22:38 19 November 2017
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    Québec Maurice Duplessis

    Kirche in Kanada verdiente an 300.000 missbrauchten Kindern – Exklusivinterview

    © Foto: Comité des Orphelins victime d'abus
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    Die 40er bis 60er Jahre sind eine düstere Zeit für die kanadische Provinz Québec gewesen: Damals hatten Maurice Duplessis und die Katholische Kirche dort das Sagen. Während dieser Jahre wurden unehelich geborene Kinder in Waisenheime gesteckt. Viele wurden anschließend für geisteskrank erklärt und für medizinische Experimente missbraucht.

    Manchmal hatten solche Experimente einen tödlichen Ausgang. Außerdem wurden die Kinder als billige Arbeitskräfte benutzt, einige von ihnen auch sexuell missbraucht. Diese schweren Vergehen sind dem damaligen Premierminister der kanadischen Provinz Québec Maurice Duplessis anzurechnen, denn er war strikter Katholik und überließ das Schicksal von Armen, Alkoholikern, unverheirateten Müttern und Waisen der Kirche.

    Ein besonders schlimmes Kapitel ereignete sich, als die Katholische Kirche von Québec rund 300.000 gesunde Kinder für geisteskrank erklärte, um mehr Geld für ihren Unterhalt vom Staat zu bekommen. So landeten diese Kinder in psychiatrischen Anstalten und wurden zu Versuchskaninchen für medizinische Experimente. Viele überlebten die Grausamkeiten nicht.

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    Diese Kinder erhielten die Bezeichnung "Duplessis-Waisen". Einige von ihnen leiden bis heute an den Folgen der Misshandlungen. Die Katholische Kirche hat sich jedoch immer noch nicht für die Hunderttausende von verkrüppelten Leben entschuldigt. Heute gibt Lucien Landry, ehemaliges Waisenkind und nun Präsident des Komitees der Duplessis-Waisen, ein Exklusivinterview für Sputnik.

    "Ich konnte meine Mutter erst finden, als ich 48 geworden bin. Heute ist sie nicht mehr am Leben, aber ich habe erfahren, dass ich sieben Geschwister habe", erzählt er.

    In vielen Fällen jedoch verweigerten die Eltern ein Treffen mit den Waisenkindern, denn "einige waren schon in einer anderen Ehe". Laut Landry gab es aber auch andere Gründe dafür.

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    Lucien Landry wurde nach eigenen Worten in eine Klinik gebracht, die maximal von der Gesellschaft isoliert war. Ihm sei es gelungen zu fliehen, weil er in einem Café auf dem Territorium der Klinik gearbeitet hatte.

    "Es gab einige Waisenkinder im Alter von 16 bis 18 Jahren, die haben im Café oder in der Wäscherei gearbeitet… Ich persönlich habe in einem Café für Mitarbeiter gearbeitet, und nur deshalb ist es mir gelungen zu fliehen", so Landry.

    In der psychiatrischen Anstalt sei es nicht erlaubt worden, zivile Kleidung und Schuhe zu tragen, fügte er hinzu.

    "Wir hatten keine Schuhe, nur Socken und Strumpfhosen. Unsere Köpfe wurden rasiert. Als wir begannen für die Anstalt zu arbeiten, durften wir uns kleiden und lange Haare tragen. So konnten wir fliehen."

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    Erst nachdem es Landry gelungen sei, der Klinik im Jahre 1962 zu entkommen, konnte er "selbstständig werden und meinen eigenen Lebensunterhalt verdienen".

    Laut Alain Arsenault, einem Anwalt in Montreal, der sich mit Fällen gegen die Kirche beschäftigt, haben bis heute nur 6.000 der 300.000 Waisen ihr Recht geltend gemacht.

    "Und zu dem Zeitpunkt war es nur die Regierung von Québec, die beschlossen hat, moralische Entschädigung zu leisten. Die Kirche hat jedoch diese Initiative ignoriert", so Arsenault.

    Die Katholische Kirche von Québec hätte aber eine zentrale Rolle in diesem schwarzen Kapitel der kanadischen Geschichte gespielt und trage die Hauptschuld für die Grausamkeiten an den Kindern.

    "Die Kirche hatte einen Weg gefunden, mehr Geld mit ihren Waisenheimen zu verdienen, indem gesunden Kindern nicht existierende geistige Erkrankungen zugeschrieben wurden – dafür haben sie Subventionen vom Staat erhalten", erklärte Arsenault.

    Diese Menschen seien aber absolut gesund, was ihren Geisteszustand betrifft. Und nun wollten sie herausfinden, warum man sie so behandelt hatte.

    "Stellen Sie sich einen Erwachsenen vor, der auf einmal begreift, dass er keine Bildung erhalten hat, weil ihn jemand als geisteskrank registriert hat, weil die Kirche dafür anderthalb Dollar pro Tag für jedes Kind erhielt… Und nun müssen sie ihre gebrochene Leben betrachten", sagte der Anwalt.

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    Laut Arsenault leiden viele ehemalige Waisenkinder an Suizidgefahr und Drogenabhängigkeit. Aber der Staat und die Kirche wollen nichts damit zu tun haben.

    "Die Zeit wird vergehen, die Menschen werden es vergessen, und dann werden alle nach einander sterben, und niemand wird die Verantwortung dafür übernehmen", sagte er abschließend.

    Tags:
    Suizid, Waisenkinder, Kindermisshandlung, Katholische Kirche, Lucien Landry, Québec Maurice Duplessis, Kanada
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