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10 März 2014, 22:01

Griechenland fordert wegen Kriegsverbrechen Geld von Deutschland

Griechenland fordert wegen Kriegsverbrechen Geld von Deutschland
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STIMME RUSSLANDS Bundespräsident Gauck hat die Griechen um Verzeihung gebeten. Dabei geht es um Taten, die gut 70 Jahre zurückliegen. Während des Zweiten Weltkrieges hat die deutsche Wehrmacht über hundert Dörfer zerstört und ihre Bewohner getötet. Griechenland fordert bis heute dafür vergeblich eine Entschädigung. Darüber hat Hendrik Polland mit Christoph Schminck-Gustavus gesprochen. Er war Professor für Rechtsgeschichte an der Universität Bremen und hat die Vernichtung des Dorfes Lingiades dokumentiert.

Wie sehr beeinflussen die Gräueltaten das jetzige Verhältnis zwischen den Deutschen und den Griechen, auch wegen der aktuellen deutschen Rolle Forderungen zur mehr Sparsamkeit und den Diskussionen um ein neues Hilfspaket für Griechenland?

Dazu muss man bedenken, dass Griechenland ökonomisch am Boden liegt. Da sind entsetzliche Verhältnisse inzwischen eingetreten. Durch die Rentenkürzungen hat es eine weite Verarmung der Mittelschicht gegeben. Da werden Krankenhäuser geschlossen. Da stehen Ärzte und Krankenschwestern auf der Straße. Da werden Medikamente gesammelt, um dieses allgemeine Not zu lindern. Vor diesem Hintergrund hat die Forderung nach Rückzahlungen, beispielsweise des Besatzungskredites der Griechenland auferlegt worden ist, eine hohe Brisanz. Es gibt auch die Frage der nicht erfolgten Reparationsleistungen und Entschädigungen. Das sind Dinge, die in Griechenland plötzlich sehr in den Vordergrund gerückt sind.

Deutschland hat nach einem Vertrag von 1960 Reparationen in Höhe von 115 Millionen D-Mark gezahlt.

Was ein außerordentlich kleiner Betrag ist. Der nur wenigen Opfern, insbesondere den jüdischen, zugutegekommen ist.

Welcher Schadenersatz ist nach Ihrer Meinung noch offen?

Das was Deutschland in London verhandelt hat, nämlich die Zurückstellung aller Reparationen bis zum Abschluss eines Friedensvertrages, das ist ein sehr geschickter Schachzug gewesen, weil damals von einem Friedensvertrag überhaupt keine Rede sein konnte. Da herrschte Kalter Krieg. Als dann schließlich mit dem Zwei + Vier-Vertrag ein Ersatz-Friedensvertrag geschlossen war, da haben dann griechische Opfer versucht, gegen die Bundesrepublik zu klagen. Die hat sich aber auf das Prinzip der Staatenimmunität berufen. Das ist auch von dem Gerichtshof in Den Haag anerkannt worden. In dem Urteil wird immerhin in der Urteilsbegründung offengelassen, ob es nicht doch angemessen sei, dass zwischen den Staaten diese Reparationsfrage neu diskutiert wird. Was da angemessen sein mag, da will ich keine Zahl in den Raum stellen. Offensichtlich sind diese Beträge inzwischen in so astronomische Höhen geklettert, dass das gar nicht ginge, das nachträglich zu bezahlen. Aber dass es Gesten geben muss, dass die griechische Not gelindert werden muss von einem reichen Land wie der Bundesrepublik, das steht für mich außer Frage.

Sie haben vor mehr als 30 Jahren angefangen, zu den Massakern der Wehrmacht in Griechenland zu recherchieren. Warum ist in Deutschland davor kaum von diesen Taten zu hören gewesen?

Das Thema deutscher Kriegsverbrechen ist lange in der historischen Forschung nicht weiter bearbeitet worden. Da hat es kaum Informationen gegeben, was auf dem Balkan geschehen war. Als ich vor dreißig oder fünfunddreißig zum ersten Mal in Griechenland war, wusste ich selber darüber fast gar nichts. Ich bin durch Freunde in Griechenland auf diesen Ort Lingiades aufmerksam gemacht worden.

Warum hat man diese Taten nicht bearbeitet?

Manchmal hat es schon Ermittlungen gegeben. In den 60er Jahren beispielsweise hat die deutsche Botschaft von griechischen Stellen Unterlagen bekommen über Verhöre, die unmittelbar nach dem Krieg in Griechenland durchgeführt wurden über deutsche Kriegsverbrechen. Die sind lange in Griechenland liegengeblieben. Dann hatte sie die Botschaft erhalten. Dann hat sie die Botschaft an das Außenministerium in Bonn weitergeleitet. Dann sind sie nach Ludwigsburg an die zentrale Stelle zur Ermittlung von NS-Verbrechen gegangen. Von da an die jeweils zuständigen Staatsanwaltschaften. Das war alles ein sehr langer Weg. Die Zeugenaussagen, die waren dann auf Griechisch. Die mussten erstmal offiziell übersetzt werden. Das ist alles eine lange Geschichte gewesen. Als dann die Staatsanwaltschaften angefangen haben zu ermitteln, da waren viele der Täter bereits gar nicht mehr am Leben beziehungsweise haben sie, soweit sie vernommen wurden, alles abgestritten.

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