Die Redaktion der STIMME RUSSLANDS hat sich mit dem Team von RIA Novosti vereinigt und gemeinsam ein modernes Markenzeichen des 21. Jahrhunderts – SPUTNIK – gegründet. Wir setzen unseren digitalen Informationsdienst fort und werden auch weiter den hohen journalistischen Standards folgen. Besuchen Sie unsere neue Webseite!
23 Dezember 2014, 14:50

Islamismus-Sympathisanten: „Zwischen Unvernunft und Abenteuerlust“

Islamismus-Sympathisanten: „Zwischen Unvernunft und Abenteuerlust“
Herunterladen

STIMME RUSSLANDS Die wöchentlichen Pegida-Demonstrationen in Dresden machen seit Wochen Schlagzeilen in Deutschland. Was treibt die Menschen auf die Straßen? Was bedeutet diese „Mixtur aus Angst, Zorn und Vorurteil“? Diese und weitere Fragen stellten wir an Dirk Halm, Professor an der Universität Münster und Mitarbeiter am Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen.

Man müsste sich fragen, ob es islamistische Trends in Europa gibt. Öffentliche Wahrnehmung und das, was tatsächlich in den islamischen Communities passiert, sind unterschiedliche Dinge. Klar ist, dass es den Jihad-Tourismus gibt, der von den islamischen Communities ausgeht in Richtung des islamischen Kulturkreises. Wir müssen eine neue Qualität dieser Entwicklung feststellen. Inwiefern das auf wachsenden Islamismus in den westlichen Gesellschaften schließen lässt, sei dahin gestellt.

Wie würden Sie das Gefahrenpotential der selbsternannten Schützer des Abendlandes einschätzen?Manche sagen, Pegida sorgt für erheblichen Zündstoff.

Was die PEGIDA angeht, ist diese Bewegung zum Glück sehr wenig profiliert. Ich halte PEGIDA für problematisch. Es gibt zwar keine soziologischen Befunde darüber, wer bei PEGIDA tatsächlich auf der Straße steht. Aber man spricht darüber, dass die Islamskepsis bzw. die Islamfeindlichkeit sich in Richtung der Gesellschaftsmitte bewegt. Ich halte das schon für plausibel. Das hat auch was mit der Entwicklung Neuer Medien zu tun.

Mit den neuen Möglichkeiten, sich öffentlich zu äußern, scheinen auch Hemmschwellen gefallen zu sein. Nicht zuletzt hat Klaus Baade, ein berühmter Migrationsforscher aus Deutschland, in einem Buch darauf hingewiesen und diese Mechanismen herausgearbeitet. Es ist einfacher geworden, den eigenen Ressentiments gegen Fremde und gegen den Islam freien Lauf zu lassen. In bestimmten gesellschaftlichen Milieus wird dadurch die Ausgrenzung anderer Religionen gesellschaftsfähiger.

Möglicherweise zeigt sich das in Pegida. Auf muslimischer Seite sehe ich bislang relative Gelassenheit, weil diese Entwicklung sehr wenig profiliert und sehr wenig pointiert erscheint. In Deutschland leben vier Millionen Menschen muslimischen Glaubens. Nur eine verschwindend geringe Minderheit davon sympathisiert mit islamistischen Positionen. Diese Minderheit ist so klein, dass wir sie makrosoziologisch nicht untersuchen können.

Es handelt sich weitestgehend um eine junge Gruppe ohne festgefügte Glaubens- und Wertorientierungen. So gibt es dann unter den sehr vielen muslimischen Jugendlichen einige wenige, die mit radikalen Positionen sympathisieren. Die Gründe dafür liegen irgendwo zwischen Unvernunft, Abenteuerlust und eingebildeten oder tatsächlichen Glaubensüberzeugungen.

Bei Pegida bin ich mir nicht sicher, inwiefern Islamfeindlichkeit sich in die bürgerliche Mitte bewegt hat. Wenn das so wäre, wäre das bedrückend und problematisch. Darüber hinaus sehe ich eine breite, nicht richtig verbalisierte und nicht richtig reflektierte Unzufriedenheit mit irgendwelchen Verhältnissen, die die Leute auf die Straße treibt. Wenn die Politik diesen Forderungen nicht nachgibt, sehe ich allerdings eine geringe gesellschaftliche Wirksamkeit von Pegida.

Wir haben in Deutschland seit 15 oder 20 Jahren glücklicherweise einen politischen Konsens darüber, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Die Bundesrepublik war es eigentlich seit ihrer Gründung immer. Inzwischen ist das in der Breite des politischen Spektrums anerkannt. Die bürgerlichen Parteien – CDU/CSU – sind positiv herauszuheben, weil sie sich zu Beginn der 2000er Jahre ganz klar auf diese Erkenntnis eingelassen haben.

Das hätte durchaus anders laufen können. Sie hätten aus taktischen Gründen versuchen können, den rechten Rand stärker abzufischen. Das ist nicht passiert. Die Folge davon sind solche Erscheinungen wie die AfD, vielleicht auch die Pegida. Aber gerade die bürgerlichen Parteien haben sich der Realität nicht verweigert und ihre Verantwortung für die Gestaltung des Einwanderungslandes Deutschland wahrgenommen. Beispielsweise wurde die Deutsche Islamkonferenz ins Leben gerufen, um den Islam als neu hinzugekommene Religion zu verankern. Das ist eine große integrative Leistung. Diesen Weg geht der deutsche Staat gemeinsam mit den Muslimen und dieser Weg ist nach meiner Überzeugung nicht mehr umkehrbar, völlig unabhängig von der Pegida oder der AfD.

Wir sehen, dass die Sprachintiative der CSU auf große Ablehnung gestoßen ist und zurückgenommen wurde. Es ist darin zu erkennen, dass wir ein hohes Maß an Sachlichkeit in der Debatte erreicht haben. Denn solche absurden Forderungen wie die absolute Negation der eigenen Herkunft werden gar nicht damit verwechselt, dass man Menschen eingliedern und qualifizieren muss.

Die deutsche Öffentlichkeit kann das gut auseinanderhalten und eine bestimmte Reife wurde hier im Diskurs erreicht. Die Assimilationsforderung wird hier vernünftigerweise von niemandem mehr wirklich erhoben. Wenn wir z.B. die Türkischstämmigen betrachten, das ist die größte Gruppe aus einem muslimischen Herkunftsland. Wir haben große Studien, die belegen, dass es Sozialintegrationserfolge gibt. Der Nachholbedarf ist zwar besonders groß, aber der Aufholprozess geht rasant.“

  •  
    teilen im: