke „I Don’t Believe in Outer Space“ und „Sider“. Das letztere Stück stammt ursprünglich aus der Zeit von Shakespeare.

"Während da man sitzt, versucht man das Drama zu entschlüsseln, aber doch bekommt man eine Geschichte erzählt, und zwar ganz anders, als wenn es beim Handlungsballett wäre. Und die Forsythe Company an sich sind zum großen Teil Tänzer, mit denen William Forsythe mehr als 10 Jahre arbeitet. Man sieht auch, dass auf der Basis einer langen Zusammenarbeit eine Körper- und Bildersprache entstanden ist, mit denen sie großartige Abende machen können."

Nun schaut sich Matthias von Hartz noch mal das Stück an. Unauffällig setzt der 43-jährige sich hin in die fünfzehnte Reihe im Zuschauersaal. Hellbrauner Anzug, Sportschuhe, Programmheft in der Hand – keiner würde glauben, dass er der Mensch ist, der das ganze Kulturereignis konzipiert hat.

Nach dem Tanzstück, das nur eine Stunde und zehn Minuten dauert, versuchen die Zuschauer fast genau so lang im Garten die Eindrücke zu verarbeiten. Warum sind Totengräber in Turnschuhen? Was bedeuten diese Bässe in Musik? Diana aus der Akademie die Künste ist von der Arbeit mit ständig umhergetragenen riesigen Pappen fasziniert.

"Ich bin total begeistert von dem Stück, weil alle Möglichkeiten ausprobiert wurden, die es gibt, um mit diesen Flächen zu arbeiten und dadurch menschliche Konditionen, zwischenmenschliche Vorgänge. Von einer Bildkomposition, vom Tanz, Schauspiel und auch durch das Licht Zeit zu verdeutlichen, fand ich total spannend."

Ihre Bekannte Marie dreht eine Zigarette im gemütlichen Garten und erinnert sich an die merkwürdige Spannung auf der Bühne.

"Es ist Ironie da drin, dann habe ich mir gedacht, es ist lustig, aber es ist nicht nur lustig. Es hat viel mit Gesellschaft glaube ich zu tun, aber es könnte auch nichts heißen. Ich habe den Eindruck, dass es da viel gespielt wird, aber sehr schlau. Mit diesen kleinen Mitteln – Licht, Ton so viel Eindruck zu erzeugen, das was ganz cool. Und ich habe gedacht, ja, ok, das ist mal was!"

Erstmalig findet das Festival im Sommer statt: draußen und gemeinsam mit den anderen großen internationalen Festivals und vor dem Beginn der Berliner Spielzeit. Das war eine der Änderungen, die Matthias von Hartz mit sich gebracht hat.

"Das heißt nicht nur anderes Datum, das heißt auch andere Atmosphäre. Wir haben sehr viel Wert darauf gelegt, dass das Festival wirklich als Gesamterlebnis funktioniert. Wenn die Leute um 18 Uhr kommen und bis halb eins in der Nacht bleiben. Wenn es eine Vorstellung gibt, danach gibt es auch ein Gespräch, davor gibt es ein Konzert, es gibt eine Installation, das wirklich den ganzen Abend, das Haus der Berliner Festspiele belebt ist."

Genauso wie vom Leiter des Festivals ausgedacht halten sich Marie und Diana im Garten auf. Gleich um 22 Uhr beginnt in der Kassenhalle die Installations-Performance ”Birdwatching“. Der 35-jährige Andreas war auch letztes Jahr beim Festival. Er schaut sich gerne Sachen mit Tanz an, jetzt freut er sich aber über die besondere Vorstellung.

"Normalerweise sitzt man da in einem ganz großen Raum mit vielen Menschen und dahinter passiert etwas auf der Bühne. Und die neue Form ist, dass es ganz klein ist, dass es nur 15 Leute sind. Das bewegt sich und man wüsste am Ende gar nicht, bin ich jetzt mal ich selbst, bewegt sich die Bühne, bewegt sich die Tänzer, ja das ist anders."

Andreas beobachtet nicht nur Vögel, sondern auch sich selbst. Danach weiß er nicht mehr, wo hinten und wo vorne ist. Der Berliner wird nochmal hier her diese Woche kommen: zum Karaoke-Orchester am Festivalschluss. Matthias von Hartz verspricht, es wird der größte Spaß von Foreign Affairs sein.

"Das führt garantiert zu Masseneuphorie, zu glücklichen Menschen, zu Menschen, die CDs kaufen, die es nicht gibt und allgemeiner Berauschung auf der Grund der Tatsache, für diesen Trash des Karaoke-Singens und dafür, dass jemand mal gut, mal nicht so gut singt, wirklich ein ganzes Symphonieorchester spielt. Das ist nicht nur lustig, sondern in der schönsten Form euphorisierend."

Am 14. Juli wird bei den Berliner Festspielen der Text über die Leinwand laufen. Andreas wird vermutlich ein Mikrofon in der Hand haben, und der Saal wird Robbie Williams oder Frank Sinatra mitsingen. Und Matthias von Hartz wird wieder sicher sein, dass das Festival als Gesamterlebnis gelungen ist.

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