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12 August 2013, 17:52

Nachhaltige Entwicklung: ist es zu spät?

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STIMME RUSSLANDS „Ist Nachhaltigkeit noch möglich?“ lautet der Titel des diesjährigen Berichts des Worldwatch Institute. Nach Jahrzehnten internationaler wie nationaler Debatten über nachhaltige Entwicklung und vielfältigen Versuchen, die Idee in der Umweltpolitik zu verankern, steht es nicht gut um die praktische Verwirklichung der Leitidee im Umwelt- und Ressourcenschutz.

Alljährlich veröffentlicht das Worldwatch Institute einen Bericht über die globale Umweltsituation, in diesem Jahr unter dem Thema Nachhaltigkeit. Mit der globalen Umweltkonferenz von Rio de Janeiro 1992 kam dieses Thema auf die Tagesordnung, z.B. in der Agenda 21 und der Konvention über biologische Vielfalt. Doch schon auf dem nachfolgenden Umweltgipfel (Johannesburg 2002), wo die Notwendigkeit der Integration sozialer, ökonomischer und ökologischer Nachhaltigkeit betont wurde, waren skeptische Stimmen zu hören. Einem auch von russischen Wissenschaftlern unterzeichneten Memorandum zufolge ist es für globale Klimaschutzpolitik zu spät, an den fortschreitenden Klimawandel könne man sich allenfalls anpassen.

Der neue Bericht ist nicht von Umweltskeptizismus geprägt, doch stellt er kritische Fragen zum Versagen globaler Umweltpolitik. Strategien der Nachhaltigkeit werden als notwendig angesehen um die starke Übernutzung von Naturressourcen zu reduzieren, selbst wenn im Lauf dieses Jahrhunderts mit Umwelt-, Klima- und Ernährungskatastrophen gerechnet werden muss. Ressourcen- und Nahrungsmangel, neue Infektionskrankheiten und der Klimawandel mit vielerorts verschlechterten Lebensbedingungen können nicht fortgesetzt negiert werden. Wissenschaftlichen Daten helfen dabei, Trends der Verschlechterung der Umweltbedingungen wie mögliche Verbesserungen messbar zu machen. So gibt es seit wenigen Jahren Versuche, die globalen Grenzen des Ressourcenverbrauchs auf der Grundlage ökologischen Wissens genauer zu messen. Nachhaltigkeit schließt auch den Schutz kultureller Traditionen der Ressourcennutzung, die Lösung von Konflikten zwischen Ressourcennutzern, die Stärkung von Demokratie ein. Neue politische Strategien und Perspektiven werden nötig, darunter agrarpolitische und solche zur Transformation wirtschaftlicher Institutionen und Strukturen. Der Bericht wendet sich deutlich gegen die „sustainababble“ (etwa: „Nachhaltigkeitsgeschwätz“) genannte Maskierung umweltschädlicher Praktiken mit imagefördernden Bezeichnungen vieler Produkte als umweltfreundlich und nachhaltig.

Nachhaltigkeit, so könnte gefolgert werden, ist ein dauernder Lern- und Änderungsprozess, von Individuen, mehr noch von Gruppen, Organisationen und Institutionen. Von der Idee, Nachhaltigkeit wäre durch „win-win“-Strategien realisierbar, die für alle Vorteile bringen, wird Abschied genommen. Deutlich wird: wenn Erfahrungsverarbeitung, kollektives Lernen, Änderung des hohen Ressourcenverbrauchs nicht durch Einsicht geschehen, erzwingen Krisen und Katastrophen „unfreiwilliges Lernen“.

Nachhaltigkeit im Sinn laufender Verbesserung von Entwicklungsstrategien mit Hilfe neuen Wissens ist noch nicht sehr weit verbreitet. Jedenfalls nicht in Russland, wo Nachhaltigkeit, Angelina Davydova folgend (Bericht „Nachhaltigkeit und Demokratie“, 11.04.2013), bisher meist einseitig als wirtschaftliche Nachhaltigkeit verstanden wurde, kaum als ökologische, die in einem Land mit so vielen Naturressourcen nicht nötig schien. Ähnliche Vorstellungen sind in anderen großen und ressourcenreichen Ländern wie Kanada, USA, Brasilien verbreitet. Auch die in der Politik der EU ins Zentrum gerückte Variante nachhaltiger Entwicklung ist noch nicht so konsequent und konkret wie das Worldwatch Institute fordert, vielmehr eine unverbindliche Wunschliste die verschiedene Aspekte von Nachhaltigkeit aufgreift ohne erforderliche institutionelle Veränderungen in Gang zu setzen. Ferner wird mit dem Worldwatch-Bericht die Idee der Nachhaltigkeit in der „Rio+20“-Konferenz von 2012 kritisierbar: die „grüne Wirtschaft“ erweist sich als neoliberale Strategie, die vor allem die Machtpositionen der OECD-Länder und deren Entwicklungsinteressen sichert.

Was den Worldwatch-Bericht von weiter verbreiteten Auffassungen und Strategien der Nachhaltigkeit unterscheidet ist nicht nur eine realistischere Sicht, vielmehr dass Nachhaltigkeit konsequent als globales Problem verstanden wird. Damit wird die Vorstellung, einzelne Länder oder Regionen könnten sich unabhängig vom Rest der Welt nachhaltig entwickeln zur Illusion.

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