Die Redaktion der STIMME RUSSLANDS hat sich mit dem Team von RIA Novosti vereinigt und gemeinsam ein modernes Markenzeichen des 21. Jahrhunderts – SPUTNIK – gegründet. Wir setzen unseren digitalen Informationsdienst fort und werden auch weiter den hohen journalistischen Standards folgen. Besuchen Sie unsere neue Webseite!
17 Dezember 2014, 11:52

Wer hat Erdölpreise runtergesetzt?

Nikolaj Jolkin (rechts) im Gespräch mit Oleg Nikiforov (links) und Alexej Turbin (Mitte)

Nikolaj Jolkin (rechts) im Gespräch mit Oleg Nikiforov (links) und Alexej Turbin (Mitte)

Nikolaj Jolkin (rechts) im Gespräch mit Oleg Nikiforov (links) und Alexej Turbin (Mitte)

Oleg Nikiforov, Chef-Redakteur der Beilage in der Zeitung „Nesawissimaja gaseta“, „NG-Energie“, und Alexej Turbin, Vize-Generaldirektor der Omega Company der AG „Transheft“ (Erdöltransport).

Wer hat Erdölpreise runtergesetzt?

Nikiforov: „Die Nachfrage ist schwach wegen der Rezession in den Hauptindustrieländern, und das Angebot ist zu groß wegen der großen industriellen Revolution in den USA, die es eigentlich den Amerikanern ermöglicht hat, verschiedene Arten nicht-traditioneller Energiequellen zu erschließen: Schiefergas und andere Quellen. Und das hat dazu geführt, dass die Amerikaner jetzt weniger von den arabischen Ländern kaufen, und der Überschuss liegt jetzt auf dem Markt…

Turbin: Und außerdem ist die Nachfrage auch in Europa nicht so hoch. Dies führte dazu, dass die Öl-Preise nach unten gegangen sind... Dass die Ölpreise niedrig sind, ist ein sehr guter Ansporn für die Entwicklung der Wirtschaft, und eigentlich stimmt es damit überein, was die deutschen Experten über die Wirtschaft Deutschlands sagen. Für das nächste Jahr ist wieder ein Wachstum vorgesehen... Und Angela Merkel sagt in dem großen Interview für die „Welt am Sonntag“, dass diese Entwicklung zum ersten Mal keinesfalls Steuererhöhungen vorsieht. Das ist zum ersten Mal seit 46 Jahren. Das heißt, dass Deutschland, wenn schon nicht ganz einfach davon profitiert, aber es dennoch als positiven Faktor sehen kann, dass sich die Ölpreise auf diesem Niveau konservieren.

Nikiforov: Manche sagen, o.k., es gibt Absprachen unter den Produzenten. Andere sagen, dass ist die falsche Steuerpolitik der Regierung, die dazu geführt hat. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte...

Turbin: Da ich lange Zeit im Energieministerium (Russlands) gearbeitet habe, kenne ich eigentlich die Hintergründe – wie es vor zehn Jahren gemacht wurde. Es gab eine Liste der Chefs der wichtigsten Unternehmen, die Erdöl auf dem Lokalmarkt vermarktet haben, da kamen sie zu einer Besprechung, und der Minister, abhängig von seiner Autorität und von den Vollmachten, die er von der Regierung erhalten hatte, musste die Leute überzeugen. Wir haben Landwirtschaftsarbeiten, wir haben Schwierigkeiten mit Geld, die Bevölkerung hat Schwierigkeiten mit Geld usw. Für 99 Prozent funktionierte dieses Schema, obwohl dies mit Marktwirtschaft überhaupt nichts gemein hat. Ich bin aber damit total einverstanden, dass es gar nicht so einfach ist, dass sich die Leute bloß verabredet haben, dass wir die Preise nicht nach unten treiben, obwohl ein Barrel weniger kostet. Man muss auch in Betracht ziehen, dass in den Erdölkosten auch die Kosten der Bohrungen, die Kosten der verschiedenen Maschinerien, die aus dem Ausland nach Russland kommen, enthalten sind…

