23:13 05 Juli 2020
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    Gegen Staat, für Revolution: Linksruck bei den Deutschen immer stärker

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    Immer mehr Deutsche sind linksradikal bis linksextremistisch gesinnt, immer weniger halten Deutschland für eine „echte Demokratie“. Fast 20 Prozent bräuchten eine Revolution. Das ergab die neue FU-Studie unter Leitung von Professor Klaus Schroeder.

    Bei 17 Prozent der Deutschen ist ein "linksextremes Potenzial" erkennbar, sagt die neueste FU-Studie mit knapp 1400 Befragten. Eine an sich keine große Bedrohung, meinen die Autoren. Erstaunlich war für sie allerdings, dass 14 Prozent der als linkextrem Eingestuften Gewaltanwendung befürworten. „Einige Punkte haben uns sehr überrascht, andere wiederum nicht. Dass es eine starke kapitalismuskritische Tendenz in der Bevölkerung gibt, das haben wir erwartet. Dass aber die parlamentarische Demokratie so stark abgelehnt wird und dass so viele Menschen befürchten, der Kapitalismus könne sich zum Faschismus entwickeln, das hätten wir nicht erwartet“, sagt Mitautor Professor Klaus Schroeder im Interview für Sputnik-Korrespondentin Marina Piminowa. 

    Man unterscheide dabei zwischen radikal und extrem. Die Radikalen sind Schroeder zufolge diejenigen, die im Rahmen des gegebenen demokratischen Systems, im Rahmen der Verfassungswerte, das System verändern wollen, vor allem die Wirtschaftsordnung. Die findet man bei den Grünen und bei der Partei die Linke, erklärt der Professor: „Die extreme Linke will mehr – das System ganz abschaffen, die bürgerliche Gesellschaft zerstören und sie durch eine alternative Gesellschaft ersetzen.“

    Fast zwei Drittel halten demnach Deutschland für „keine echte Demokratie“. Die Skepsis und die Kritik an der Wirtschaft seien weit verbreitet, die Wirtschaftsordnung werde nicht als Garant des Wohlstands gesehen, sondern viele sehen den Staat als Garant des Wohlstandes, meint Schroeder. „Und dann kommt so was heraus, dass man argwöhnt, die Wirtschaft hat zu viel zu sagen und bedroht die Demokratie“, so der Professor.

    Pauschal auf ganz Deutschland ist die FU-Studie dabei nicht zu beziehen, weil es zum Beispiel deutliche Differenzen zwischen Ost und West gibt. „In Ostdeutschland haben wir deutlich mehr Personen gesehen, die linksradikal oder linksextremistisch eingestellt sind, auch bei der Selbsteinstufung. Die ältere ostdeutsche Bevölkerung ist ja noch geprägt vom Sozialismus in der DDR“, erklärt Schroeder. 

    Auch die Schlussfolgerung, es gebe nur noch Kritik in Deutschland, wäre falsch. Laut Klaus Schroeder verteidigen die Politiker, aber auch die Medien, die zu diesem System, zu dieser zivilen freiheitlichen Gesellschaft stehen, die Grundordnung viel zu wenig, während die Kritiker, nicht nur links, sondern auch rechts, zu viel Einfluss in der medialen Auseinandersetzung haben. „Offenbar trauen sich viele Politiker nicht zu sagen, dass die soziale Marktwirtschaft der Erfolgsgarant für Deutschland ist“, führt er weiter aus. „Sie ziehen sich stattdessen zurück und geben der Kritik dann Recht.“ 

    Die Differenzen zwischen Ost und West kommen nicht zuletzt auch in der Russland-Wahrnehmung zum Ausdruck. So gibt es in Ostdeutschland aufgrund der Vergangenheit eine viel stärkere russlandfreundliche Stimmung, auch Russlans Präsident Wladimir Putin gegenüber. Das sei im Westen laut Schroeder kaum ausgeprägt.

    Professor Schroeder gibt zu, er erwarte, dass manche Ergebnisse ernst genommen werden. „Wenn jeder Zweite das staatliche Gewaltmonopol auf jeden Fall nicht beibehalten will oder wenn viele gegen den Einfluss der Wirtschaft in der Demokratie sind, dann müssen diese und weitere Fragen ernst diskutiert werden, damit eine Grundstimmung nicht entsteht, die extremen Kräften, egal auf welcher Seite, Auftritt geben kann“, meint der Professor.

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    Tags:
    Kapitalismus, Demokratie, Klaus Schroeder, Deutschland