03:04 23 März 2017
Radio
    Belgische Polizei bei Molenbeek

    Experte: Ein Molenbeek gibt es bald auch in Deutschland und Italien

    © REUTERS/ VTM
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Explosionen erschüttern Brüssel (137)
    67911618

    Aus Molenbeek stammen nicht nur die Attentäter von Paris, sondern eine ganze Generation von Terroristen. Nach den Anschlägen von Brüssel blickt die ganze Welt auf Molenbeek. Der Brüsseler Professor Johan Leman sieht in Molenbeek allerdings kein spezifisch belgisches Problem.

    "Ich verstehe, dass man gerade Molenbeek als sehr zentral für Dschihadismus in Europa sieht. Ich bin mir aber sicher, dass es in einigen Monaten eine Stadt in Italien oder auch in Deutschland sein“, sagte der Anthropologie-Professor, der die gemeinnützige Organisation Foyer leitet, welche versucht, mit Streetworkern und einem Jugendzentrum die Probleme in Molenbeek anzugehen.

    „Ich denke, dass das Problem, ehrlich gesagt, eher ein europäisches ist. Was nun geschieht, ist, dass ISIS zurzeit Frankreich und Belgien für Anschläge im Fokus hat. Aber das kann in den nächsten Monaten auch genauso in einem anderen Land in Europa geschehen. Und es wird immer irgendwo eine Zelle geben, in der die Anschläge vorbereitet werden."

    "Molenbeek hat seine Probleme“, stellt der Experte in einem Sputnik-Interview mit Bolle Selke fest. „Es ist eine Gemeinschaft, die in 20 Jahren von 65.000 auf 100.000 Einwohner gewachsen  ist. Und das gibt Probleme, auch mit der Arbeitslosigkeit. Das kann natürlich nicht die Ursache sein, das ist nur eine der Ursachen für das, was in Molenbeek geschieht. Die Tradition des Dschihadismus gibt es dort schon seit 1995. Das fing mit Verbindungen mit Frankreich an, und diese Tradition des Dschihadismus hat sich in Molenbeek verankert. Ich denke, die Strategie von IS war hier nach Kriminellen zu suchen, weil sie dafür sehr nützlich sind."

    "Ich würde sagen, in Molenbeek gab es 65 echte Dschihadisten, mittlerweile werden es 100 sein. Dazu nochmal 200 Sympathisanten. Ich denke, dass es insgesamt eine Gruppe von 300 Extremisten geben wird. Man kann aber eigentlich wissen, wer das ist. Nur das Problem hier in Molenbeek und auch in Brüssel ist, dass die Distanz zwischen den Behörden — Polizei und so weiter — und der Bevölkerung zu groß ist. "

    Explosionen am Flughafen Brüssel
    © AP Photo/ Ketevan Kardava/ Georgian Public Broadcaster

    "Ich denke das Molenbeek beispielhaft ist für alle Probleme die man in Europa finden kann“, betont Professor Leman. „ Jugendarbeitslosigkeit ist ein Problem in Europa. Das findet man auch in Molenbeek. Dysfunktionale Sicherheitsdienste sind ein europäisches Problem. Das findet man auch in Molenbeek. Man findet hier eine Kumulation aller möglichen Probleme die man sonst auch in Europa findet. So ist die Situation hier."

    In der Distanz zwischen den Behörden und der Bevölkerung sowie in der Untätigkeit der Staatsorgane sieht der Experte das Hauptproblem von Molenbeek:  "Als Priorität sehe ich, dass die Behörden und Institutionen das Vertrauen der Bevölkerung zurück gewinnen sollten. Ich bestehe bei dem Premierminister und so auch immer wieder darauf, dass er nach Molenbeek kommt. Damit die Leute sehen, dass es Menschen wie sie selbst sind und nicht immer sagen, dass es Leute sind, den man nicht vertrauen kann. Bei den Kriminellen muss man natürlich repressiv sein. Man weiß schon seit 30 Jahren,  dass es eine Drogenroute von Marokko, durch Frankreich, durch die Niederlande nach Belgien gibt. Keiner kann mir sagen, dass die Regierenden in Marokko oder Belgien das nicht wissen. Also — warum tut man nichts?

    Themen:
    Explosionen erschüttern Brüssel (137)

    Zum Thema:

    IS bildete mindestens 400 Attentäter für Einsätze in Europa aus - AP
    Russischer Antiterror-Veteran: Acht Tipps zum Überleben bei Anschlägen
    Europol warnt vor größter Terrorgefahr seit über zehn Jahren
    Extremsituation nach Terroranschlägen: Überhöhte Strahlung in Brüssel
    Tags:
    Terrorgefahr, Italien, Deutschland, Molenbeek