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19 September 2014, 22:02

Aktionstag der Muslime gegen Hass und Unrecht: "Wir dürfen nicht hinnehmen, dass der Islam missbraucht wird!"

Aktionstag der Muslime gegen Hass und Unrecht: "Wir dürfen nicht hinnehmen, dass der Islam missbraucht wird!"
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STIMME RUSSLANDS Ein bundesweiter Aktionstag, initiiert von den deutschen Islamverbänden, gegen Hass und Gewalt will zeigen, dass der Islam eine friedfertige Religion ist und Muslime in Deutschland oft ausgegrenzt werden. Zu dem Aktionstag unter dem Motto "Muslime stehen auf gegen Hass und Unrecht" hatte der Koordinationsrat der Muslime (KRM) aufgerufen, dem der Zentralrat der Muslime (ZMD), die türkisch-islamische Union Ditib, der Islamrat und der Verband der islamischen Kulturzentren (VIKZ) angehören. Daniela Hannemann hat bei Ali Kizilkaya vom KRM nachgefragt, was hinter der Aktion steht.

Herr Kizilkaya, die bedeutendsten muslimischen Organisationen in Deutschland haben heute zu einem Aktionstag gegen Rassismus, Hass und Unrecht aufgerufen. Was genau bezwecken Sie mit diesem Vorhaben und welche Aktionen sind geplant?

In den letzten Wochen und Tagen haben in Deutschland fünf Anschläge auf Moscheen stattgefunden, die uns Muslime sehr verunsichert haben. Und deshalb wollten wir gegen Hass und Unrecht, nicht nur gegen Moscheen, sondern gegenüber allen Gotteshäusern, seien es Kirchen, Synagogen oder Moscheen, aber auch gegen alles andere Unrecht, das gegen Menschen stattfindet, aufstehen, auch gegen Gruppen, die sich vermeintlich muslimisch nennen und Gewalt anwenden, die mit der Religion nicht vereinbar sind. Da wollten wir aufstehen und unsere Stimme erheben und wollten die Gesellschaft aufrufen, mit uns gegen Hass und Unrecht einzutreten.

Und was wird genau passieren heute, bzw. was hat schon stattgefunden?

Also wir haben in allen unseren Moscheen, die dem KRM angeschlossen sind, Aktionen durchgeführt, wo in den Freitagsgebeten und in allen Moscheen, die unter Berücksichtigung unseres Mottos stehen, Predigten gehalten worden sind. In neun Moschee-Gemeinden, also zentralen Stellen, wurde dann ein Rahmenprogramm veranstaltet, das heißt im Anschluss zum Freitagsgebet haben wir Ehrengäste eingeladen aus der Politik, Wissenschaft und Kirche, die dann jeweils eine kurze Rede gehalten haben, dann hat ein Vertreter des KRM gesprochen und ein Friedensgebet wurde gesprochen. So haben wir den Tag begangen, nach unserem Motto.

Jetzt gab es in Deutschland das Verbot der IS und das Vorgehen gegen Salafisten, die sich militant verhalten haben. Wie sehen Sie das Problem von radikal-islamischen Strömungen in der deutschen Gesellschaft, und ist es überhaupt so ein großes Problem, wie es gerade scheint?

Es gibt natürlich überall das Problem des Extremismus. Ich würde das Attribut Islam da gar nicht mit erwähnen. Es gibt Gruppen, die Religion missbrauchen, und das dürfen wir nicht so hinnehmen, und das nehmen wir auch nicht so hin, denn der Islam, den wir leben, den wir verstehen, ist eine Religion des Friedens, und jede Religion hat sich zum Ziel gesetzt, den Menschen Glück und Heil zu bringen, und wer Unglück und Unheil bringt, der bewegt sich außerhalb der Lehre.

Das heißt, Sie versuchen mit diesem Aktionstag auch darauf aufmerksam zu machen, dass Sie friedfertig sind?

Selbstverständlich, nicht nur dass wir friedfertig sind, sondern dass der Islam selbst eine Religion des Friedens ist, und marginale und extreme Gruppen dürfen nicht die Deutungshoheit gewinnen oder an sich reißen, und da haben wir als Muslime unsere Stimme erhoben.

Wie sieht denn das aus, also die sogenannten Islamisten bzw. Radikalen oder Extremen in Deutschland: wie formieren die sich, haben Sie einen Einblick in diese radikalen Strukturen in Deutschland oder geht das ganze Geschehen eher an Ihnen vorbei, weil die sich im Untergrund organisieren?

Also, solche Gruppierungen haben in den Moscheen eigentlich kaum einen Platz und finden auch keinen Platz. Die organisieren sich eher außerhalb der Moscheegemeinden, und ich bin der Meinung, dass diese Jugendlichen in solche Kreise abdriften, passiert nicht allein aus religiösen Gründen. Im Gegenteil: Religion spielt eigentlich nur eine untergeordnete Rolle, da sind andere soziale und soziologische Gründe eher ausschlaggebend, dass sie im Leben gescheitert sind und sich einen Ersatz suchen und dafür dann die Religion missbrauchen.

Das wäre jetzt im Grund auch meine nächste Frage gewesen, weil es ja immer wieder diesen Vorwurf gibt, dass der Islam an sich eine aggressive Religion sei, und dass sich diese Menschen deshalb so verhalten. Auf der anderen Seite gibt es auch wiederum, was sie gerade betont haben, die These, dass man sagt, da muss die Politik mehr ran bzw. die Gesellschaft etwas machen, um diese Leute aufzufangen und nicht durch alle Raster fallen lassen. Wo stehen Sie in diesem Diskurs?

Ja, genauso ist es, denn diese Jugendlichen, die gehen ja dieser Gesellschaft verloren, das sind ja keine Jugendlichen, die unseren Moscheegemeinden verlorengehen, sondern sie gehen der Gesellschaft verloren und werden zu einer Bedrohung für uns alle. Und, wie gesagt, es sind nicht die religiösen Gründe, am Anfang erst gar nicht religiöse Gründe, da muss die Politik selber Lösungen finden, das ist nicht allein die Aufgabe von Religionsgemeinschafte,n da ist die ganze Gesellschaft gefordert. Wie und was man machen kann, ist eher eine Frage für sich. Da können eher Psychologen und Soziologen etwas dazu sagen, jedenfalls müssen wir alle in der Gesellschaft uns fragen, warum überhaupt Jugendliche abdriften, ob wir als Gesellschaft unserer Verantwortung gerecht werden. Für mich ist es wichtig, dass man die Religion dafür nicht missbrauchen darf, und dass, wenn man das Islam-Attribut bei diesen Gruppen anwendet, man denen auch einen Gefallen tut, weil man sie als richtige und wahre Muslime darstellt. Wo sie dann Genugtuung finden, und damit tut man dem Frieden keinen Dienst.

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