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7 Dezember 2013, 15:18

Polen auf dem ukrainischen Dreizack

Polen auf dem ukrainischen Dreizack

STIMME RUSSLANDS Aus verständlichen Gründen ist für Russland die Lage in der Ukraine im Gegensatz zur EU eine prioritäre Frage. Ob der immer lavierende Janukowitsch an der Macht bleibt oder vom proeuropäischen Boxer Klitschko abgewechselt wird, hat für die russisch-ukrainische Beziehungen im Grunde keine besondere Bedeutung. Russland wird auch weiter bedeutenden wirtschaftlichen, geopolitischen und kulturellen Einfluss auf die Ukraine ausüben und dafür mit vorläufiger Abkühlung in den Beziehungen zum Westen bezahlen.

Polen kann in alle Posaunen blasen, doch sein Einfluss auf die EU und die Ukraine ist viel zu gering. Dafür ist der ukrainische Einfluss auf Polen sehr groß. Wenn Russland die Ukraine bis 2015 in die Zollunion aufnimmt, wird in Polen höchstwahrscheinlich die rechte Partei von Jarosław Kaczyński „Prawo i Sprawiedliwość“ („Recht und Gerechtigkeit“) an die Macht kommen. Angesichts der ukrainischen Frage wird sie Polens Beziehungen zu Deutschland und der EU verderben sowie das Verhältnis zu Russland vollständig ruinieren. Das ukrainische Drama kommt der Rechtspartei sehr gelegen.

Wenn die Rechtspartei an die Macht kommt, so werden sich antieuropäische Stimmungen und die antirussische Hysterie im Lande angesichts der Ereignisse in der Ukraine zuspitzen: Gestern hat Russland die Ukraine verschluckt, heute ist Polen an der Reihe. So wird Polen beginnen, gegen Russland aufzurüsten. Es wird genauso ein Unsinn sein, wie die Politik des Obersten Befehlshabers der polnischen Armee Edward Rydz-Śmigły und des Außenministers Józef Beck gegenüber Deutschland im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs. Im Kampf gegen eine Nuklearmacht, wie Russland eine ist, kann die Anzahl von Drohnen nichts bewirken, mal abgesehen davon, dass weder Russland noch die Nato im gegenwärtigen politischen Spiel in Europa zur Waffe greifen werden.

Kaczyńskis Partei wird Polen mittels seiner eigenen gesellschaftlichen Stimmungen begraben. Deswegen sind die ukrainischen Ereignisse für Polen so wichtig. Die Polen verfolgen vor ihren Fernsehern die Geschehnisse auf dem Maidan. Jedoch ist da kein Platz für Mutmaßungen über Russlands Rolle im Ganzen. Moskau hat die prorussischen Kräfte in der Ukraine bisher nicht eingesetzt: Wozu ist dem Kater das Blut von der Beißerei der Mäuse gut? China mischt sich seit 1956 in osteuropäische Angelegenheiten nicht mehr ein.

Die Ukrainer, die die Unabhängigkeit ihres Staates anstreben, haben schon immer alleine gekämpft. Die Geschichte dieses Volkes ist viel tragischer als die der Polen. Mit Kiew verbinden uns alte Wunden, Interessen und Verpflichtungen. Doch der Machtantritt von „Recht und Gerechtigkeit“ ist dafür ein zu hoher Preis.

Jerzy Urban (80) ist ein polnischer Journalist, Schriftsteller, Satiriker, Politiker und Chefredakteur der Wochenschrift „Nie“.

Die Meinung des Autors stimmt nicht unbedingt mit der Meinung der Redaktion überein.

 

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