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20 November 2014, 19:31

Sorbische Jugendliche von Neo-Nazis angegriffen

Sorbische Jugendliche von Neo-Nazis angegriffen
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STIMME RUSSLANDS Bei den letzten Landtagswahlen in Sachsen ist die NPD zwar aus dem Landtag geflogen. Doch fremdenfeindliche Gedanken bleiben trotzdem bestehen. Seit einigen Monaten haben es Nazis auf sorbische Jugendliche abgesehen. Sie greifen sie auf Festen und nach Diskobesuchen an. Die sorbische Gemeinschaft ist alarmiert. Hendrik Polland im Interview mit dem Chef des sorbischen Dachverbandes Domowina, David Statnik.

Zwischen 1937 bis nach dem Zweiten Weltkrieg war es Sorben verboten, in der Öffentlichkeit und in der Schule sorbisch zu sprechen. Auch zu DDR-Zeiten sollen Sorben in Gaststätten und auf der Straße angepöbelt worden sein. Welche Dimension haben die jetzigen Angriffe auf sorbische Jugendliche?

Die jetzigen Angriffe sind Straftaten. Es sind Körperverletzungen, teilweise Fälle von psychischer Gewalt. Im Konkreten ist es so, dass eine Gruppe oder mehrere Gruppen von ungefähr 15 Jugendlichen unsere sorbischen Veranstaltungen besucht. Man muss wissen: Die Sorben, die in der Lausitz leben, haben eine sehr rege Kulturlandschaft. Wir haben ein sehr gutes Vereinswesen. Wir haben sehr viele Aktivitäten. Auf diesen Veranstaltungen sprechen die Menschen natürlich sorbisch. Das steht ihnen laut Brandenburger und sächsischer Verfassung auch zu. Diese Gruppe operiert in der Hinsicht, dass sie sich diese Jugendlichen aussucht und sie versucht zu provozieren. In diesem Zusammenhang ist es auch schon zu Handgreiflichkeiten gekommen.

Es ist die Rede von einer Serie von Angriffen. Daneben sollen sorbische Namen auf Ortschildern und Wegweisern übersprüht worden sein. Die Täter sollen teilweise vermummt auftreten und sich gezielt sorbenfeindlich äußern. Gab es vorher schon Angriffe von Nazis auf Sorben?

Das konzentriert sich sehr stark auf ein Gebiet, das primär katholisch geprägt ist. In diesen Dörfern gehen wir von ungefähr 80 bis 90 Prozent sorbisch sprechenden Menschen aus. In diesen Orten verzeichnen wir ab dem Frühjahr, spätestens ab Mai, relativ chronologisch diese Überfälle, die direkte Präsenz. Wobei es hier auch bei diesen Angriffen zu Vermummungen kam, was die ganze Ermittlung erschwert. Darüber hinaus gab es in letzter Zeit auch Fälle von Überschmierungen. Da gab es gerade im Mai eine größere Attacke, die relativ flächendeckend auf zweisprachige Ortsschilder ausgerichtet war. Um sich das zu verdeutlichen: In der Lausitz, da wo das Siedlungsgebiet der Sorben ist, haben wir eine zweisprachige Beschilderung. Das heißt, sorbische und deutsche Beschriftungen. Alle sorbischen Beschriftungen wurden flächendeckend überschmiert. Darüber hinaus kommt es schon seit geraumer Zeit zur Schändung von Kruzifixen. Die direkten Zusammenhänge von diesen drei Sachen sind: Einerseits die Schändung der Kruzifixe, zum anderen die Überschmierung der Schilder und zum Dritten die direkten Angriffe. Diese drei Sachverhalte müssen wir natürlich ganz klar trennen. Da gibt es nach wie vor keinen bewiesenen Zusammenhang. Aber es ist durchaus vorstellbar, das ist jetzt eine reine Hypothese, dass es auf einen gleichen oder ähnlichen Täterkreis hindeutet. Ganz klar ist für uns zu erkennen: Die Tendenz ist stark steigend. Diese Fremdenfeindlichkeit führt in diesem Zusammenhang auch zu Angst unter unseren Jugendlichen.

Nur um das auszuschließen: Die Vermummten haben es vor allem auf jugendliche Sorben abgesehen. Welche Fakten sprechen dagegen, dass es sich nicht um den Kampf zwischen rivalisierenden Gruppen handelt?

Wir sind ein ländliches Gebiet, in dem man sozial relativ gekräftigt ist. Trotzdem kann es dazu kommen, dass es Reibereien unter Jugendlichen gibt. Sowas wird es immer geben, das ist klar. Das sind oft Dinge, die auf einer persönlichen Ebene ablaufen. Organisiertes Handeln in unseren Jugendgruppen gibt es erst einmal nicht, also dass man von organisierten Schlägereien spricht. In diesem Fall ist es so, dass eine Gruppe, die für unsere Veranstaltungen relativ extern ist, versucht uns einzuschüchtern. Die tritt auch mit der dementsprechenden Symbolik auf, das heißt mit Thor Steinar-Pullovern oder -T-Shirts. Ich gehe davon aus, dass es sich hier um keinerlei Rivalität handeln kann, da es unsererseits keine Provokationen gab. Auch die Jugendlichen, mit denen ich darüber gesprochen habe, meinten, dass das nicht der Fall ist. Das heißt, hier wird keine Rechnung beglichen. Hier geht es um eine Gruppe von Jugendlichen, die es auf einzelne Personen absieht. Das hat nichts mehr mit rivalisierenden Gruppen zu tun.

Die Polizei ist alarmiert. Sie hat eigens wegen der sieben bekannten Fälle eine Sonderkommission gegründet. In Sachsen ist das operative Abwehrzentrum der Polizei für Extremismus zuständig. Gestern hat es in Bautzen Gespräche zwischen Ihnen und dem Chef des OAZ, Bernd Merbitz, gegeben. Wie geht die Polizei gegen die Täter vor?

Die Polizei ist stark sensibilisiert. Es handelt sich hier nicht nur um Körperverletzungen und Straftaten im Rahmen von Gewaltdelikten, sondern vor allen Dingen auch um politische Äußerungen. Wenn ich einen Jugendlichen als „Sorbenschwein“ bezeichne, der sorbisch spricht, der sich auch dazu offen bekennt, dann ist das ganz klar eine rechtsgerichtete Äußerung. Dann ist das Fremdenfeindlichkeit. Das hat die Polizei so erkannt. Sie möchte nun die Polizeipräsenz stärken und dadurch mithelfen, diese Übergriffe zu unterbinden.

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