Die Redaktion der STIMME RUSSLANDS hat sich mit dem Team von RIA Novosti vereinigt und gemeinsam ein modernes Markenzeichen des 21. Jahrhunderts – SPUTNIK – gegründet. Wir setzen unseren digitalen Informationsdienst fort und werden auch weiter den hohen journalistischen Standards folgen. Besuchen Sie unsere neue Webseite!
16 Oktober 2014, 18:16

Ein Spaziergang durch das "deutsche" Moskau

Herunterladen

STIMME RUSSLANDS Moskau mit „deutschen Gesichtszügen“ soll am 17. Oktober bei der Präsentation des Reiseführers „Mein kleines Moskau. Berühmte Deutsche in der russischen Hauptstadt“ im Deutsch-Russischen Haus Moskau vorgestellt werden. Es ist der erste Reiseführer durch die Hauptstadt, der Moskau über die Tätigkeit der Russlanddeutschen erschließt, dessen Wahlheimat Russland war. Die Herausgeberin des Buches, die Moskau-Forscherin und Journalistin Natalja Leonowa, hat im Gespräch mit unserer Korrespondentin Jelena Sokolowa von der Idee dieses ungewöhnlichen Sammelbandes erzählt:

Vor ca. fünf Jahren begann ich, den Wwedenski-Friedhof in Moskau ausführlich zu untersuchen, der auch der Deutsche Friedhof heißt. 80 Prozent der dort Begrabenen sind deutscher Abstammung. Diese Menschen weckten mein Interesse. Überhaupt interessierten mich Ausländer in Moskau, die einst hier gelebt haben und in unserem Lande spurlos in Vergessenheit geraten sind, obwohl sie Großes geleistet haben in Kunst, Bildung, Medizin, Bauwesen usw. Danach machte ich mit dem Deutsch-Russischen Haus Moskau Bekanntschaft. Sie zeigten großes Interesse an der Herausgabe eines solchen Reiseführers.

Er berichtet nicht einfach über Deutsche in Moskau. Das Buch hat einen originellen Inhalt: die Wanderung durch Moskau ist in neun Wanderwege gegliedert, von denen jeder mit ausführlichen Karten illustriert ist. Damit man in den Straßen der Stadt leichter Objekte findet, ist jedes mit einer genauen Adresse und einem Foto versehen: Es sind Banken, Kaufhäuser, Kirchen, Mietshäuser, Forschungs- und Bildungseinrichtungen, Hotels u. a. m.

Die Beschreibung jedes Objekts umfasst drei Epochen: die vorrevolutionäre, sowjetische und die moderne. Außerdem haben wir Personalien von gut 100 Deutschen mit einer detaillierten und genauen Schilderung ihres Lebens und Wirkens in Moskau in das Buch aufgenommen. So kann man das Buch mitnehmen und auf diesen Wanderwegen spazieren gehen.

Ich rechne damit, dass es vom Deutsch-Russischen Haus Moskau auf Deutsch herausgegeben wird, damit nicht nur die Russlanddeutschen, die in Russland leben und Russisch können, durch "ihr" Moskau bummeln und etwas Neues erfahren können, sondern auch diejenigen, die aus Deutschland kommen - ich glaube auch für sie wäre es interessant. Wenn ich etwa nach Wien oder Berlin käme, würde ich sehr gern durch die Straßen meiner Landsleute bummeln. Durch das "russische" Wien, das "russische" Berlin. Und ich würde ihre Persönlichkeiten dann neu entdecken.

Für wen ist das Buch noch gedacht?

Das Buch ist auch für die Moskauer gedacht, die nicht mal ahnen, dass Menschen deutscher Nationalität mit diesen Häusern zu tun haben. Beispielsweise nehmen in russischen Musikschulen alle Kinder Etüden von Goedicke durch, keiner macht sich aber Gedanken darüber, dass Alexander Goedicke deutscher Herkunft ist, dass ein Großvater von ihm Organist der Kirche des Heiligen Ludwig von Frankreich und sein Vater ebenfalls Organist war, dass Alexander Goedicke selbst der Gründer unserer russischen Orgelschule war.

Ferner gibt es in Moskau z. B. ein prächtiges Haus am Sretenski-Boulevard, das Gebäude der Versicherungsgesellschaft "Rossija"; in allen Reiseführern wird erwähnt, dass es vom Architekten Nikolai Proskurin errichtet wurde. Es kam aber heraus, dass der Chefarchitekt der Petersburger Baukünstler deutscher Abstammung Alexander von Hohen war, von dem der berühmte Palast der Primaballerina Matilda Kschessinskaja in Petersburg stammt. Es gibt auch viele andere Persönlichkeiten, die für die Moskauer zu einer Entdeckung werden könnten.

