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18 November 2013, 22:50

Zwei Namen, eine Person: mein Name ist Eugen

Zwei Namen, eine Person: mein Name ist Eugen
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STIMME RUSSLANDS Wie heißt du? Diese Frage müssen sich Russlanddeutsche, deren Namen im Zuge der Einwanderung nach Deutschland in ein deutsches Äquivalent umgewandelt wurden, oft anhören. Einer von ihnen ist Eugen Litwinow, Fotograf und Künstler, der sich in einem Fotobuch auf die Suche gemacht hat nach seinen Namensvettern und nach ihren Geschichten…

Eugen, wie bist du zu deinem Namen gekommen und wie ist deine Geschichte, wie wurde aus Evgenij Eugen?

"Als wir nach Deutschland gekommen sind, wurde uns das vorgeschlagen, weil Evgenij wohl für Kinder sehr schwer auszusprechen ist, und so wurde dieser Name dann in den deutschen Ersatznamen umgeändert, was in diesem Fall Eugen ist."

Hat es die Integration erleichtert?

"Ich glaube Eugen ist selbst in Deutschland ein relativ ungewöhnlicher Name für jemanden meiner Generation, und das ist auch ein interessanter Punkt, der mich auch überhaupt auf die Idee gebracht hat, darüber ein Buch zu machen. Denn bis heute kenne ich keinen anderen Eugen aus meiner Generation, der eben nicht aus der ehemaligen Sowjetunion kommt oder nicht da geboren wurde. Das heißt, jeden den ich kennen gelernt habe mit dem Namen Eugen, zwischen 18 und 35 Jahren, wurde in der ehemaligen Sowjetunion geboren."

Also war es aus deiner Sicht schon problematisch, dass man dich einfach umbenannt hat?

"Deine Eltern entscheiden sich für etwas, weil sie dir etwas mit auf den Weg geben wollen, weil sie vielleicht hoffen, der Name wird dir helfen, dich in eine bestimmte Richtung zu entwickeln, von daher ist so ein Wechsel des Vornamens auf jeden Fall schwierig, wenn es darum geht, sich zu identifizieren. Ich erinnere mich an eine Situation, in der mein Vater mir erzählt hat, dass mein Charakter sich stark verändert hat durch diesen Wechsel des Namens. Natürlich fragt man sich: hätte das sein müssen, hätte ich mich nicht genau so integrieren können mit Evgenij als Namen? Und diese Feststellung meines Vaters, die hat mich natürlich die ganze Zeit begleitet, und irgendwann dachte ich, ich muss dem Ganzen mal auf den Zahn fühlen, und bin dann losgezogen und habe Leute gesucht, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, und habe gesehen, dass sie ganz anders mit dem Thema umgehen, und das hat mich dann interessiert, diese Geschichten zusammen zu tragen."

Wie sehen denn die Lebensgeschichten der verschiedenen Eugens aus? Gibt es da Gemeinsamkeiten?

"Also eigentlich sind alle Biografien komplett unterschiedlich von den Protagonisten, die ich gefunden habe, sie kommen aber alle in einem Punkt auf einen gemeinsamen Nenner, und das ist die Zeit, in der sie in Deutschland angekommen sind. Denn das Vorgehen, wie man Spätaussiedler oder Russlanddeutsche empfangen hat, war immer relativ ähnlich. Also die Familien sind in Friedland angekommen, und dann haben sie einen Wohnort zugeteilt bekommen, man konnte sich vielleicht auch etwas aussuchen, weil dort schon Teile der Familie wohnten, aber diese Zeit war, glaube ich, für alle ein großes Abenteuer, weil das selbst für die gesamte Familie eine Erfahrung war, die sie vielleicht nur einmal im Leben gemacht hat."

Und wie sind sie mit der Namensänderung umgegangen?

"Was ich festgestellt habe, was sehr interessant war, dass von den dreizehn Leuten, die ich insgesamt begleitet habe, elf offiziell in Eugen umbenannt wurden und zwei ihren Namen beibehalten haben. Aber das ist der Name, den sie wirklich nur für die offiziellen Dokumente benutzen. Sie haben aber begonnen, sich mit Eugen vorzustellen, statt mit Evgenij. Wenn man was feststellen kann, ist es vielleicht auch diese andere Reaktion, selbst wenn sie ihren Namen behalten haben, sie vielleicht das Gefühl hatten, das Eugen schneller akzeptiert wird."

In welchem Zusammenhang ist deine Arbeit zu betrachten, für wen ist sie geschrieben, und was möchte sie bewirken?

"In dem Buch wird direkt eine junge russlanddeutsche Generation angesprochen, denn die russlanddeutsche Bevölkerung bildet eben auch einen großen Teil der deutschen Bevölkerung. Ich wollte mit diesem Buch zum einen die Gefühle meiner Generation ansprechen, auf der anderen Seite aber auch Hinweise geben, wenn sich jemand in diese Leute hineinversetzen will oder verstehen will, was sie vergleichen - deshalb werden viele Begriffe erklärt. Begriffe aus der russischen Kultur, Geografie, Küche, die vielleicht für jemanden, der nur einen komplett deutschen Hintergrund hat, schwer zugänglich sind. Ich weiß nicht, ob jeder direkt weiß, was eine Kolchose ist, oder wie viele Sonnenstunden im Winter in Murmansk sind. Damit versuchen wir diese Hintergrundinformation, die die Leute geben, aufzugreifen und Lesern mit weniger Erfahrungen, was den russischsprachigen Raum betrifft, besser zu erklären, worum es eigentlich geht."

Wie genau vermittelst du denn diese Hintergrundinformation, die ja sehr vielschichtig ist?

"Wenn es um die Geschichte der Russlanddeutschen geht, taucht auch ein Text von Dr. Jan Schneider darin auf, weil natürlich viele Personen in dem Buch die Geschichte natürlich auch aufgreifen, bzw. dass, was sie von den Familien überliefert bekommen haben. Einige von Ihnen haben auch in deutschen Dörfern gewohnt, wussten vielleicht auch mehr von ihrer deutschen Geschichte als ich jetzt zum Beispiel, und deswegen war das auch wichtig, dem Buch auch diese Note zu geben. Dass man nicht nur versucht, die Geschichte einer jungen russlanddeutschen Generation zu zeigen, sondern auch die Hintergründe. Wieso wollte diese Gruppe wieder zurück nach Deutschland, wie kam es überhaupt, dass sie damals ausgewandert sind, und das alles taucht in diesem Buch auf und ist, glaube ich, auch wichtig, um zu verstehen, in welcher Lebenslage sich gerade diese Generatio befindet. Im Zusammenhang mit den Traditionen, die überliefert wurden, und auch mit der neuen Kultur, in die sie ja wieder zurückgekehrt sind."

Du möchtest dieses Buch nun einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen, deshalb läuft gerade eine Crowdefunding-Initiative von dir, was sind deine nächsten Ziele?

"Wenn das jetzt alles klappt, dann wird das Buch Mitte Dezember erscheinen und Ziel des Ganzen ist natürlich auch - das hängt jetzt etwas davon ab, was da zusammen kommt finanziell - gemeinnützigen Organisationen das Ganze als Freiexemplar anzubieten. Das man jetzt nicht nur sagt, dass muss jetzt jeder kaufen, sondern dass man auch versucht, den Zugang dazu bei einer jungen Generation zu fördern. Es gibt auch Ausstellungsplanungen, also das Ganze in Form einer Wanderausstellung zu realisieren, aber da laufen gerade noch die Gespräche - schauen wir mal, was da passiert."

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