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16 März 2014, 14:14

Die Schweizer Schriftstellerin mit der russischen Seele

Die Schweizer Schriftstellerin mit der russischen Seele
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STIMME RUSSLANDS Hélène Richard-Favre ist eine Schweizer Schriftstellerin, deren Bücher mehr als in der Schweiz in Russland veröffentlicht werden. Im Rahmen des Projektes „Swiss Made in Russia“ von ProHelvetia stellte die Russlandbegeisterte ihr Buch „Istorii niotkuda/Nouvelles de nulle part“ in Sankt Petersburg und Moskau vor. Unsere Reporterin Aline Misar unterhielt sich mit der Schriftstellerin über ihr Schaffen und ihre Faszination für Russland.

Hélène Richard-Favre ist nicht nur eine Schriftstellerin, sondern auch eine Bloggerin. Auf ihrem Blog analysiert sie, nicht als Politikerin sondern als normale Bürgerin und eben auch als Autorin, die politischen Geschehnisse in Russland. Ihre Bücher wurden, bevor sie überhaupt in der Schweiz erschienen sind, ins Russische übersetzt. Dieses außerordentliche Interesse für Russland hat die Westschweizerin schon früh gepackt, wie sie mir erzählte.

„Beides kommt aus meiner Jugendzeit. Als ich 16 oder 17 Jahre alt war, habe ich mich plötzlich für die Kultur, für die Musik und die Literatur zu interessieren begonnen. Ich wollte unbedingt Russisch studieren, deshalb habe ich mich in der Literaturfakultät in Genf eingeschrieben. Zu jener Zeit musste man drei Fächer nehmen. Damit ich also Russisch studieren konnte, nahm ich auch noch Deutsch und Französisch. Immer schon hat mich die russische Kultur und Sprache mehr beeindruckt. Nach einigen Jahren konnte ich diese Studien aber nicht mehr weiterführen, weil ich keine Arbeit damit finden konnte. Deshalb habe ich leider unterbrochen. Es ist durch meine Bücher, die auf Russisch übersetzt worden sind, bin ich wieder mit Russland in Kontakt gekommen. Und das war erst sehr viel später nach meinem Studienunterbruch.“

Dass ihre Bücher zuerst in Italien, Russland und Georgien verlegt wurden, bevor man sie dann auch in der Schweiz, dem Heimatland von Richard-Favre, publizierte, ist schon eher ungewöhnlich. Warum genau das so ist, ist für Richard-Favre selbst nicht einfach zu deuten.

„Es ist schwierig zu erklären. Es ist so, dass das erste Buch „Nouvelles de personne“ in Torino, Italien, verlegt worden war auf Französisch, weil es in Torino eine französische Tradition gibt, die sehr stark geblieben ist. Aber trotzdem ist es Italien. Dann habe ich viel geschrieben und ich habe gedacht, ich muss arbeiten, arbeiten, bevor ich mich als Schriftstellerin fühle. Anfangs 2000 habe ich eine russische Linguistin und auch Übersetzerin getroffen, die gerade aus Moskau in der Schweiz angekommen war. Sie hat mein erstes Buch gelesen und es hat ihr sehr gefallen und sie hat mir dann sofort vorgeschlagen, das Buch zu übersetzen. Sie hat dann einen Verlag in Moskau gefunden und so wurden meine Geschichten auf Russisch übersetzt und in Moskau publiziert. Ich bin mit diesem Verlag weiter in Kontakt geblieben und habe dann meine nächsten Geschichten vorgestellt. Der Verlag war einverstanden, diese weiter zu übersetzen und zu publizieren. Indessen habe ich auch in der Schweiz jemanden gesucht, der meine Geschichten publizieren könnte. Aber immer hat man mir gesagt, dass vom Lektorenkomitee nicht alle einverstanden seien. Also bin ich halt mit meinem russischen Verlag immer so weiter gegangen. Dann wurden meine Geschichten auch in Georgien vorgestellt und auch auf Englisch übersetzt. 2009 traf ich mich dann endlich mit einem Schweizer Verlag, der einverstanden war und der interessiert war, das ganze zweisprachig, englisch-französisch, zu publizieren.“