Ihre zweite Zielgruppe sind Menschen, die deutsche Vorfahren haben und erst jetzt, in der sogenannten neuen Zeit nach der Perestroika, Interesse an ihrer Geschichte in Russland gezeigt haben. Warum gerade jetzt?

Weil man zu Sowjetzeiten das (die eigene Abstammung) nur ungern erwähnte, viele hatten aus Angst vor Repressalien den Familiennamen gewechselt. Aus den zahlreichen Reiseführern durch die Hauptstadt wurden deutsche Namen gestrichen. Denn Deutsche wurden lange ziemlich negativ bewertet: der Erste und der Zweite Weltkrieg hatten bei unseren Bürgern eine höchst negative Meinung von Deutschen gebildet. Besonders komisch ist, dass dies alles sich ausgerechnet auf eine Nation bezieht, zu der wir im Laufe der langen Geschichte die meisten Verbindungen unterhielten, unter Peter I. wie unter Katharina II., auch die Zarenfamilie Romanow hatte in der Regierungszeit von Nikolaus II. 80 Prozent deutsches Blut.

Wie verlief Ihre Recherche?

Sie kostete viel Mühe. Ich musste bei jedem einzelnen Objekt in zehn Quellen nachschlagen, Angaben überprüfen, da alles sehr fragmentarisch war: hier ein Stückchen, dort noch eins. Auch für mich selbst wurde die Arbeit an diesem Buch zur Entdeckung. Beispielsweise begann ich mit der Beschreibung eines Hauses und des Architekten, von dem es erbaut wurde, dann kam heraus, dass in ihm ein anderer Architekt gewohnt hat, Peter-Friedrich Heiden (1700-nach 1749), der in Moskau die erste steinerne Woskressenski-Brücke über den Fluss Neglinka gestaltet hat. Dasselbe trifft auf Fjodor Schechtel zu, eigentlich Franz Schechtel.

Unzählige Ausländer kommen nach Russland, um seine Werke zu sehen. Schechtel gilt als der König des Moskauer Jugendstils. Von ihm stammen einmalige Bauwerke wie der Jaroslawski-Bahnhof, das Gebäude des Moskauer Künstlertheaters, die Stadtvilla des Unternehmers Stepan Rjabuschinski und von Sinaida Morosowa, aber auch zahllose andere Bauten. Das erste Theater mit En-Suite-Betrieb wurde wiederum von dem Deutschen Fjodor Korsch eingerichtet; auch die Höheren Kurse für Frauen, an denen Frauen Hochschulabschluss machen konnten, wurden von einem Deutschen gegründet, Wladimir Guerrier.

Zu Sowjetzeiten gehörte zu den Altvätern der elektrotechnischen Forschung Karl Krug, der lange der Moskauer Energiehochschule vorgestanden hat. Außerdem gab es Bankiers, Architekten, Musiker und Dichter. Marina Zwetajewa und Alexander Blok etwa hatten auch deutsche Vorfahren: Blok väterlicher- und Zwetajewa mütterlicherseits.

Wie meinen Sie, was war und ist an unserer Stadt für Deutsche attraktiv?

Moskau war auch sonst dafür bekannt, dass Ausländer immer wieder und irgendwie wellenartig hierher strömten, und zwar gern, der eine aus freien Stücken, der andere auf Einladung. Hier konnte man ein eigenes Geschäft gründen, sich bereichern. Die letzte große Einwanderungswelle aus Deutschland nach Russland gab es gerade Mitte des 19. Jahrhunderts. Man kam mit Familien, wie etwa Ferdinand Theodor von Einem, der Gründer der weit bekannten Süßwarenfabrik "Roter Oktober", oder die Mehlkönige Erlanger. Darunter gab es viele Millionäre, die hier nicht nur Geld verdienten, sondern auch karitativ tätig waren: Sie bauten Schulen, Gymnasien, Altenheime, Armenhäuser.

Die assimilierten Deutschen liebten ihre neue Heimat so sehr, dass sie in ihre Werke möglichst viel Russisches aufzunehmen suchten und nur selten gotische Züge anwendeten, wie Schechtel. Insbesondere wurde die größte und bedeutendste Kathedrale in Russland, die Christi-Erlöser-Kirche, von dem Deutschen Konstantin Thon in der russisch-byzantinischen Bauweise errichtet. In der Regel waren sie katholisch oder evangelisch. Nur ein kleiner Teil von ihnen konvertierte zum orthodoxen Glauben.

Dabei bauten sie orthodoxe Kirchen. Auch waren die Beziehungen zwischen uns und der deutschen Nation, wie zwischen nahen Verwandten, im Laufe unserer ganzen gemeinsamen Geschichte bald wärmer, bald kühler. Das ist aber in Ordnung zwischen einander wirklich nahe stehenden Menschen. Im Hinblick auf das aktuelle politische Geschehen gibt es wieder einige Differenzen. Ich hoffe aber, dass sie vorübergehend sind.

  •  
    teilen im: