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25 März 2014, 14:25

Viel Lärm um die Krim bei totalem Schweigen zum Kosovo

Viel Lärm um die Krim bei totalem Schweigen zum Kosovo

STIMME RUSSLANDS Was wird Russland nach der Unabhängigkeitserklärung der Krim und deren Eingliederung nicht alles vorgeworfen: Militärinvasion auf der Schwarzmeerhalbinsel, Völkerrechtsbruch, Großmachtstreben und Säbelrasseln. Groß ist die Aufregung im Westen über das Vorgehen Moskaus dieser Tage. Total ist das Schweigen über das eigene Agieren vor 15 Jahren in Jugoslawien. Die großen Medien und die etablierten Parteien in Deutschland haben an den Beginn des Nato-Überfalls am 24. März 1999 und die anschließende Loslösung des Kosovo auf ihre eigene Weise erinnert: gar nicht.

Der traurige Jahrestag wird hierzulande einfach ignoriert. Keine Nachricht über Gedenkverstanstaltungen, kein Feature über die Kriegsfolgen, kein Interview mit Befehlshabern oder Bombardierten von einst. Nichts. Eine Suche bei google.news ergibt Treffer bei der "Tiroler Tageszeitung" und der "jungen Welt". Die in Berlin ansässige "Tageszeitung" ist der Friedensbewegung verbunden.

Das kollektive Totschweigen der großen Blätter, der führenden Internetportale und TV-Anstalten ist geradezu beängstigend. Dabei hat der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder im Zuge der Krim-Krise doch gerade erst eingeräumt, dass das damalige Vorgehen „völkerrechtswidrig“ war. In seiner Amtszeit waren erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder deutsche Soldaten zum Töten abkommandiert worden. „Tornado“-Piloten assistierten in den Nato-Verbänden beim Angriff auf Schulen, Krankenhäuser, Wohnhäuser und Brücken. Und auch Militäreinrichtungen.

Das russische Vorgehen auf der Schwarzmeerhalbinsel sei ein Verstoß gegen das Völkerrecht, urteilte der Altkanzler am 9. März auf einer Matinee der Wochenzeitung "Die Zeit" in Hamburg. Mit einem erhobenen Zeigefinger solle man aber vorsichtig sein, „weil ich es selber gemacht habe“, so Schröder. Für das, was gegenwärtig auf der Krim passiere, sei das Kosovo „die Blaupause“. In beiden Fällen handele es sich „formal“ um einen Verstpß gegen die Uno-Charta.

Der Unterschied im praktischen Vorgehen ist indes gewaltig: Die Nato hatte seinerzeit 2.300 Luftangriffe gegen Jugoslawien geflogen. 22.000 Tonnen Sprengstoff waren bei der „humanitären Intervention“ eingesetzt worden, zudem 1.300 Marschflugkörper und 37.000 Streubomben. Letztere zum Beispiel im Stadtzentrum von Nis. Serbischen Behördenangaben zufolge sind damals rund 1.000 Soldaten getötet worden – und bis zu 2.500 Zivilisten, darunter 89 Kinder. Tausende weitere Bürger des Balkanlandes wurden verletzt. Die Schäden der „humanitären Intervention“ werden auf 30 bis 100 Milliarden Dollar geschätzt. In Belgrad konnten sie zum Teil bis heute nicht behoben werden, weil die Mittel fehlen.

Man mag Russlands Präsident Wladimir Putin nach dem Coup auf der Krim vieles vorwerfen, ein Kriegsverbrecher muss er deswegen im Gegensatz zu den 1999 in Berlin, Paris, London, Madrid, Brüssel und Washington Verantwortlichen nicht genannt werden. Anders als Gerhard Schröder, Jacques Chirac, Tony Blair, José Maria Aznar, Javier Solana, Bill Clinton und einige andere ist er kein Fall für Den Haag.

Im Gegensatz zu den Kriegsverantwortlichen haben die Überfallenen, Serbien und Montenegro (früher Jugoslawien) an den Beginn des Nato-Krieges vor 15 Jahren erinnert. In der serbischen Hauptstadt Belgrad hat das „Belgrader Forum für eine Welt der Gleichen“ unter Leitung des früheren jugoslawischen Außenministers Zivadin Jovanovic zu einer Konferenz mit Friedensaktivisten und Antiimperialisten aus aller Welt eingeladen. Mit einem Gedenkgottesdienst ist für die Opfer der 78tägigen Nato-Angriffe gebetet worden. Hinter dem Sitz des Rundfunksenders RTS wurde ein Park zu Ehren von 16 serbischen Mitarbeitern eröffnet, die bei gezielten Bombardements getötet wurden.

Serbiens Präsident Tomislav Nikolic reiste demonstrativ in die Kleinstadt Varvarin im Zentrum des Landes. Nato-Kampfflugzeuge hatten dort am 30. Mai 1999 eine Brücke bombardiert. Zehn Zivilisten wurden bei zwei Angriffen ermordet, 17 weitere verletzt. Bis heute habe er keine „ehrlichen Entschuldigungen für das gnadenlose Bombardement“ gehört, klagte Nikolic. Und an den Westen und die ihn totschweigenden Medien gerichtet: „Erwarten Sie nicht von mir, dass ich vergesse, was bei der 78 Tage und Nächte andauernden Aggression vor 15 Jahren gegen unser Land angerichtet wurde.“

Im Gegensatz zu den deutschen Medien haben die in Russland angemessen ausführlich an den Beginn des Krieges um das Kosovo erinnert. Wahrscheinlich auch deshalb werden die Kollegen in Moskau von den Kriegsalzheimer-Journalisten hierzulande als „Propagandisten“ des Kreml diffamiert. Wie aber soll man da deren Krim-Berichte ernst nehmen?

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