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30 September 2013, 15:43

Spielsucht und das Geschäft mit dem Glück

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STIMME RUSSLANDS Überall in den Straßen fällt einem auf, dass die Schaufenster ehemaliger Bäckereien und Kneipen inzwischen mit dunklen Folien verklebt sind. Spielhallen schießen seit einigen Jahren wie Pilze aus dem Boden. Doch die Suchtgefahr bei Spielautomaten wird oft unterschätzt. Eine Reportage von Jonathan Karoui.

Es ist zwei Uhr mittags, irgendwo in Neukölln. Achmed sitzt schon seit Stunden auf dem unbequemen Drehhocker. Er wirft eine Münze nach der anderen in den Automatenschlitz. Er hat sich an das grell flimmernde Licht des Automaten gewöhnt. Das Brennen seiner geschwollenen Augen macht ihm nichts mehr aus. Im Halbdunkel des großen Raumes erkennt man die Umrisse anderer Spieler vor ihren Automaten. Keiner sagt ein Wort. Achmed sitzt hier, bis er kein Geld mehr in der Tasche hat. Er kann nicht anders.

"Irgendwann mal, als ich zwanzig war, wollte ich die Langeweile totschlagen und stand vor einem Automaten. Es hat mir die erste Zeit nichts ausgemacht. Später war ich nur hinter meinem Verlust her und hab immer mehr verloren, bis ich Jahre später festgestellt habe, dass ich ja süchtig geworden bin."

Wie Achmed sitzen viele unsichtbar hinter den zugeklebten Scheiben der fast 600 Berliner Spielhallen. Wie viele es genau sind, weiß jedoch niemand. Kerstin Jüngling, Leiterin der Fachstelle für Suchtprävention, kennt aber das ungefähre Ausmaß der Glücksspielsucht in Berlin.

"37.000 Menschen haben irgendwie Probleme mit Glücksspiel. Das ist eine Schätzung aufgrund von Behandlungszahlen, die wir haben. Entweder sind sie richtig abhängig, oder sie sind bereits riskante Spieler, bei denen schon eine Verschuldung angefangen hat, aber noch nicht alle Kriterien einer Sucht oder einer Abhängigkeit vorhanden sind."

Achmed ist nicht anzusehen, dass er seit Jahren gegen seine Spielsucht kämpft. Er achtet auf sein Äußeres, ist frisch rasiert und trägt ein Sakko über seinem Hemd. Er ist körperlich ziemlich fit. Trotzdem ist seine Sucht vergleichbar mit der eines Alkoholikers, wie Kerstin Jüngling erklärt.

"Eine Glücksspielsucht hat genau die gleichen Kriterien wie zum Beispiel eine Alkoholsucht. Man wird wirklich abhängig! Die Kriterien vereinfacht bedeute: ich habe keine Kontrolle mehr, ich nehme mir ganz fest vor, an der Spielhallentür vorbei zu gehen, aber das kann ich schon nicht mehr, weil ich die Kontrolle über mein Tun verloren habe."

Die Suchtgefahr beim Automatenspielen wird oft unterschätzt, hört man doch in den Medien so gut wie nichts darüber. Glücksspielsucht ist seit 2001 als Krankheit anerkannt. Achmed hat wegen seiner Spielsucht schon mehrere Therapien hinter sich.

"Ich bin über zwanzig Jahre spielsüchtig, aber bis vor zehn Jahren habe ich das noch nicht eingesehen. "

"Ich habe zwei Therapien gemacht, eine drei Monate lang, eine vier Monate lang. Eine Dritte habe ich abgebrochen."

Im Laufe von 20 Jahren hat Achmed eine Menge Geld verspielt.

"Ein Alptraum ist das! Ich hab in der ganzen Zeit eine viertel Million verzockt, wa!"

Spieler hören aber nicht einfach auf, wenn ihnen das Geld ausgeht, sie finden einen Weg, weiter zu spielen. So ist das verzockte Geld nicht der schlimmste Verlust für Achmed.

"Ich hab mein Gesicht, meine Würde, meine Ehre verloren. Ich hab alles verloren. Meine Kinder, meine Familie, mein Haus verloren. Ich hab meine Familie verzockt. Es tut mir leid, ich kann es nicht rückgängig machen."

Durch die Liberalisierung der Glücksspielgesetze ist die Zahl der Spielhallen und Wettbüros bundesweit explodiert. 2011 änderte das Berliner Abgeordnetenhaus das Spielhallengesetz, um sich gegen die Spielotheken-Flut zu wehren. Nun gilt zum Beispiel ein Mindestabstand von 500 Metern, die Schließzeiten sind deutlich länger und die Zahl der Automaten wurde auf acht begrenzt. Daniel Buchholz von der Berliner SPD war maßgeblich an der Gesetzesänderung beteiligt.

"Wir haben das schärfere Spielhallengesetz beschlossen, weil wir ein deutliches Gegengewicht zu der extremen Zunahme bilden wollten. Wir hatten ab dem Jahr 2005 eine extreme Zunahme der Spielhallen in der Stadt, die Zahl ist geradezu explodiert. Die Anzahl hat sich teilweise von einem Jahr aufs nächste um ein Drittel erhöht. Das hat man in den Kiezen gesehen, weil alle leeren Ladenlokale plötzlich von Spielhallen und Wettbüros besetzt wurden. Und man hat auch gemerkt, dass die Zahl der Spielsüchtigen, der Abhängigen deutlich zugenommen hat."

"Jeden Tag werden von den Berlinerinnen und Berlinern 500.000 Euro in diesen Automaten versenkt."

500.000 Euro jeden Tag, von denen die sowieso nicht viel haben. Für Kerstin Jüngling, Leiterin der Fachstelle für Suchtprävention, ist es meistens das Geld der Perspektivlosen. Der Lebensläufe, die nicht auf die Zukunft hoffen lassen.

"Es betrifft überdurchschnittlich oft Menschen, die arm sind. Menschen, die glauben wenig Glück zu haben. Keine gute Ausbildung, keinen guten Schulabschluss, wenig Perspektive sehen, ich weiß nicht, ob die Perspektive immer nicht da ist, aber die subjektiv sagen: "Ich seh grad für mich keine Perspektive!""

Nach 20 Jahren in Spielhallen kann Achmed dieser Aussage nur zustimmen.

"Es trifft schon eher die armen Menschen, nicht? Es sind überwiegend die schwachen Familien, die schwachen Menschen, die eine schwierigere Vergangenheit haben, keine Bildung bekommen haben. Weil gebildete Menschen, die vernünftige Arbeit haben, einen vernünftigen Wochenplan haben, nicht dahin kommen."

"Man verliert auf jeden Fall, auf jeden Fall!"

In Berlin stehen über 12.000 Spielautomaten. Im Jahr 2016 müssen alle Spielhallen in Berlin neue Genehmigungen beantragen. Durch die Gesetzesänderung wird es danach weniger Automaten in der Stadt geben. Doch Kerstin Jüngling und ihre Kollegen befürchten, dass sich die Spielsucht dann aufs Internet verlagert. So werden auch in Zukunft die Möglichkeiten, vom Glücksspiel süchtig zu werden, nicht weniger. Die Selbsthilfegruppen und Therapieeinrichtungen haben auch in Zukunft alle Hände voll zu tun.

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