South Stream ist nicht mehr für Russland attraktiv

Nikiforov: Die Entscheidung über South Stream ist in erster Linie eine politische Entscheidung, obwohl auch wirtschaftliche Überlegungen dabei eine Rolle gespielt haben…

Turbin: Mit Serbien ist es auch sehr kompliziert. Die Republik möchte EU-Mitglied sein, und sie wird es, obwohl die Serben unsere Brüder sind, und einmal müssen sie sich doch entscheiden, auf wessen Seite sie sind… Der South Stream ist ein Ding, an dem viele Seiten das Interesse verloren haben. Erstens auf finanzieller Linie, zweitens auf der politischen Linie und drittens muss man auch die große europäische Bürokratie erwähnen…

EU-Bürokratie hat gesiegt?

Turbin: Nein, sie hat nicht gesiegt. Sie hat gesiegt gegen die Interessen von Bulgarien vielleicht, aber nicht gegen uns… Für Gazprom und für Russland ist es ein Moment des Bedenkens und einer tiefen Analyse: was und in welcher Reihenfolge wir machen sollten, wenn die Preise nicht mehr als 300 Dollar pro Tausend Kubikmeter sind. Und das wird höchstwahrscheinlich für die nächsten Jahre der Fall sein…

Nikiforov: Brüssel wollte auf jeden Fall die Ukraine als Transitland für russisches Gas nach Europa behalten. Und das war das Wichtigste. Und das war für Russland sehr kompliziert, einmal wegen wirtschaftlicher Komplikationen. 2006 und 2009 kam es zu einigen Lieferungsstopps. Wir konnten wegen der ukrainischen Position in der Preisfrage nicht regelmäßig Gas nach Europa liefern. Und zum Zweiten darf man nicht vergessen, dass, wenn wir von heute sprechen, die Ukraine am 14. August dieses Jahres ein Gesetz über Sanktionen verabschiedet hat. Und es besagt, dass sie Sanktionen gegen Russland einführen und Gas-Lieferungen stoppen können…

Reverse-Lieferungen

Nikiforov: Es gibt reelle und virtuelle Lieferungen. Was reelle Lieferungen angeht, o.k., Europa kauft unser Gas und verkauft es dann an die Ukraine. Das ist ihre Sache. Aber was virtuelle Lieferungen anbelangt: das ist in erster Linie mit diesem dritten Energiepaket eng verbunden. Und das bedeutet, dass Russland Gas an die Grenze zur Ukraine liefert, und dann entsteht die Frage: Wem gehört dieses Gas weiter? Nach russischer Vorstellung gehört es Gazprom, nach Brüsseler oder ukrainischer Vorstellung gehört es schon der Ukraine. Und das ist schon eine Gefahr für Russlaand, einfach Geld zu verlieren…

Ukrainisches Gastransportsystem

Nikiforov: Seit den 80er Jahren wurde es überhaupt nicht repariert, nicht modernisiert, und es braucht enorme Investitionen für die Modernisierung. Und da ist die Frage: woher kommt dieses Geld? Europa hat so viel Geld nicht, und Russland hat einmal angeboten, dieses System zu kaufen und gemeinsam mit Europa zu verwalten. Und die Ukraine hat abgesagt. Und deswegen ist auch ein Problem entstanden, obwohl Russland dazu bereit war…

Herunterladen

Nord Stream – eine ganz andere Geschichte

 

© Foto: ebert-pr.de

Steffen Ebert, Sprecher der Nord Stream AG: Die Nord-Stream-Pipeline transportiert seit November 2011 Gas von den russischen Quellen über Greifswald-Lubmin und die anderen Stationen in das europäische Netz. Von der Ostseeküste Deutschlands aus wird dann über die weiterführenden Landleitungen OPAL und NEL das Gas in das europäische Transportnetz eingespeist, und das Gas landet dann bei den Endverbrauchern, die vertraglich zwischen Gazprom und den jeweiligen Unternehmen in Europa gebunden sind. Das ganze Geschäft geht nicht über unseren Tisch, sondern wir sind lediglich der Transporteur des Gases.

