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11 Dezember 2009, 12:02

Wozu Hitler 1941 den USA den Krieg erklärte

Keiner von den Beschlüssen Adolf Hitlers gilt für derart strittig und rätselhaft wie die plötzliche Kriegserklärung Deutschlands an die Vereinigten Staaten. Das geschah am 11. Dezember 1941. Genau fünf Tage nach dem Beginn der Gegenoffensive der Roten Armee bei Moskau.

Keiner von den Beschlüssen Adolf Hitlers gilt für derart strittig und rätselhaft wie die plötzliche Kriegserklärung Deutschlands an die Vereinigten Staaten. Das geschah am 11. Dezember 1941. Genau fünf Tage nach dem Beginn der Gegenoffensive der Roten Armee bei Moskau. Und vier Tage nach dem japanischen Überfall auf den amerikanischen Marinestützpunkt Pearl Harbor. Nach wie vor blieb England unbesiegt. Der Blitzkrieg gegen die UdSSR war gescheitert. Die besetzten Länder waren unzuverlässig. Dabei bürdet sich Hitler einen neuen Feind auf, der über ein mächtiges wirtschaftliches und militärisches Potential verfügt. Wozu? Die Meinungen führender Experten präsentiert in seinem Beitrag Doktor der Geschichtswissenschaft Sergej Guk.
Fürs erste lohnt es sich, den offiziellen Text der Kriegserklärung kennenzulernen, der von dem Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop unterschrieben wurde.
„Nachdem die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika von Ausbruch des durch die englische Kriegserklärung an Deutschland vom 3. September 1939 heraufbeschworenen europäischen Krieges an alle Regeln der Neutralität in immer steigendem Maße zugunsten der Gegner Deutschlands auf das Flagranteste verletzt, sich fortgesetzt der schwersten Provokationen gegenüber Deutschland schuldig gemacht hat, ist sie schließlich zu offenen militärischen Angriffshandlungen übergegangen.
Am 11. September 1941 hat der Herr Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika öffentlich erklärt, daß er der amerikanischen Flotte und Luftwaffe den Befehl gegeben habe, auf jedes deutsche Kriegsfahrzeug ohne weiteres zu schießen. In seiner Rede vom 27. Oktober ds. Js. hat er noch ausdrücklich bestätigt, daß dieser Befehl in Kraft sei. Gemäß diesem Befehl haben seit Anfang September ds. Js. amerikanische Kriegsfahrzeuge deutsche Seestreitkräfte systematisch angegriffen…
Die Reichsregierung stellt daher fest: Obwohl sich Deutschland seinerseits gegenüber den Vereinigten Staaten von Amerika während des ganzen gegenwärtigen Krieges streng an die Regeln des Völkerrechts gehalten hat, ist die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika von anfänglichen Neutralitätsbrüchen endlich zu offenen Kriegshandlungen gegen Deutschland übergegangen. Sie hat damit praktisch den Kriegszustand geschaffen.
Die Reichsregierung hebt deshalb die diplomatischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten von Amerika auf und erklärt, daß sich unter diesen durch den Präsidenten Roosevelt veranlaßten Umständen auch Deutschland von heute ab als im Kriegszustand mit den Vereinigten Staaten von Amerika befindlich betrachtet.
Unterschrift: Ribbentrop 11 Dezember 1941“
Soll man der nationalsozialistischen Staatsspitze Vertrauen schenken, so war es gerade der US-Präsident Roosevelt, der das Reich buchstäblich zum Äußersten getrieben hat, indem er es zu Kampfhandlungen provozierte. Haben die amerikanischen Streitkräfte tatsächlich den Befehl bekommen, eine Jagd auf deutsche Wasserfahrzeuge zu eröffnen? Der Historiker und Diplomat Walentin Falin, einer der kompetentesten Experten für den Zweiten Weltkrieg, bestätigt: doch, das haben sie. Aber der Befehl lautete nicht überfallen, sondern die eventuellen Angriffe seitens der Deutschen abbiegen. Es hatte für die Amerikaner keinen Sinn, nazistische Schiffe ohne jeglichen Grund zu versenken. Hier liegt ein üblicher Kniff der Nazis vor, die Tatsachen zu fälschen und zu verdrehen. Berlin brauchte einen Anlaß, und der wurde erfunden. Aber die Frage, wozu es Deutschland brauchte, das sich ohnehin bis zum geht nicht mehr in den Krieg verstrickt hatte, bleibt offen.
Der deutsche Forscher Sebastian Haffner in seinem Buch „Selbstmord des Deutschen Reiches“ bleibt ebenfalls um eine überzeugende Lösung des Rätsels verlegen. Hitler, schreibt er, hat gewußt, daß er überhaupt keinen Krieg gegen Amerika führen konnte. Während er für alle übrigen Kriege bis ins Detail ausgearbeitete Pläne hatte, gab es für den Krieg gegen Amerika nichts ähnliches: weder einen Plan der Operationen noch die Analyse des Generalstabs. Dies hatte folgenden Grund: Mit den Waffen, die Deutschland besaß, konnte es sich an Amerika noch weniger als an England heranwagen. An einen Einfall in das amerikanische Gebiet war gar nicht zu denken. Auch die deutschen Bombenflugzeuge konnten Amerika nicht erreichen. Man konnte nur die Außmaße des U-Boot-Krieges vergrößern. Es bestand kein unmittelbarer Anlaß zur Kriegserklärung. Unfaßbar.
Es gibt Nachweise dafür, daß die Strategie der Staatsspitze des Reichs bis zum Ende 1941 nicht auf die Entfesselung, sondern auf die Verhinderung einer bewaffneten Auseinandersetzung mit den USA gerichtet war. Der Historiker Saul Friedländer führt in seinem Werk „Auftakt zum Untergang – Hitler und die USA“ Auszüge aus einem Gespräch Ribbentrops mit seinem italienischen Amtskollegen Graf Galeazzo Ciano an. Das Gespräch fand nach dem Abschluß des Berliner Pakts zwischen Deutschland, Italien und Japan am 27. September 1940 statt. Ribbentrop war der Meinung, daß „die Unterzeichnung des Paktes mit Japan vielfache Vorteile sowohl gegenüber Rußland als auch Amerika biete, daß sich letzteres angesichts der drohenden japanischen Flotte nicht rühren wird“. Ciano teilte nicht seinen Optimisums wegen der „antiamerikanischen Ausrichtung“ des Dokuments: Washington würde danach „noch enger mit den Engländern zusammenarbeiten“.
Es gibt auch andere Versionen. Der Historiker Guntram von Schenk glaubt, Hitler habe gewußt, daß der Krieg nicht zu vermeiden war, und wollte Roosevelt zuvorkommen (diese Ansicht vertritt auch Martin Mutschkel). Der Führer wollte sich die Hände freimachen, um deutsche Transportschiffe ungehindert versenken zu können, die aus den USA nach England und in die UdSSR geschickt wurden.
Ihr Kollege Christian Gerlach gibt eine eigene Erklärung des Unerklärlichen: Hitler stand vor der Wahl – „alles oder nichts“. Und er spielte va banque. Darüber hinaus lag es in seiner Absicht, Japan zum Überfall auf die UdSSR zu bewegen. Letztere These ist sehr gängig, sie ist beispielsweise in der umfassenden Monographie enthalten, die aus der Feder des Prof. Dr. Detlef Junker stammt: „Hitler und Roosevelt: NS-Deutschland und die USA 1933-1945“. Schließlich gibt es auch Hinweise auf die Bündnisverpflichtungen Deutschlands: Es sollte Japan unterstützen, falls es mit den Vereinigten Staaten im Kriege stehen würde. Dieses Argument ist aber fadenscheinig: im Text des Dreimächteabkommens wird nichts ähnliches erwähnt.
Sie hörten den ersten Teil der Dokumentarsendung „Wozu Hitler 1941 den USA den Krieg erklärte“. Die Abschlußsendung kommt morgen.
Willkommen zum abschließenden Teil der Dokumentarsendung „Wozu Hitler 1941 den USA den Krieg erklärte“.
Auch die nachfolgende These findet keine urkundliche Bestätigung: Hitler habe mit seiner Kriegserklärung nur den USA zuvorgekommen, die angeblich einen Angriff auf Deutschland planten. Es verhielt sich genau umgekehrt. Walentin Falin gibt Auskunft: „Roosevelt sagte zu Stalin in Teheran: Hätte Japan die Vereinigten Staaten nicht überfallen, dann hätten die USA wahrscheinlich bis 1943 im Krieg formale Neutralität gewahrt. So zu tun, als wäre Roosevelt im Jahre 1941 schon reif für einen Krieg gegen Deutschland gewesen, ist meines Erachtens wirklichkeitsfern.
Hitler selbst hat nicht erklärt, wozu er das getan hat. Kann sein, daß die Amerikaner über gewisse Dokumente zum Thema verfügen, sie sind ja im April 1945 in den Besitz der Parteikanzlei Hitlers gekommen. Aber die Amerikaner beleuchten nicht dieses Thema. Für Hitler war die Frage entschieden im Hinblick auf den Antikominternpakt, der eine Koordinierung der Aktivitäten mit Japan im Krieg nicht nur gegen die Sowjetunion, sondern auch gegen beliebige andere Feinde vorsah. Sich mit den Japanern eng verzahnen, so daß weder die eine noch die andere Seite mit den Vereinigten Staaten übereinkommen konnte: das war der erste Beweggrund.
Der zweite war, sich den Amerikanern zu ergeben, damit sie nicht zuließen, daß ganz Deutschland von der Sowjetunion erobert wurde. Smith, der damalige US-Militärattaché in Berlin, dürfte Hitler ähnliche Ratschläge gegeben haben. Sie kannten einander seit dem November 1922“.
Um aber auf den schon erwähnten Sebastian Haffner zurückzukommen: Er bekräftigt, daß Deutschland keine rechtsverbindliche Verpflichtung übernommen hatte, auf der Seite Japans in den Krieg einzutreten. Haffner hat seine eigene Version des Geschehens.
Hitlers Plan, schreibt er, war vollkommen klar: im Falle einer jähen Katastrophe hatte man dafür zu sorgen, daß Deutschland zumindest nicht ganz in die Hände des aufs äußerste gereizten Rußlands fiel, das so grausam mißhandelt wurde. Aber selbst bei der günstigsten Entwicklung konnte England kein Gegengewicht zur siegreichen Sowjetunion bilden. Doch war das zusammen mit Amerika möglich…
Um diese Zeit war Deutschland im Osten noch nicht endgültig zerschlagen. Hitler durfte noch hoffen, das zu vermeiden, und das gelang ihm auch im Winter 1941-42.
Selbst beim ungünstigsten Ausgang mußte eine Zerschlagung Deutschlands durch die Mächte des Ostens und des Westens ihre direkte Konfrontation und einen Streit um die Beute herbeiführen. Das konnte Deutschland selbst bei der Niederlage erlauben, wieder die entscheidende Rolle zu spielen. Alle diese Pläne setzten Amerikas Kriegseintritt obligatorisch voraus. Um es zu bewirken, gab es nur ein Mittel: Amerika den Krieg zu erklären. Soweit die Ausführungen Haffners.
Hier die Meinung dazu von Walentin Falin: „Der dritte Beweggrund war natürlich, daß während die USA de facto am Krieg teilnahmen, indem sie England unterstützten und uns gewisse Hilfe leisteten, es Hitler leichter fiel, die Fahne zu hissen und diesen Krieg zu eröffnen. Obwohl er sich dessen bewußt war, daß der Kampf an diesen Fronten bereits anders zu gestalten war. Und schließlich unterschätzen wir heute noch den Einfluß, den die Deutschen auf die innenpolitische Situation in den USA selbst ausübten. Gemäß den damaligen deutschen Berechnungen waren bis 40 Prozent der US-Bevölkerung Immigranten aus Deutschland oder ihre Nachkommen. Es gab einen Witz: Laßt die Amerikaner nur aufrüsten, wenn wir dort landen, rücken wir mit diesen amerikanischen Panzern ins Landesinnere der USA vor.
Natürlich rechnete man nicht damit, daß 40 Prozent der Amerikaner zu ihren Fahnen eilen würden. Man rechnete damit, daß sich einflußreiche Kreise den Deutschen anschließen würden. Nehmen wir Ford. Kurz vor Beginn des Kriegs in Europa hatte er von Hitler einen Orden für seine antisemitische Position erhalten. Als Roosevelt den Befehl über den Ausbau der Kriegsproduktion erteilte, meinte Ford zunächst, es wäre absolut nicht nötig und seine Betriebe würden dabei nicht mitmachen. Es gab in den USA ein großes Luftfahrtunternehmen, das sich weigerte, für die Luftstreitkräfte zu arbeiten, und Roosevelt befahl, es mit Truppen zu besetzen. In den USA gab es einen starken Widerstand gegen den Eintritt in den Krieg gegen Deutschland, das ist eine offene Tatsache. Die Mehrheit der Republikanischen Partei war dagegen. Die Gruppe um John Foster Dallas ebenfalls. Die Kirche war dagegen.
War es eine nazifreundliche Front? Mitnichten, sondern eine antisowjetische. Denken Sie bloß an die Botschaft von Welles im Jahre 1940. Er führte Verhandlungen mit Hitler, Göring, Heß. Das Ziel war, die Deutschen zu überzeugen, sich mit den Engländern und Franzosen zu versöhnen und eine gemeinsame Front gegen die UdSSR zu bilden. Das geschah im Februar und März 1940. Die wichtigste Bedingung der Versöhnung, bei der Roosevelt vermittelte, war, daß die Deutschen keine Offensive gegen Frankreich eröffneten.
Es handelt sich dabei zweifellos um Berechnung. Er (Hitler) war ein durchaus pragmatischer Politiker. Zugleich lag es aber auch an der Überschätzung der russophoben Stimmungen, die in den USA herrschten. Nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor nahmen sie etwas ab. Hitler hat diesen Wandel nicht mitbekommen. Möglicherweise wurde er auch von Informatoren massiv irregeführt. Etwa, die Amerikaner würden nur darauf warten, daß ihnen Hitler ein Geschäft anbietet. Und zwar von der Position der Stärke aus: Wir sind noch stark und bieten euch einen gemeinsamen Krieg gegen die Sowjetunion an. Solange ihr aber Dummheiten macht und ihr helft, erklären wir euch den Krieg. Hier liegt derselbe Denkfehler vor, den er gegenüber Großbritannien zugelassen hatte. Er überfällt Polen, England erklärt einen Scheinkrieg, zuvor sind aber die Bedingungen auszumachen, zu denen man den Krieg einstellen wird. Man erkennt dasselbe Schema.
Damals waren die Amerikaner um die evtl. Invasion der Nazis nach Lateinamerika sehr bekümmert. Sie bereiteten sich auf die Abwehr dieser Invasion vor. Und Pearl Harbor erweckte bei den Deutschen eine gewisse Illusion hinsichtlich der Kriegstüchtigkeit der Amerikaner“.
Abschließend sei die Meinung des Historikers Saul Friedländer zitiert. Hitlers Hauptfehler liegt ihm zufolge außerhalb seiner amerikanischen Politik. Er hat Rußland auf eine fatale Weise unterschätzt.

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