Die Redaktion der STIMME RUSSLANDS hat sich mit dem Team von RIA Novosti vereinigt und gemeinsam ein modernes Markenzeichen des 21. Jahrhunderts – SPUTNIK – gegründet. Wir setzen unseren digitalen Informationsdienst fort und werden auch weiter den hohen journalistischen Standards folgen. Besuchen Sie unsere neue Webseite!
11 März 2014, 17:07

Die Mörder vom Maidan – war da was?

STIMME RUSSLANDS Bei den gewaltsamen Auseinandersetzungen auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz zum Sturz des ukrainischen Präsidenten sind im vergangenen Monat Dutzende Menschen von Scharfschützen getötet worden. Der entmachtete Staatschef wird deswegen mittlerweile als „Massenmörder“ gesucht. Je deutlicher die Hinweise werden, dass der Schießbefehl womöglich aus den Reihen der Opposition und nicht von der Regierung erteilt worden ist, desto mehr gerieren sich die Mainstream-Medien wie die drei Affen: Bloß nichts sehen, nichts hören und nichts sagen.

In mühevoller Kleinarbeit recherchieren die Topzeitungen und führenden Investigativjournalisten des Landes, wenn es sein muss, von wem und für was ein Bundespräsident ein Bobby-Car geschenkt bekommen hat. Unter Fußabtretern von Spitzenpolitikern in Berlin wird schon einmal ein Mikrofon platziert, um möglichen Liebschaften auf die Spur zu kommen. Kosten und Mühen spielen bei den Großen der News-Branche in der Regel keine Rolle, wenn es gilt, Skandale zu enthüllen bzw. zu kreieren.

Über die Proteste auf dem Kiewer Maidan in den verganenen Monaten berichteten die Medien täglich, als die Gewalt eskalierte, gab es Sondersendungen und Live-Ticker im Internet. Das Blutbad in der ukrainischen Hauptstadt war quasi in Echtzeit weltweit zu verfolgen. In der Berichterstattung stand fest: Verantwortlich dafür ist Staatschef Janukowitsch, dessen Dementi wurde als Schutzbehauptung zurückgewiesen. Überhaupt, ist er nicht der „Diktator“ von Russlands Gnaden? Dass unter den Toten und Schußverletzten auch zahlreiche Polizisten sind, wird einfach unter den Tisch gekehrt.

Jetzt ist im Internet ein Telefongespräch zwischen Estlands Außenminister Urmas Paet und der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton veröffentlicht worden. Der Inhalt ist „heikel“ (Spiegel Online). Paet zeigt sich in dem elf Minuten langen Mitschnitt beunruhigt über die neue, von der EU und den USA getragene Führung in Kiew, also Vitali Klitschko, Arsenij Jazenjuk und Oleg Tjagnibok. Die wolle die Todesschüsse während der Proteste in Kiew offenbar gar nicht aufklären. In Kiew gebe es den Verdacht, zitiert Paet eine ukrainische Ärztin, die auf Seiten der Maidan-Aktivisten steht, dass die Schüsse auf Protestierer und Polizisten von denselben Scharfschützen abgegeben worden seien. Es gebe demnach mehr und mehr Hinweise, dass hinter den Mördern „nicht Janukowitsch, sondern jemand von der neuen Koalition“ stehe.

Die Schilderungen decken sich mit Aussagen des abgesetzten Präsidenten und von Kommandeure der damals eingesetzten Antiterroreinheiten und des Geheimdienstes. Die haben stets bestritten, tödliche Schüsse abgegeben zu haben.

Der Inhalt des Gesprächs wird von Paet in Tallinn rasch bestätigt – und mit der Anmerkung versehen: „Es ist äußerst bedauerlich, dass Telefonate abgehört werden.“ Die Veröffentlichung des Anrufs sei "kein Zufall". Lady Ashton läßt erklären, es gebe keinen Kommentar. EU und Estland prüfen, wie das brisante Gespräch an die Öffentlichkeit kommen konnte, statt mit Nachdruck darauf zu drängen, die darin erhobenen Vermutungen und Beschuldigungen zu verifizieren.

Was machen die großen deutschen Medien mit dieser Enthüllung? Ebenfalls spekulieren, wer den Mitschnitt ins Netz gestellt hat – die Russen natürlich, soviel ist rasch klar, ohne dass es dafür einen Beleg gibt, vor allem aber: ohne dass es eigentlich eine Rolle spielt. Der Inhalt wird chronistenpflichtmäßig vermeldet, wenn überhaupt – ARD und ZDF schweigen sich selbst dazu aus. Statt die Mörder vom Maidan zu jagen, zählt die Masse der Ukraine-Korrespondenten lieber Uniformierte ohne Hoheitsabzeichen auf der Krim.

Das Münchner Wochenmagazin „Focus“, nach eigenen Angaben zuständig für „Fakten, Fakten, Fakten“, bügelt glatt: „Verschwörungstheorien haben Tradition im Reich von Präsident und Ex-Geheimdienstchef Wladimir Putin, der selbst einst KGB-Offizier war. Moskaus Geheimdienste gelten seit Sowjetzeiten als Meister im Spinnen von Intrigen.“ Und der Hamburger Spiegel setzt dem „Brandstifter“ Putin nach.

„Bild“-Kolumnist Vitali Klitschko kann sich sicher sein, nicht mit Fragekatalogen zu den Maidan-Morden bombardiert zu werden. Der neue Regierungschef Arsenij Jazenjuk reist diesbezüglich sicher ohne Sorgen zu US-Präsident Barack Obama oder zur Nato nach Brüssel. Julia Timoschenko läßt sich zwischen PR-Terminen mit Spitzenpolitikern aus aller Welt in der Berliner Charité therapieren, ohne kritische Nachhaken oder ein Mikro unterm Kopfkissen fürchten zu müssen – sie ist dahingehend fein raus, als sie zum Zeitpunkt des Blutbades noch inhaftiert war. Auch die Faschisten um Oleg Tjagniboks „Swoboda“-Partei und der Chef des „Rechten Sektor“, Dmitri Jarosch, können ruhig schlafen. Ihre Männer leiten die „Untersuchung“ – eine internationale, unabhängige Kommission, wie sie der russische Außenminister Sergej Lawrow fordert, lehnt das neue Regime in Kiew strikt ab.

Warum „Nein“ zu einem internationalen Investigativteam, wenn man nichts zu fürchten hat? Warum drängen EU und USA, OSZE oder Nato nicht darauf, sicher zustellen, dass die neuen Machthaber in Kiew kein Blut an den Händen haben? Wer das fragt, läuft Gefahr als Russenknecht oder Putin-Freund ins Aus gestellt zu werden. 

Die Linke, größte Oppositionspartei im Bundestag, lehnt die von Entwicklungshilfeminister Gerd Müller angekündigte Verdoppelung der Ukraine-Mittel ab. „Entwicklungsgelder dürfen für die geostrategische Auseinandersetzung mit Russland nicht missbraucht werden", erklärt die Abgeordnete Heike Hänsel. „Die Linke fordert, die finanzielle Zusammenarbeit mit der Ukraine auszusetzen, solange Nazis an der Regierung beteiligt sind und die Verantwortung für die Schüsse der Scharfschützen vom Maidan nicht durch eine internationale Kommission zweifelsfrei geklärt werden konnte«, so die entwicklungspolitische Sprecherin der Fraktion. Gute Presse kann sie dafür nicht erwarten.

  •  
    teilen im: