02:31 07 Dezember 2019
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    „Lügenpresse“? - Medienexperte: „Sachlicher Journalismus wird stark vernachlässigt“

    CC BY 2.0 / Yukiko Matsuoka / Newsstand in Berlin
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    Jeder fünfte Deutsche hält die heimischen Medien für "Lügenpresse“, zeigte eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest Dimap. Nach Ansicht des Medienexperten Prof. Dietrich Ratzke geht es nicht so sehr um einen lügenden, sondern mehr um einen emotionellen Journalismus.

    „Die Lügenpresse ist zunächst einmal ein politischer Kampfbegriff, der ein Unbehagen an der Presse ausdrückt. Ein Großteil der Bevölkerung in Deutschland hat das Gefühl, da stimmt was nicht mit den Medien“, erklärt der Generalbevollmächtigte a.D. der Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Prof. Dietrich Ratzke, gegenüber Sputniknews. Er selbst sei auch sehr kritisch: „Ich habe das Gefühl, dass je mehr Medien wir haben, desto weniger sachlich wird informiert und desto mehr wird emotionalisiert. Ich bin der Ansicht, dass große Teile der deutschen Medien die klare und sachliche Berichterstattung doch stark vernachlässigen“.

    Der Begriff Lügenpresse werde als rechtsradikal  und als Unwort des Jahres bezeichnet. „Journalisten möchten natürlich nicht auf diese Weise kritisiert werden“, sagt Ratzke weiter. Und es sei nicht so, dass die deutschen Medien generell lügen, das sei eine Übertreibung. „Aber es gibt ein Unbehagen in der Bevölkerung, dass die Medien nicht so ganz das berichten, was sie eigentlich berichten müssten. Heute wird nicht berichtet in dem Sinne, was sachlich richtig ist, sondern was der Reporter für besonders attraktiv für seine Leserschaft hält. Solange man nicht zu einer klaren Trennung zwischen Meinung und Nachricht zurückkehrt, dürfte dieses Problem weiterhin bestehen“, erklärt der Medienwissenschaftler.

    Auf die Frage, ob wir uns in einem Informationskrieg befinden, antwortet der Professor mit einem überzeugten „Ja, natürlich“: „Es ist immer wieder auch das Problem, dass bestimme Grundtendenzen in der Berichterstattung plötzlich da sind, und fast alle Medien folgen diesen Tendenzen. Daraus entsteht häufig eine Art Kampagnenjournalismus“.

    Eine gute Tendenz sieht der Medienwissenschaftler im steigenden Einfluss der sozialen Medien: „ Die sozialen Netzwerke sind inzwischen die Kritiker der konventionellen Medien geworden. Zum ersten Mal ist eine breite direkte Kritik an einzelnen Artikeln und Autoren möglich geworden.“

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    Tags:
    Presse, Dietrich Ratzke, Deutschland