20:56 24 Juni 2017
Radio
    Migranten in Freilassing

    Goldene Nase an Flüchtlingsnot verdienen Thema Sozialwohnungen immer akuter

    © REUTERS/ Dominic Ebenbichler
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Migrationsproblem in Europa (1275)
    244109657

    An der Flüchtlingskrise und der Hilflosigkeit der Kommunen, diese zu meistern, lässt sich eine goldene Nase verdienen – zumindest die Hersteller und Anbieter von Container-Siedlungen haben das bereits erkannt.

    Wie Thorsten Bullerdiek, Sprecher des niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes, in einem Sputniknews-Gespräch mitteilte, fordern sie mitunter horrende Summen dafür. „Plötzlich sind die Containerpreise auf das fünf- bis zehnfache gestiegen“, so Bullerdiek.

    Auf die Frage, ob die Kommunen dann genötigt sind, diese horrenden Preise zu zahlen, ergänzt er:

    „Im Rahmen von Ausschreibungsverfahren sehen sie ja dann, ob Preise überzeichnet sind. Man muss diese Unternehmen, die überzogene Preise verlangen, nicht auswählen, das ist auch immer unser Rat an die Kommunen.“

    Christiane Beckmann von der Organisation „Moabit hilft!“, die in den letzten Monaten vor allem vor der Zentralen Meldestelle in Berlin, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo), in der Flüchtlingshilfe aktiv war, beschreibt folgendes Szenario:

    „Ich weiß von einem Ferienwohnungsbesitzer, dass er seine Luxusmöbel rausgeräumt hat, billige Ikea-Möbel reingestellt hat und nun sechs bis acht Leute in einem Raum unterbringen möchte. Das gibt natürlich dann mehr als die Wohnung normal zu vermieten.“

    Beckmann spricht nicht von einer Flüchtlingskrise, sondern von einer Verwaltungskrise. Es habe sich niemand in den letzten Jahren um die Warnungen gekümmert, dass die Flüchtlingswelle auf Europa zurolle.

    „Es müssen Unterkünfte geschaffen werden und es muss auch eine Kontrollfunktion geschaffen werden, dass die Unterkünfte nicht menschenunwürdig sind — parallel dazu muss in den sozialen Wohnungsbau investiert werden, der sowohl den Normalbürger als auch den Flüchtling in eine Wohnung bringt.“

    Laut einer Studie des Eduard-Pestel-Institutes in Hannover fehlen in Deutschland mehr als vier Millionen Sozialwohnungen. Grund dafür ist nicht allein die Flüchtlingskrise, wie Matthias Günther, Vorstand des Institutes erklärt:

    „Das ist eine Situation, die wir vor 25 Jahren schon einmal hatten, doch scheinbar hat keiner daraus gelernt. Die Politik hat sich dafür entschieden, das Thema anders zu lösen — über das Wohngeld. Nur Wohngeld schafft keine Wohnungen, und die fehlen uns jetzt.“

    Etwa 400 000 Wohnungen müssten pro Jahr gebaut werden, um den steigenden Bedarf zu decken. Auf die Frage, warum dies bis jetzt noch nicht geschehen ist, antwortet Günther:

    „Man hat einfach in Deutschland gedacht, dass der Wohnungsmarkt, bedingt durch die Einwohnerzahl, stetig schrumpfen würde. Was unterschätzt wurde, war die Dynamik von Zuwanderungsbewegung aus dem Ausland.“

    Das Problem, das gerade in den Ballungsgebieten Wohnraumknappheit herrscht, ist nicht nur allein den Flüchtlingen geschuldet — durch die Akademisierung der Ausbildung zieht es jedes Jahr mehr Studenten in die Städte. Der Bedarf am sozialen Wohnungsbau wird damit umso akuter.

    Es ist aber leicht anzunehmen, dass die Warteschlange nach Sozialwohnungen in den nächsten Jahren noch größer wird, weil die neuen Asylsuchenden mit der Zeit ebenfalls Anspruch darauf erheben werden.

    Daniela Hannemann

    Themen:
    Migrationsproblem in Europa (1275)

    Zum Thema:

    Migranten sind keine Migranten: Neue Sprachregel im schwedischen Fernsehen
    Flüchtlingsproblem: Ein Syrer erzählt, warum viele Landsleute heimkehren
    EU: Geplagt von der Flüchtlingskrise
    Österreichs Kanzler will Rückführung von Flüchtlingen ohne Asylgrund verstärken
    Tags:
    Migranten, Thorsten Bullerdiek, Deutschland
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren