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25 Februar 2014, 22:57

Augenzeugenbericht aus Kiew

Augenzeugenbericht aus Kiew
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STIMME RUSSLANDS Die Ereignisse in der Ukraine haben in der vergangenen Woche einen dramatischen, blutigen Höhepunkt erreicht. Einer der live dabei war, ist der Journalist und Osteuropa-Experte Moritz Gathmann. Mit ihm sprach unser Korrespondent Armin Siebert am Telefon.

Moritz, du warst im Hotel Ukraine, direkt am Maidan. Erzähl uns doch bitte, was du dort erlebt hast. 

Das Bedeutendste, was ich dort erlebt habe, war sicherlich der Sturm am Freitag, als die Demonstranten die Polizei überrannten, die ja bis dahin auf der Mitte des Maidan stand, und versuchten auch weiter vorzudringen am Hotel Ukraina vorbei in Richtung der Residenz von Janukowitsch, des Präsidentenpalastes. Und da kam es dann auch zu den Szenen, die ja inzwischen bekannt sind, als die Scharfschützen dann einen nach dem anderen dort erledigten, die sich auf die Positionen der Polizei zubewegten. Das war sicher der schockierendste Moment. Und es ist auch besonders tragisch, dass diese Opfer eigentlich hätten vermieden werden können, weil keine 24 Stunden später der Präsident aus Kiew floh und die Krise eigentlich damit vorerst gelöst war.

Das sind Berichte, wie wir sie aus Kairo oder Beirut kennen, aber nicht aus Europa. Wie konnte es zu so einer Gewalt kommen? Von wem ging die Gewalt aus? Eher von der Polizei oder eher von den Aktivisten?

Das ist eine schwierige Frage. Es ist zweifellos so, dass die Demonstranten sich über die Monate auch immer mehr bewaffnet haben. Spätestens seit letzter Woche, würde ich sagen, kann man auch von einem bewaffneten Aufstand sprechen. Die Menschen auf dem Maidan hatten ja schon länger Baseballschläger und Molotow-Cocktails usw., aber die Eskalationsstufe dann letzte Woche, dass dort Schußwaffen auftauchten, Gewehre und Pistolen, ich hab das selbst vielfach gesehen, das ist nochmal ein wichtiger Schritt der Eskalation. Es war auch so, dass in mehren Fällen es die Demonstranten tatsächlich selbst waren, die zur Attacke auf die Polizei übergegangen sind und damit auch konkret zur Eskalation beigetragen haben.

Aber das war auf der anderen Seite auch immer die Folge davon, dass die Politik, also besonders Janukowitsch, als ihm eigentlich schon das Wasser bis zum Hals stand, noch mit Mannövern versucht hat, Zeit zu gewinnen, wieder eine Runde Gespräche mit den Oppositionsführern, wieder ein Empfang der EU-Kommisare, usw., aber es eigentlich nicht weiterging und Janukowitsch nicht verstanden hat, dass er jetzt endlich konkrete Zugeständnisse machen muss, sonst passiert ihm das, was ihm jetzt auch passiert ist: Er muss fliehen und um sein Leben fürchten.

Wie kam es dann zum Machtwechsel? Du sprachst von 24 Stunden. Hat unser Außenminister Steinmeier einen guten Job gemacht?

Das war ja nicht nur Steinmeier. Da war auch der polnische Außenminister dabei und ein wichtiger Vertreter des französsischen Außenministeriums und auch der russische Menschenrechtsbeauftragte Lukin. Die haben gemeinsam sicherlich einen guten Job gemacht, weil ab dem Zeitpunkt, wo sie verhandelt haben, es eigentlich zu keinen Gewaltakten mehr kam, das heißt sie haben weiteres Blutvergießen vermieden. Natürlich war dieses Abkommen, was sie mit Janukowitsch geschlossen hatten, wenige Stunden später schon Makulatur, weil Janukowitsch eben plötzlich verstanden hatte, dass er fliehen muss, weil ihm ansonsten eine Attacke auf sein Leben droht von Seiten der Demonstranten.

Nachdem die Forderungen der Opposition erfüllt worden waren, hat sich die Lage jetzt beruhigt. Von geordneten Verhältnissen kann jedoch bei weiten noch keine Rede sein. Ex-Präsident Janukowitsch ist auf der Flucht und das Land ist pleite. Wie soll es jetzt weitergehen?

Genau, einerseits kann man nicht von geordneten Verhältnissen sprechen. Das Zentrum Kiews ist im Prinzip besetzt von den Regierungsgegnern. Sie kontrollieren den Regierungspalast und sie kontrollieren auch das Parlament. Das sind natürlich keine geordneten Verhältnisse. Die Abgeordneten, gerade die Abgeordenten der ehemaligen Pro-Janukowitsch-Partei stehen da schon unter gewaltigem Druck jetzt so abzustimmen, wie die Opposition das will. Was auch passiert. Das ist sicher unter gewöhnlichen demokratischen Gesichtspunkten problematisch. Aber wir haben es dort jetzt eben mit einer Revolution zu tun. Und da werden eben Fakten geschaffen jetzt.

Was die finanzielle Lage angeht, ist die Ukraine wirklich wenige Monate von einem Zusammenbruch entfernt. Sie fordern jetzt  Summen von 20 bis 25 Milliarden Euro aus dem Westen insbesondere. Der Westen ist unter Umständen bereit, in Zusammenarbeit mit den Institutionen, wie dem IMF, solche Summen zu gewähren, aber dies ist an Bedingungen gebunden. Und diese Bedingungen bedeuten strukturelle Reformen, die auch sozial natürlich die Ukraine betreffen werden. Das wird dazu führen, dass Gaspreise steigen für die Endverbraucher, usw. Und das wäre wiederum problematisch für eine Regierung, die solche Maßnahmen durchsetzen muss. Gerade davor hatte sich Janukowitsch ja gesträubt, solche Reformen durchzuführen, weil er wußte, dass das sehr schwierig werden kann politisch.

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