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2 Dezember 2013, 23:33

Der AIDS-Welttag: "Das größte Problem bei HIV-Positiven ist Angst vor Diskriminierung"

Der AIDS-Welttag: "Das größte Problem bei HIV-Positiven ist Angst vor Diskriminierung"
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STIMME RUSSLANDS Der erste Dezember steht bereits seit 1988 weltweit für den Kampf gegen AIDS. So fanden auch in Deutschland gestern Dutzende Solidaritäts- und Aufklärungsveranstaltungen statt. Doch trotz Werbekampagnen mit roten Schleifen sind in der Gesellschaft nach wie vor viele Vorurteile gegenüber HIV-positiven Menschen verankert. Alexandra Gurkowa ist dem Problem nachgegangen.

"Sehr viele denken: HIV-positiv heißt gleich Krankheit, gleich ständiger Ausfall."

Die 33-jährige Doreen weiß vom Verhalten gegenüber HIV-infizierten Leuten nicht nur vom Hörensagen. Mit 17 lernte sie ihre erste Liebe kennen. Erst acht Jahre später erfuhr sie bei einem Arztbesuch: ihr erster Freund war HIV-positiv und hat auch Doreen infiziert. Davon dass das Leben auch nach der Diagnose weiter gehen kann, hat Doreen ihre beste Freundin überzeugt. 

"Jemand, der sich verstecken muss. Er ist positiv, versteckt sich aber, weil man es zurückhalten muss – es kostet unheimlich viel Kraft. Wenn derjenige sich outen kann und offen damit leben kann und auch Unterstützung erfährt und nicht ausgegrenzt wird, dann kann es zu viel mehr Leistung führen." 

Heute leben in Deutschland 78.000 Menschen mit HIV. Jeder dritte davon ist nach Angaben des Robert-Koch-Instituts zwischen 25 und 34 Jahren alt. Jeder vierte hat sich erst im Lauf des Jahres 2012 angesteckt.

"Das größte gesellschaftliche Problem ist nach der Einschätzung der deutschen AIDS-Stiftung sicherlich die Angst vor Diskriminierung und vor Stigmatisierung. Wer ein HIV-positives Testergebnis bekommt, hat einerseits natürlich Angst um seine körperliche Unversehrtheit um die Zukunft. Aber er ist sicher immer auch unsicher, mit wem kann ich darüber sprechen, was bekomme ich für Reaktionen – wenn ich sage, ich bin HIV-positiv." 

So Volker Mertens, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei der Deutschen AIDS-Stiftung. Sein Kollege von der Organisation Deutsche AIDS-Hilfe Holger Wicht, betont, es gäbe immer noch sehr viele falsche Vorstellungen vom Leben mit HIV.

"Am hartnächsten sind natürlich die alten Bilder, die man aus den 80er und 90er Jahren hat. Es ist eine ganz schwere tödliche Erkrankung. Es geht alles ganz schnell, wenn man erst mal infiziert ist, das Leben ist eigentlich vorbei. Denn sie führen dazu, dass Menschen entmutigt werden. Für die Angehörigen ist es immer noch schwerer zu nehmen als es sein müsste. Sie führen auch, weil sie Ängste wecken zur Ausgrenzung. Und das stimmt heute eben nicht mehr! Man kann heute lang und gut mit HIV leben, auch wenn man mit Einschränkungen zu tun hat." 

Laut Angaben der Deutschen AIDS-Hilfe sind knapp 80 Prozent der Infizierten aufgrund ihrer Infektion Diskriminierungen ausgesetzt. Demütigungen und Ängste abzubauen geht aber nur durch die Aufklärungsarbeit, da ist sich der Experte sicher. Auch Doreen will dazu beitragen, dass die Ausgrenzung von HIV-infizierten Menschen endlich aufhört. Deswegen nimmt sie an der Kampagne „Positiv zusammen leben“ teil. Genauso wie weitere 14.000 Deutsche.

"In der AIDS-Hilfe gebe ich Präventionsmaßnahmen für Schulklassen. Des Weiteren helfe ich bei Spendensammeln oder am Infostand. Ich helfe auch mit positiven Frauen, die gerade von ihrer Infektion erfahren haben und ansonsten wo Hilfe gebraucht wird." 

Ein vorurteilsfreier Umgang mit HIV-Positiven sollte in der Gesellschaft selbstverständlich sein, meint Doreen. Doch bis heute müssen HIV-Infizierte mit Mobbing am Arbeitsplatz und Kündigungen rechnen. Auch in Arztpraxen werden sie oft abgewiesen oder bekommen Termine nur am Schluss der Sprechzeit, berichten Mitarbeiter der AIDS-Hilfe.
Volker Mertens weist auch auf ein weiteres Problem hin. Ungefähr jeder dritte Patient, der bereits wegen HIV unter körperlichen Einschränkungen leidet, kann nicht mehr arbeiten.

"Wenn Sie nicht mehr im Erwerbsleben stehen, erhalten Sie in der Regel nur das staatliche Grundeinkommen. Das reicht nicht aus, um ein Leben mit einer chronischen Erkrankung über Jahre zu führen. Jemand braucht eine Brille, kann aber nicht selbst zuzahlen. Oder jemand braucht ein Hörgerät – das gleiche Problem. Oder aber bei jemandem sind die Matratzen durchgelegen. Der Kühlschrank geht nach fünf Jahren kaputt. Alle diesen Menschen haben keine finanziellen Polster, dass sie sich Ersatz leisten können." 

Solche Anträge bekommt die AIDS-Stiftung von Betroffenen am häufigsten, auch am Welt-AIDS-Tag. Wenn die zahlreichen Solidaritätsveranstaltungen mit roten Schleifen und die Aufmerksamkeit der Medien am 1. Dezember vorbei sind, geht die tatsächliche Arbeit weiter. Bei Patienten mit der Diagnose und eben ohne. Denn 14.000 HIV-Positive in Deutschland wissen noch nicht einmal, dass sie infiziert sind.

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