KORR.: Warum es so lange gedauert hat, auch in der Schweiz Fuß zu fassen, erklärt sich Richard-Favre weiter noch damit, dass ihre Geschichten vielleicht nicht den Zeitgeist der Schweiz treffen. Sie sagt von ihren Geschichten selber, dass sie ungewöhnlich sind und dass es dafür ein spezielles Publikum braucht. In Russland gibt es darüber hinaus eine lange Tradition der Novellen, wie es Richard-Favres Geschichten auch sind, die in der Schweiz ihrer Meinung nach vielleicht ein bisschen weniger stark ausgeprägt ist. Um was es in ihren Geschichten im Buch „Nouvelles de nulle part“ – „Nachrichten von nirgendwo“ zu Deutsch – überhaupt geht, war das nächste, was sie mir erzählte.

„Diese Geschichten sind psychologischer als die früheren. Sie sind auch ein bisschen länger und ich gehe mehr in die Tiefen des Unbewusstseins und in die Tiefen der Beziehungen zwischen den Menschen und in das Dunkle im Menschen. Es lehnt sich ein bisschen an Dostojewski an, sagte man mir. Auf einigen Seiten zeige ich verschiedene Lebenslagen, in denen sich dramatische Situationen entwickeln, aber mit sehr wenigen Wörtern. Es ist mir immer sehr wichtig, nicht zu viel zu zeigen, damit der Leser selber auch fühlen und erraten kann. Es sind normale Lagen des Lebens, die jeder von uns erlebt, aber wovon man vielleicht nicht gerne spricht, weil es schwierig oder nicht angenehm ist. Aber es gibt auch Humor und Ironie im Buch, weil wenn es so dunkel ist, braucht es auch ein wenig Humor.“

KORR.: Dostojewski, an den ihre Geschichten ein wenig erinnern, ist auch ihr Lieblingsschriftsteller aus Russland, nebst Tschechow und Pasternak. Ihr gefällt, dass er die menschliche Seele von einer nicht angenehmen Seite zeigt. Er schreibt über den menschlichen Kampf zwischen Leben und Tod und für Richard-Favre ist es faszinierend, wie man dabei erkennt, dass vollkommen banale Alltagssituationen plötzlich einen ganz anderen Sinn bekommen können und sich auf eine ganz unerwartete Weise entwickeln. Apropos Situationen, die sich auf eine unerwartete Weise entwickeln: Wie schon gesagt, ist Richard-Favre ja auch eine Politbloggerin und deshalb sind die aktuellen Geschehnisse in der Ukraine natürlich von großer Wichtigkeit für sie. In der Schweiz wie auch in Russland wird sie eingeladen, um an Diskussionsrunden zu diesem Thema teilzunehmen. Dabei vertritt sie als eine Person aus dem Westen eine verständnisvolle Position für Russland.

„Im Westen sind alle Medien gegen Russland. Das ist schrecklich. Als ich in Russland angekommen bin, haben mich alle Leute gefragt, warum man so schlecht über Russland spricht in ihren Medien. Es ist so, weil einfach jede Seite ihre eigenen Argumente hat und man weiß so gar nicht, was richtig ist und was nicht. Es ist alles sehr schwierig und nicht angenehm. Bei allem was ich zurzeit in den Medien verfolge, beobachte ich, dass Russland sehr unifiziert ist. Die Leute sind patriotischer als bei uns. Man kann natürlich immer auf die Geschichte verweisen, aber es ist noch etwas anderes. Es ist ein großes geopolitisches Interesse dahinter. Man hat mich in der Schweiz zum Radio eingeladen zu einer Diskussion mit dem schrecklichen Titel „Ist Wladimir Putin ein Diktator?“. Es hängt viel von der politischen Seite ab. Ich habe dann natürlich viel dagegen argumentiert und habe gesagt, dass solche extreme Standpunkte nicht hilfreich sind. Am Schluss hat man mir gesagt, dass das Publikum mit mir vollkommen einverstanden war. Das heißt, viele Leute in der Schweiz sind enttäuscht, dass die Medien so schlecht über Russland schreiben. Das heißt, dass das Publikum mehr und mehr nicht mehr mit den Journalisten einverstanden ist, aber die Journalisten sind sehr gegen Russland.“

Das war die Schweizer Schriftstellerin und Bloggerin Hélène Richard-Favre im Gespräch mit unserer Reporterin Aline Misar.

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