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10 November 2014, 20:29

Bund der Vertriebenen: Neuer Präsident für mehr Verständigung

Bund der Vertriebenen: Neuer Präsident für mehr Verständigung
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STIMME RUSSLANDS Der Bund der Vertriebenen hat einen neuen Präsidenten. Bernd Fabritius ist der Nachfolger von Erika Steinbach. Er will in ihre Fußstapfen treten, sie füllen und gleichzeitig neue Wege gehen. Über mögliche neue Perspektiven hat Hendrik Polland für die STIMME RUSSLANDS mit Bernd Fabritius gesprochen.

Der BdV erinnert an das Schicksal der 12 bis 14 Millionen Deutschen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges vertrieben worden sind oder flüchten mussten. Die meisten von Ihnen leben heute nicht mehr oder sind älter als 70. Welche Aufgaben übernimmt der BdV heute noch?

Fabritius: Der BdV steht nicht nur für die ersten Vertriebenen, sondern in ihnen sind auch die Spätaussiedler vereint. Das sind die Deutschen aus Ländern wie Rumänien, Polen, aber auch den Nachfolgestaaten der GUS. Aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Gruppe der Deutschen sind sie in Folge des Zweiten Weltkrieges durch einen sogenannten stillen Vertreibungsdruck, durch Entrechtung und einen Assimilationsdruck vertrieben worden sind. Der BdV steht aber genauso für einen Brückenschlag zu unseren Nachbarländern, zu unseren Herkunftsgebieten. Ich denke, dass es im 21. Jahrhundert an der Zeit ist, offenen Fragen durch einen konstruktiven Dialog zu klären und so an einem in Frieden und Freundschaft zusammenlebenden Europa mitzuwirken.

Polland: Das Verhältnis des Bundes der Vertriebenen gilt vor allem mit Polen als gestört. Grund sind Äußerungen Ihrer Vorgängerin Erika Steinbach. Das waren zum Beispiel Statements über Ex-Außenminister Bartoszewski und die Ablehnung eines Polenbeitritts in die EU, 1991. Wie unbelastet treten Sie dieses Amt im Umgang mit Polen an?

Fabritius: Ich bin sicher, dass ich in Polen nicht als Feindbild belastet bin. Ich habe es auch in der Vergangenheit sehr bedauert, dass sich der Dialog aus Polen sehr oft in eine Feindbildpflege gegen eine konkrete Person erschöpft hat. Ich denke, dass die Positionen des BdV schon immer klar waren. Selbstverständlich gibt es keinerlei Grenzfragen. Selbstverständlich wird Polen und die aktuelle europäische Staatenordnung ohne jeden Abstrich akzeptiert. Selbstverständlich steht der BdV zu den Verbrechen, die Nazi-Deutschland begangen hat. Es ist an keiner Stelle daran auch nur ein Strich zu relativieren. Das alles ist allerdings auch keine Entschuldigung für die folgenden Verbrechen der Vertreibung. Wir sind strikt gegen eine Kollektivschuld und dagegen, dass ganze Zivilgesellschaften einer bestimmten Region aufgrund ethnischer Kriterien vertrieben werden. Was das für tragische Auswirkungen hat, erkennen wir auch in der heutigen Zeit. Wenn ich den Terror des islamischen Staates als Terrororganisation sehe, der ganze Landstriche entvölkert, dann zeigt sich, dass ein erhobener mahnender Zeigefinger gegen Vertreibungen in der modernen Zeit nach wie vor wichtig ist.

Polland: Es soll eine Zusammenarbeit mit den deutschsprachigen Minderheiten in Ost- und Südosteuropa geben. Welcher Art soll die Zusammenarbeit sein?

Fabritius: Es ist uns ein ganz wichtiges Anliegen, zum Beispiel unsere Kultur zu pflegen, sie als Schatz zu begreifen, und in die Zukunft zu tragen. Das ist auch wichtig, um zum Beispiel die selbstempfundene kulturelle Identität unserer Landsleute auch in den Herkunftsgebieten zu sichern. Ganz konkret meine ich zum Beispiel die Sicherung von muttersprachlichem Unterricht, dort wo unsere Landsleute heute noch zu Hause sind. Das ergibt sich im Übrigen auch aus der Verpflichtung, aus der Charta zum Schutz von Minderheitensprachen des Europarates, die in allen Herkunftsgebieten ratifiziert worden ist, in denen wir gelebt haben. Diese Charta muss heute beachtet werden.

Polland: Kinder und Enkelkinder engagieren sich nicht mehr automatisch in den Verbänden des BdV. Sie sagen, dem müsse man entgegenwirken. Womit wollen sie vor allem die Jüngeren ansprechen?

Fabritius: Ich denke, gerade bei jungen Menschen kommt es gut an. Um in deren Diktion zu sprechen: Es ist modern und hip, eine eigene Kultur zu haben und darin aufzugehen. Ich denke, das ist ein Beitrag gegen ein Abgleiten in die Anonymität in einer globalisierten Welt. Wir stellen gerade bei der ersten und zweiten Nachfolgegeneration fest, dass ein reges Interesse gerade an den Gegebenheiten unserer Herkunftsgebiete besteht. Das ist völlig Vorteilsfrei und unbelastet. Deswegen denke ich, ist es gerade für junge Leute ein Brückenschlag in eine Zukunft.

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