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13 November 2013, 12:10
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STIMME RUSSLANDS In Berlin gibt es wieder Kritik an Betreibern von Flüchtlingsheimen. Nun steht eine Unterkunft im Mittelpunkt, die nur drei Kilometer vom Brandenburger Tor entfernt ist. Hier weisen Freiwillige auf Probleme der Leitung hin und werden aus dem Heim geworfen. Alexandra Gurkova hat mit der Organisatorin der Initiative „Neue Nachbarschaft“ über Schikanen und Untätigkeit im Flüchtlingsheim Moabit geredet.

Das warme Duschwasser ist abgestellt, angeblich sei die Waschbereitschaft der Asylbewerber zu gering. Die Toiletten sind abgesperrt. Für fast 300 Leute gibt es nur fünf funktionsfähige Waschmaschinen. Durch das ehemalige Schulgebäude toben Kinder, für die sich niemand verantwortlich fühlt. Die Betreiberfirma des Heimes, die GIERSO GmbH, bleibt dabei untätig. So ein Bild hat die Künstlerin Marina Napruschkina gesehen, als sie zum ersten Mal im Flüchtlingsheim in Moabit ankam, mit dem Ziel, ein Kinderprogramm auf die Beine zu stellen.

"Ich war dort jeden Tag seit Anfang August. Man benutzt auch die Toiletten, die die Bewohner benutzen, man geht durch das Haus, man sieht das Essen, man kann selber ziemlich viel sehen, wenn man oft genug dort ist."

Die 32-Jährige und andere Freiwillige der Initiative „Neue Nachbarschaft“ haben im Flüchtlingsheim ein komplettes Programm von Montag bis Samstag entwickelt. Sprachkurse und Übersetzungshilfen bei Behörden für die Erwachsenen. Kindertanz, Kinderkino und Sport – in einem einst leeren Raum für rund hundert Kinder aller Altersgruppen.

"Wir haben Möbel hergebracht, Regale, Tische, Stühle. Es waren ein paar Stühle da, tatsächlich haben wir fünf Stühle bekommen. Ich hatte aber in der ersten Stunde schon 30-35 Kinder. Und die musste ich dann kniend auf dem Boden unterrichten oder in den Korridor raussetzen."

In drei Monaten haben die Künstlerin und rund 20 andere Mitglieder der Initiative praktisch die Aufgaben der Heimleitung übernommen und mehr und mehr von den Schikanen des Heimbetreibers mitbekommen.

"Mit einer Familie hatte ich am Anfang Kontakt, dann war ich zwei-drei Tage verreist, und als ich zurückkam, war die Familie nicht mehr da. Dann habe ich die Bewohner befragt, wer weiß, was los war. Es war wohl so, dass sie tatsächlich für das eigene Recht gekämpft haben und bessere Bedingungen im Heim haben wollten, und dann wurden sie schnell rausgeworfen. Danach habe ich bemerkt, dass die Bewohner sich fürchten, ihre Beschwerden im Büro auszusprechen."

Die Spenden, die Freiwillige gesammelt haben, blieben im sogenannten Spendenraum hängen, unsortiert. In dem dunklen Raum zwischen Kartons und Müllsäcken landeten auch zwei Kinderwagen, die Marina und die ihr Gleichgesinnten für Familien mit mehreren Kindern besorgt hatten.

"Ich habe dann die Familien befragt, ob sie in diesem Spendenraum waren. „Nein“, war die Antwort. Das heißt, die Spenden wurden gebracht, aber wurden nicht verteilt oder nicht gerecht verteilt. Ich habe mit mehreren Familien gesprochen, sie haben die Spenden aus dem Spendenraum nie bekommen."

Irgendwann hat Marina Napruschkina verstanden: so kann es nicht weiter gehen, und hat die Leitung des Heimes angesprochen. Da es keine Reaktion gab, haben Freiwillige an Politiker und die Betreiberfirma einen offenen Brief zusammengestellt. Letztere haben sich sofort gemeldet.

"Darauf gab es die Antwort, sie würden unsere Arbeit schätzen und wollen sich im Namen der Bewohner auch bedanken, aber wir mögen unsere Arbeit zukünftig jedoch irgendwo anders fortsetzen und unsere Sachen aus dem Haus abholen."

Am 9. November sind die Freiwilligen mit Plakaten auf die Straßen gegangen. Für die Rechte der Flüchtlinge mussten die Mitglieder der „Neuen Nachbarschaft“ ohne Flüchtlinge selbst demonstrieren.

"Die Bewohner wurden eingeschüchtert, es wurde ihnen gesagt: wenn sie rausgehen und uns unterstützen, wird sich das negativ auf ihr Asylverfahren auswirken. Und tatsächlich kamen die Leute  nicht raus, obwohl sie vorher dazu bereit waren. Ein Mann wollte sogar Musik machen." 

Als Ergebnis des Protestes kam am 11. November das Landesamt für Soziales und Gesundheit im Flüchtlingsheim zu Besuch. Nun werden die Waschmaschinen repariert. Andere Veränderungen sind aber nicht zu sehen, erfahren die Freiwilligen von den Bewohnern. Das Thema gehört in die Öffentlichkeit, ist sich Marina Naprushkina sicher.

"Das Thema ist größer, als es ist. Es sind nicht nur wir mit diesem einen Heim. Es gab ähnliche Situationen in einem Heim in Grünau. Die Initiative wurde auch aus dem Haus rausgeschmissen, genau aus demselben Grund, dass sie diese unangenehmen Fragen gestellt haben und kritisch wurden gegenüber der Leitung des Hauses. Und darauf wurden sie vor die Tür gesetzt. Eigentlich genau so wie bei uns." 

Die Beitreiberfirma des Flüchtlingsheimes in Moabit bekommt 21 Euro pro Tag für jeden Bewohner. Das meiste Geld benutzt die Heimleitung - laut den Freiwilligen - aber für den eigenen Profit. Wenn man nun den Standpunkt der GIERSO GmbH erfahren möchte, hört man vor allem: das offene Schreiben mit Forderungen sei ein unverschämtes Spektakel. Die Vorwürfe weist Wilhelm Pleß, Mitglied der Geschäftsleitung der GIERSO GmbH, zurück. Mehr geht es aber dem Betreiber um den Ton des Schreibens als um den Inhalt. Auf dieses Gekreische - wie er den Brief bezeichnet - möchte er lieber nicht antworten.

 

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