16:41 17 Februar 2020
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    Migrationsproblem in Europa (1282)
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    „Wir schaffen das“ darf nicht als „Wir machen die Tür auf“ verstanden werden, warnen Experten. Die Flüchtlingskrise stößt immer neue Debatten in der EU auf. Das EU-Krisentreffen zu diesem Thema am Sonntag ging mit einem 17-Punkte-Plan aus, der aber keinesfalls eine endgültige Lösung der Krise bedeutet, sind europäische Politiker offensichtlich.

    Die Vereinbarung sieht unter anderem bessere Grenzkontrollen, Unterkünfte für bis zu 100.000 Flüchtlinge und mehr Absprachen untereinander vor.  

    Unterdessen wächst parallel zu den sich häufenden Konferenzen auch die Skepsis von Experten hinsichtlich ihrer Produktivität und  Effektivität.

    Die aktuelle Flüchtlingskrise kostet Deutschland wohl zehn Milliarden Euro, lautet ein Bericht des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). „Wir schaffen das“ sei schon richtig, kommentiert der amtierende ZEW-Präsident Clemens Fuest Angela Merkels Satz. „Wir müssen uns um die Menschen kümmern, die schon hier sind, das ist gar keine Frage. Daraus folgt aber nicht, dass man die Türen einfach offen lassen und beliebig viele Zuwanderer aufnehmen kann.  Gleichzeitig muss klar sein, dass Kapazitäten der Aufnahme in Deutschland und in Europa begrenzt sind“, so Fuest im Gespräch mit Sputniknews.

    „Wir schaffen das“ dürfe also nicht als „Wir machen die Tür weit auf“ missverstanden werden. Dann wäre Deutschland schnell überfordert. Der Experte plädiert demnach für mehr Koordination und Ursachenbekämpfung auf europäischer Ebene. Letztlich müsse Europa aber auch seine Grenzen sichern,  man kann nicht jegliche Kontrolle darüber verlieren.

    Kurzfristig sei der Flüchtlingszustrom klar eine finanzielle Belastung, sagt Fuest weiter: „Das kostet natürlich Geld, Menschen zu beherbergen. Das Ganze ist wirtschaftlich gesehen eine Belastung für viele Jahre. Langfristig ergeben sich durchaus aber auch Chancen, wenn junge Leute, die zu uns kommen, ausgebildet werden.“

    Dietrich Thränhardt, Professor emeritus für Politikwissenschaft von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, sieht eine Verteilung in der Flüchtlingsfrage notwendig. „Die Grundidee ist, dass die Flüchtlinge nicht auf diese schwierige Route jetzt auch im Winter gezwungen werden, sondern dass es direkte Möglichkeiten gibt nach Europa oder nach Deutschland zu kommen. Die Grundidee, die Frau Merkel hatte, ist ja, mit der Türkei ins Gespräch zu kommen, sodass die Flüchtlinge direkt aus der Türkei kommen könnten. Aber das scheint noch ein weiter Weg zu sein“, so Prof. Thränhardt gegenüber Sputniknews.

    Vor allem komme eine Enttäuschung über einige Nachbarländer an den Tag. Zum Beispiel über Ungarn und Großbritannien. Das Letztere halte sich aus der Krise fast ganz heraus, „obwohl Großbritannien historisch eigentlich das europäische Land ist, das am meisten verantwortlich für diese Krise ist. Denn viele von diesen Ländern, aus denen Flüchtlinge kommen, waren früher britische Kolonien. Großbritannien hat den Irak im Irak-Krieg bombardiert und beteiligt sich jetzt kaum an den Hilfsmaßnahmen für die Flüchtlinge“, stellt Prof. Thränhardt fest. „Der deutsche Außenminister hat sich ja bemüht, zwischen den verfeindeten Staaten im Nahen Osten Brücken zu bauen. Aber die Lösung der Syrien-Krise ist zurzeit noch nicht abzusehen.“

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    Migranten, Dietrich Thränhardt, Clemens Fuest, Angela Merkel, Deutschland