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11 März 2014, 21:37

Alleinerziehende werden zu Familien zweiter Klasse degradiert

Alleinerziehende werden zu Familien zweiter Klasse degradiert
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STIMME RUSSLANDS Mehr als zwei Millionen Kinder wachsen mittlerweile in Deutschland mit nur einem Elternteil auf. Das gefährdet oft ihre späteren Aufstiegschancen. Denn viele Alleinerziehende sind vom sozialen Abstieg bedroht. Die Politik lässt sie dabei im Stich.

Deutschland hat immer mehr Alleinerziehende. 90 Prozent davon sind Frauen. Gleichzeitig haben sich die Bedingungen für sie in den vergangenen zehn Jahren verschlechtert. Das ist das Ergebnis der neuesten Studie der Bertelsmann-Stiftung zu deren aktueller Lebenssituation. Dabei geht es um eine Reihe von Nachteilen, bestätigt Miriam Hoheisel vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter.

"Die Kombination zwischen nicht ausreichender Kinderbetreuung und schlecht bezahlten Frauenberufen führt dazu, dass Alleinerziehende oft von ihrer Arbeit nicht leben können. Das kommt bei ihnen erschwerend zusammen."

Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs, stellt die Bertelsmann-Stiftung fest. Alleinerziehende sind systematisch benachteiligt durch den jetzt existierenden rechtlichen und familienpolitischen Rahmen. Sie arbeiten in den meisten Fällen Vollzeit, haben aber eine kleineres Einkommen, wegen schlechter bezahlter Jobs und Steuernachteile. Anette Stein, verantwortlich für die neue Studie sagt:

"Mit ein wesentlicher Grund ist das Steuersystem, was wir haben und was dazu führt, dass Alleinerziehende ähnlich wie Singles besteuert werden. Das heißt, dass enorme Abzüge da sind, was Steuern und auch Sozialversicherungsbeiträge angeht. Im internationalen Vergleich steht Deutschland am schlechtesten da. Also 18 Prozent gehen monatlich weg von den Einnahmen und das ist bei niedrigen Einkommen natürlich besonders schlimm. Unsere Studie zeigt zum Beispiel, dass von den 40 Prozent Alleinerziehenden, die Hartz IV beziehen, allein 30 Prozent Aufstockerinnen sind. Die gehen einer regulären Erwerbstätigkeit nach, verdienen aber so wenig, dass sie dann noch zusätzliche Unterstützung vom Staat bekommen."

Verglichen mit Paaren und ihren Kindern fallen Alleinerziehende fünf Mal häufiger unter Hartz IV. Die Quote liegt dabei in Sachsen-Anhalt am höchsten, in Bayern am niedrigsten. Bundesfamilienministerin Schwesig will den Ein-Eltern-Haushalten steuerlich helfen und den Entlastungsbetrag erhöhen. Grundlage ist dann die Zahl der Kinder. Das klappt aber nur kurzfristig, meint Miriam Hoheisel. Langfristig braucht es einen Systemwechsel. Die Familienbesteuerung mache Unterschiede nach der Familienform. Je höher das Einkommen, desto höher die Entlastung. Das stufe Alleinerziehende zu Familien zweiter Klasse herab, so Hoheisel weiter. Wovon am Ende die Kinder am meisten betroffen sind. Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter ist deshalb wie die Bertelsmann-Stiftung für eine andere Herangehensweise:

"Wir müssen zu einem System, was Kinder direkt fördert. Durch eine Kindergrundsicherung und nicht indirekt über die Steuervorteile der Eltern. Damit alle Kinder gleichermaßen erreicht und gefördert werden, unabhängig davon, in welcher Familienform ihre Eltern leben welches Einkommen ihre Eltern haben."

Gleichzeitig ist die Bertelsmann-Stiftung dafür, dass sich die Regeln für den Unterhaltszuschuss verändern. Wenn ein Elternteil nicht zahlen kann, gilt er für maximal 6 Jahre. Die Kinder dürfen nicht älter als zwölf Jahre alt sein. Was zum Beispiel ein Problem ist, wenn sich Ehe-Paare erst später scheiden lassen. Auch da sehen die Stiftung und der Verband rechtlichen Nachholbedarf. Um Armut bei Ein-Eltern-Familien zu vermeiden, sind aber auch die Arbeitgeber gefragt. Der Weg Alleinerziehender von der Arbeitslosigkeit in eine Tätigkeit ist schwer, ebenso der Schritt von der Teilzeit in die Vollzeit. Miriam Hoheisel:

"Wo politischer Handlungsbedarf besteht, das ist das Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit. Was wir noch nicht haben. Es gibt ein Teilzeitbefristungsgesetz. Das heißt, es besteht der Anspruch auf Teilzeit zu reduzieren. Aber es gibt keinen Anspruch, den Weg zurückzugehen. Was für viele Mütter die meistens reduzieren, dann zur Falle wird. Also die in Teilzeit sind, erhöhen wollen aber da nicht wieder rauskommen."

Alleinerziehende haben also bisher kaum Chancen auf mehr Wohlstand. Davon sind am meisten Mütter betroffen. Die Bertelsmann-Stiftung fordert deshalb schnelle Reformen.

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