Das dritte EU-Energiepaket

Als Transporteur ist man diesem dritten Energiepaket unterworfen, aber dadurch, dass es sich bei der Nord-Stream-Pipeline um eine Transitleitung handelt, fallen wir nicht unter diese Regularien, sondern unter diese Regularien der EU fallen dann die weiterführenden Landleitungen OPAL und NEL. Also die Nord Stream selbst hat mit dem Dritten Energiepaket nichts zu tun.

Aber OPAL ist nicht vollständig ausgelastet, zur Hälfte...

Das ist so korrekt, diese Information haben wir natürlich auch. Das beeinflusst lediglich die Transportkapazität, die aktuell durch die Nord Stream transportiert werden kann. Wir fahren derzeit mit einer etwa 65-prozentigen Auslastung. Diese Vorgaben bekommen wir von Gazprom, und wir müssen sicherstellen, dass die von Gazprom vorgegebene Maximalmenge innerhalb eines bestimmtes Zeitraums transportiert wird. Im Zusammenhang mit der OPAL kann ich eigentlich nur sagen, dass wir hoffen, dass die Gespräche, die es zwischen den Partnern gibt, hoffentlich bald zu einem fruchtbaren Ergebnis führen, und dann auch eine Lösung, die sich zu beiderseitigem Vorteil darstellt, getroffen werden kann. Aber das steht noch aus, soweit ich weiß…

Was ich sagen kann, ist, dass wir aktuell etwa 4 Millionen Kubikmeter Gas pro Stunde durch die Nord-Stream-Pipeline, also die zwei Leitungsstränge, nach Deutschland schicken… Die Zukunft der Nord Stream ist aus unserer Sicht gesichert und vertraglich klar…

Wir haben feste Verträge mit Gazprom Export auf der russischen Seite, die die Kapazitäten der Nord Stream zu 100 Prozent gebucht haben, und egal, welche Menge an Gas durch die Leitung jetzt durchgeschickt wird, und das basiert immer aufgrund der Vertragsverhältnisse und Jahreszeiten etc., den Verbrauch in der Europäischen Union, bekommen wir trotzdem ein entsprechendes Honorar für die Bereitstellung der 100-Prozent-Kapazität. Und somit ist unser Geschäftsmodell sauber abgesichert, oder auch über Jahre hin sollte das Bestand haben. Und wir wissen, dass die Nord Stream ein hochmodernes Infrastrukturprojekt mit modernster Technologie ist, auf dem höchsten Level der Technik läuft. Und wir sind angetreten, die nächsten 50 Jahre Gas über die Nord-Stream-Pipeline nach Europa zu transportieren. Und jeder, der sich ein bisschen mit dem Gasmarkt auskennt, weiß, dass das Gas in der EU benötigt wird. Die Nord Stream ist damit ein Teil zur Diversifizierung der Gastransportwege und zur Energiesicherheit der EU in den nächsten Jahren und Jahrzehnten…

Soll Nord Stream ausgebaut werden?

Das kann ich so nicht beurteilen. Ich weiß, worauf die Frage hinausläuft. Es ist bekannt, dass die Nord Stream AG vor einigen Jahren von ihren Anteilseignern aufgefordert wurde, eine Machbarkeitsstudie für eine Erweiterung der Nord-Stream-Pipeline um bis zu zwei Stränge, also es ging um einen dritten oder sogar vierten Strang, vorzulegen. Diese wurde Ende 2012 den share holders der Nordstream vorgelegt. Sie wurde diskutiert und liegt jetzt bei den Anteilseignern der Nord Stream bzw. bei den zukünftigen Anteilseignern einer neu zu gründenden Gesellschaft zur Entscheidung vor. Aber Sie können sich vorstellen, da müssen bei solch einer großen Investition, die vergleichbar ist mit der der Nord Stream, die 7,4 Milliarden Euro gekostet hat, natürlich viele Dinge abgewogen werden, und da gibt es derzeit noch keine endgültige Entscheidung…

