09:23 22 Februar 2020
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    Die soeben erschienene Neuauflage von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ mit kritischen Kommentaren hat die Diskussion ausgelöst, ob das „programmatische Werk“ von Nazi-Deutschland als Schullektüre geeignet ist. Nach Ansicht des Philologie-Experten Heinz-Peter Meidinger gibt es auch andere Wege, sich mit der Nazi-Problematik auseinanderzusetzen.

    „Ich bin der Auffassung, dass man sich an Hand von Originaltexten, auch NS-Texten, im Unterricht mit der nationalsozialistischen Zeit  auseinander setzen muss, ich bin aber nicht der Auffassung dass es unbedingt ‚Mein Kampf‘ sein soll“, sagte Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes und Leiter eines Gymnasiums in Niederbayern, in einem Sputniknews-Gespräch mit Matthias Witte.

    „Ich selber habe ein Exemplar zu Hause und habe das auch gelesen. Ich glaube, dass es sich nicht lohnt, sich damit auseinanderzusetzen. Ich glaube übrigens auch nicht, dass man Jugendliche damit indoktrinieren kann. Es ist eine sehr verschwurbelte Sprache, es ist gibt Texte aus der NS-Zeit, die erheblich aussagekräftiger sind und erheblich prägnanter als ‚Mein Kampf‘.“

    „Ich bin mir ganz sicher, dass jeder, der wirklich länger mal in ‚Mein Kampf‘ hineinliest, ganz sicher nicht infiziert wird, sondern eher abgestoßen wird oder gelangweilt wird von der Sprache und der Banalität bestimmter ideologischer Überzeugungen“, meinte der Experte.

    „Ich weiß nicht, ob wir im Geschichtsunterricht in Deutschland genügend Zeit dafür haben“, fügte er hinzu. „Wir haben nur eine bis zwei Stunden in der Woche Geschichtsunterricht, und davon auch noch ein paar Stunden zur Entzauberung der Sprache von ‚Mein Kampf‘ zu opfern, da ist mir eigentlich die Zeit zu schade dafür.“

    An und für sich werde der Nationalsozialismus in der Regel in Deutschland in der 9. und 10. Jahrgangsstufe behandelt, also im Alter von 14 bis 15 Jahren. In diesem Alter könnte man sich schon auch mit Hitlers Buch auseinandersetzen, so Meidinger.

    Eine „Schockwirkung“ auf die Leserschaft sei dabei nicht zu erwarten. 

    „Bei mir persönlich war das Erstaunen da, dass so ein Buch so ein Bestseller werden konnte“, äußerte er. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Leute damals die Sprache anders empfunden haben als wir heute. Es ist alles weitschweifig und verschwurbelt, es gibt viele Schachtelsätze, abgebrochene Gedankengänge…“

    „Es ist einfach schlechtes Deutsch. Ich habe gar keine Sorge, dass das zu einem erfolgreichen Propagandamittel wird, wenn es nun wieder Nachdrucke gibt. Für eine Anstiftung oder zur Radikalisierung taugt es nicht“, schlussfolgerte der Experte. „Ich glaube, das im Kreise von Neonazis das Buch einfach einen Kultstatus hat, nicht vom Inhalt her gesehen, sondern aus seiner geschichtlichen Tradition heraus.“

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    Tags:
    Nationalsozialismus (Nazismus), Mein Kampf, Heinz-Peter Meidinger, Adolf Hitler, Deutschland