Nikiforov: Alles hängt davon ab, ob Europa die Ziele, die gestellt wurden für 2030, diese Teilung 20-20-20-20-20-Prozent Effektivität usw., erfüllen wird. Und dann ist die Frage, auf welche Weise? Vor Kurzem wurde im „Handelsblatt“ ein Statement von Statoil, einer norwegischen Gesellschaft, veröffentlicht, dass ohne Erdgas die Erfüllung dieser Ziele ins Leere laufen wird. Das heißt, ohne Erdgas geht es nicht, und dann ist die Frage, wie viel Erdgas Europa braucht? Es gibt gewisse Ziffern, z. B. 512 Milliarden Kubikmeter für 2030. Aber Prognosen sind eine sehr unsichere Sache. Auf jeden Fall liefert Russland nicht nur direkt nach Deutschland. Es gibt z. B. einen Vertrag über Flüssiggas von Novatech nach Spanien. Es gibt schon so was. Es werden auch weitere Verträge vorbereitet. South Stream in einer anderen Form wird, wenn es gebaut wird in die Türkei, auch eine große Rolle dabei spielen…

Turbin: Ich würde doch darauf bestehen, dass wir Deutschland als Transitstaat Nummer 1 zu Nord Stream nennen, und Bulgarien als Standort dieser 921 Kilometer der Trans-Schwarzmeer-Pipeline, und das ist schon ein Unterschied. Da hat vielleicht nicht die Bürokratie, aber dieses Zusammenspiel verschiedener Interessen innerhalb der Europäischen Union schon viel mehr Platz, um diese Interessen irgendwie umzusetzen…

Nikiforov: Es ist klar, dass die EU einen gemeinsamen Markt schafft, auch für die Energie, mit dem Ziel, irgendwie das Preisniveau zu senken. Das war das Hauptziel. Ob es gelingt, wissen wir nicht, weil zurzeit praktisch nur Russland die EU großzügig beliefert. Man sagt, dass es kurzfristig ohne russisches Gas nicht geht. Mittelfristig auch nicht. Langfristig bin ich schon nicht so sicher, weil Erdgas auch vom Mittelmeer kommen könnte. Es gibt große Vorkommen bei Israel, bei Palästina... Iran kann auch mitspielen..., die USA auch… Auch wenn diese Pipeline doch von Russland in die Türkei gebaut wird, dann können wir schon sehen: es gibt verschiedene Routen, auch für kaspisches Erdgas, für iranisches Erdgas, für Erdgas aus Syrien, Irak usw., die gemeinsam nach Europa liefern…

Man darf nicht vergessen, dass sich die wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Russland und der Türkei nicht nur auf Erdgas beschränken. Sie laufen auch in andere Richtungen. Russland baut jetzt das erste Atomkraftwerk in der Türkei, und das ist sehr wichtig, weil die Türkei einen Zugang zum Atomstrom bekommt. Diese Tatsache wird eine sehr große Rolle in der Zukunftsversion der türkischen Politik spielen…

Turbin: Die Türkei ist aber in diesem Sinne eine Gefahr, das heißt, alles kann sich ändern. Aber im politischen Sinne ist das ein sehr interessanter, merkwürdiger und wohl auch ein gefährlicher Schritt…

Nikiforov: In diesem Sinne: in der Zukunft werden wir wahrscheinlich die Lieferungen von Kuwait usw., die nach Europa schon liefern, ersetzen können. Wir bauen zurzeit auf der Jamal-Halbinsel ein großes Werk für die Produktion von Flüssiggas…

Mehr zum Nachhören

Herunterladen

 

  •  
    teilen im: